«Falsche Hoffnungen»: Immunologe kritisiert Corona-Experiment von Luzerner Hausärztin
Aktualisiert

«Falsche Hoffnungen»Immunologe kritisiert Corona-Experiment von Luzerner Hausärztin

Nachdem eine Hausärztin ihren Patienten ein nicht zugelassenes Medikament zur Covid-19-Behandlung verabreicht hatte, nimmt ein Immunologe Stellung. Er weist auf die Gefahr solcher Experimente hin.

von
Daniela Gigor
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Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni kritisiert das Handeln der Hausärztin Andrea Ludwig harsch. 

Der Tessiner Infektiologe Christian Garzoni kritisiert das Handeln der Hausärztin Andrea Ludwig harsch.

Die Luzerner Hausärztin Andrea Ludwig verabreicht schweizweit zum ersten Mal ein Arzneimittel namens Opaganib.

Die Luzerner Hausärztin Andrea Ludwig verabreicht schweizweit zum ersten Mal ein Arzneimittel namens Opaganib.

praxisludwig.ch
Opaganib wurde ursprünglich zur Behandlung von Gallengangstumoren und Prostatakrebs entwickelt. Nun nutzt die Luzerner Hausärztin dieses Medikament, um Corona-Patienten zu helfen.

Opaganib wurde ursprünglich zur Behandlung von Gallengangstumoren und Prostatakrebs entwickelt. Nun nutzt die Luzerner Hausärztin dieses Medikament, um Corona-Patienten zu helfen.

redhillbio.com

Darum gehts

  • Hausärztin Andrea Ludwig hat laut eigenen Angaben zum ersten Mal in der Schweiz fünf Patienten das Arzneimittel Opaganib erfolgreich gegen Covid-19 verabreicht.

  • Infektiologe Christian Garzoni sagt, dies sei gefährlich und würde falsche Hoffnungen wecken.

  • Bevor Medikamente eingesetzt werden, müssten gute und ausführliche klinische Studien vorliegen.

  • Ein sogenanntes Wundermittel gegen Covid-19 gebe es bisher nicht.

Zum ersten Mal in der Schweiz hat die Luzerner Hausärztin Andrea Ludwig fünf Patienten das Arzneimittel Opaganib gegen Covid-19 verabreicht. Der Test war laut eigener Aussage erfolgreich. Offiziell ist das Medikament in der Schweiz aber nicht zur Behandlung von Covid-19-Patienten zugelassen. Unter der Bezeichnung «compassionate use» dürfen nicht zugelassene Arzneimittel allerdings eingesetzt werden, wenn es sich um besonders schwere Krankheitsfälle handelt, bei denen zugelassene Medikamente nicht zufriedenstellend wirken.

Kein Verständnis für das Handeln von Dr. Ludwig hat Infektiologe Christian Garzoni: «Das geht gar nicht, ist sogar gefährlich und solche Aussagen bringen überhaupt nichts, ausser Unsicherheiten und falsche Hoffnungen. Bevor Medikamente eingesetzt werden, müssen gute und ausführliche klinische Studien vorliegen.» Es sei sehr wichtig, dass ein Mediziner verstehe, was er mache. «Es ist auch wichtig, dass der behandelnde Arzt und der Patient das Risiko-Nutzen-Verhältnis kennen und somit die Gefahr der Nebenwirkungen», so Garzoni weiter.

Inzwischen ist auch Remdesivir umstritten

Leider sei es noch immer so, dass es nur wenige Medikamente gebe, die gewissen Patienten etwas bringen würden. So etwa das Corticoid Prednison für Patienten mit Sauerstoffmangel. Garzoni: «Auch der Arzneimittelstoff Remdesivir ist heute umstritten, weil er die anfänglichen Hoffnungen nicht erfüllen konnte.» Das erhoffte Zaubermittel gegen das Coronavirus wird in der Zwischenzeit auch von der WHO ausdrücklich nicht mehr empfohlen, wie dw.com schreibt.

Eines der Probleme beim Coronavirus ist laut Garzoni, dass es bei einigen Patienten das Immunsystem zu stark aktiviert. Dort könnten dann sogenannte immunmodulierende Medikamente wirksam sein. Als Immunmodulation wird die Veränderung des körpereigenen Abwehrsystems durch Medikamente bezeichnet. Weiter sagte Garzoni, dass momentan neue Heilmittel Studien durchlaufen, die die Immunaktivität minimieren. Aber: «Es gibt bisher kein Wundermittel gegen Covid. Die Impfung ist die einzige Möglichkeit, um den langen Weg des Tunnels abzukürzen.»

Die Luzerner Ärztin Andrea Ludwig testete das Arzneimittel Opaganib laut eigenen Aussagen an fünf Patienten mit dem Coronavirus. So etwa auch an einer 82-jährige Risikopatientin, die an der brasilianischen Variante des Coronavirus erkrankt war. Sie soll sich in einem schlechten gesundheitlichen Zustand befunden haben. Nach der Behandlung mit Opaganib habe sich auch ihr Zustand rasch verbessert.

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