Skepsis und komplizierte Vergütung - Impfkampagne in den Hausarztpraxen droht sich zu verzögern
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Skepsis und komplizierte VergütungImpfkampagne in den Hausarztpraxen droht sich zu verzögern

Bald sollen im ganzen Land Hausärztinnen und -ärzte die breite Bevölkerung gegen Corona impfen. Doch nicht alle wollen oder können das. Die Impfkampagne droht weiter verschleppt zu werden.

von
Leo Hurni
Daniel Graf
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Hausärztinnen und -ärzte sind ein zentraler Bestandteil der Impfstrategie des Bundes. 

Hausärztinnen und -ärzte sind ein zentraler Bestandteil der Impfstrategie des Bundes.

AFP
Nicht alle Hausärztinnen und -ärzte können und wollen aber gegen Corona impfen. Das könnte die Impfkampagne des Bundes in Verzug bringen.  

Nicht alle Hausärztinnen und -ärzte können und wollen aber gegen Corona impfen. Das könnte die Impfkampagne des Bundes in Verzug bringen.

AFP
Denn einerseits sträuben sich einige Ärztinnen und Ärzte gegen die Impfung selbst.  «Wir können keinen uns überzeugenden medizinisch-wissenschaftlichen Grund anführen, warum eine Impfung zum jetzigen Zeitpunkt mit einem der jetzt verfügbaren Impfstoffe durchgeführt werden sollte»,  heisst es etwa bei einer Praxis in Schwyz.  

Denn einerseits sträuben sich einige Ärztinnen und Ärzte gegen die Impfung selbst. «Wir können keinen uns überzeugenden medizinisch-wissenschaftlichen Grund anführen, warum eine Impfung zum jetzigen Zeitpunkt mit einem der jetzt verfügbaren Impfstoffe durchgeführt werden sollte», heisst es etwa bei einer Praxis in Schwyz.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Nicht nur in den Impfzentren, sondern auch bei den Hausärztinnen und -ärzte soll jetzt vermehrt gegen Corona geimpft werden.

  • Dass aber nicht alle Hausärztinnen und Hausärzte in ihren Praxen gegen Corona impfen, hat verschiedene Gründe.

  • Vor allem die tiefe Bezahlung pro Impfung habe das Tempo verlangsamt, meint Felix Huber, selber Hausarzt und Präsident von Medix.

  • Auch logistische Faktoren spielten eine Rolle, meint der Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte.

  • Für SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen ist deshalb klar: Impfen muss auch in der Arztpraxis möglich sein.

Auf 21 Seiten erklären die Ärzte der Praxis für Allgemeinmedizin Muotathal ihren Patientinnen und Patienten, weshalb sie derzeit keine Covid-Impfungen vornehmen. Sie kommen zum Schluss: «Wir können keinen uns überzeugenden medizinisch-wissenschaftlichen Grund anführen, warum eine Impfung zum jetzigen Zeitpunkt mit einem der jetzt verfügbaren Impfstoffe durchgeführt werden sollte.»

Damit sind die Ärzte nicht alleine. Das «Netzwerk Impfentscheid» führt eine Liste mit Ärztinnen und Ärzte, die dem Thema Impfen kritisch gegenüberstehen oder zumindest «keinen Druck ausüben», zu impfen.

«Für das kantonale Flickwerk müssen wir uns schämen»

«Auch die Vergütungen führen zu massiven Verzögerungen in der Impfstrategie», sagt Felix Huber, selber Arzt und Präsident von Medix, einer Vereinigung regionaler Ärztenetzwerke. «Der Ansatz, der für die Vergütung der Hausärzte gewählt wurde, ist ein hochkomplexes kantonales Flickwerk, für das wir uns schämen müssen.»

Die Hausärztinnen und -ärzte erhalten vom Bund pro Corona-Impfung 24.50 Franken. «Die meisten Hausarztpraxen können es sich bei dieser knausrigen Entschädigung nicht leisten, zusätzliches Personal anzustellen», sagt Huber. Je nach Kanton werde der Betrag deshalb nun noch ergänzt.

«Könnten schon viel weiter sein»

«Hätten Bund und Kantone die Hausärzte von Anfang an impfen lassen und einheitlich mit mindestens 50 Franken vergütet, wären wir mit der Impfstrategie heute schon viel weiter», sagt Huber. In Kürze würden Millionen Impfdosen geliefert. «Jede Hausarztpraxis, die sich aufgrund der komplizierten und ungenügenden Vergütungen nicht an der Impfkampagne beteiligt, verzögert die Impfkampagne weiter», warnt Huber.

«Dass in der grössten Pandemie seit 100 Jahren hochkomplexe Lösungen und nationale Impfzentren aus dem Boden gestampft werden, anstatt auf die bewährte Impfung in den Hausarztpraxen zu setzen, verzögert sich die Impfkampagne um Monate. Wir sollten das Theater beenden und endlich vorwärts machen mit dem Impfen», fordert der Medix-Präsident.

Ein weiterer Grund, weshalb einige Arztpraxen keine Corona-Impfungen vornehmen werden, ist die Logistik: «Aufgrund des enormen logistischen Aufwandes beim Impfen in der Praxis und der Nähe unserer Praxis zum gut funktionierenden Impfzentrum ist es sehr wahrscheinlich, dass wir ganz auf Impfungen in unserer Praxis verzichten werden und stattdessen als Impfärzte im Impfzentrum helfen», schreibt ein Ärztepaar aus Kriens auf seiner Homepage. Auch der Berufsverband FMH sagt, dass nicht alle Arztpraxen sich anböten (siehe unten).

«Wichtig, dass jetzt alle mitmachen»

Die Bedeutung der Hausärztinnen und Ärzte wird von SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen betont. «Es ist extrem wichtig, dass jetzt Impfen auch in der Arztpraxis möglich ist. Denn in den kommenden Wochen erwarten wir so viele Impfdosen, dass die Impfzentren dies gar nicht alleine bewältigen können.»

Zudem sei die persönliche Beziehung zwischen Hausarzt und Patient nicht zu unterschätzen. «Gerade für Personen, die nicht zur Risikogruppe gehören und kritisch sind gegenüber der Impfung, kann ein persönliches Gespräch mit einer Vertrauensperson wie der Hausärztin helfen und Unklarheiten oder Skepsis gegenüber der Impfung ausräumen.»

Wasserfallen kritisiert auch die zu tiefen Vergütungen: «Es kann nicht sein, dass die Impfkampagne verzögert wird, weil die Pauschale für die Impfung in Arztpraxen nicht kostendeckend ist. Wenn wir den Beitrag der Hausärztinnen zu einem raschen Impffortschritt sicherstellen wollen, muss die Pauschale den tatsächlichen Aufwand für die Impfungen vollumfänglich vergüten. Wir kommen schneller aus dieser Krise, wenn das Impfen voran kommt.»

«Vertretbarer Kompromiss»

Tobias Bär, Mediensprecher der Gesundheitsdirektorenkonferenz, verteidigt die Tarife: «Die Kantone und die Krankenversicherer haben sich im Februar auf einen Nachtrag zum Tarifvertrag geeinigt. Wir sind der Meinung, dass mit dieser Tarifanpassung für die Arztpraxen keine kantonalen Verhandlungen über zusätzliche Abgeltungen mehr zu führen sind. Mit der Pauschale wird zwar nicht jeder Einzelfall kostendeckend abgegolten, aber unter dem Strich wurde ein vertretbarer Kompromiss gefunden.»

Es sei ausserdem gar nicht nötig, dass sämtliche Arztpraxen bei der Impfkampagne mitmachten: «Teilweise sprechen auch logistische Überlegungen von Seiten einer Praxis oder des Kantons gegen den Einbezug», sagt Bär.

«Ärzte sind bereit, obwohl Bezahlung nicht reicht»

Bei der FMH, dem Berufsverband der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, ist man positiv gestimmt: «Wir machen die Erfahrung, dass Ärztinnen und Ärzte bereit sind zu impfen, obwohl die Bezahlung nicht kostendeckend ist», sagt Mediensprecherin Charlotte Schweizer. Auch sie sagt aber, dass sich nicht alle Praxen für Reihenimpfungen eigneten. «Es gibt Praxen, denen es aus logistischen Gründen schlicht unmöglich ist, die Impfung anzubieten. Zudem braucht es auch zeitliche Kapazitäten, da der Normalbetrieb in stark ausgelasteten Praxen auch weiterlaufen muss», so Schweizer.

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