Recherche zeigt – Impfskepsis beim Pflegepersonal hält an
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Recherche zeigtImpfskepsis beim Pflegepersonal hält an

Die Impfquote beim Pflegepersonal steigt. Doch in gewissen Heimen und Spitälern ist sie mit 50 Prozent weiterhin unterdurchschnittlich. Politiker hoffen auf die Impf-Offensive des Bundes.

von
Pascal Michel
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Besorgt zeigt sich die Gesundheitsdirektion des Kantons Bern. Befragungen von Verbänden zeigten, dass 50 bis 60 Prozent des Pflegepersonals geimpft seien.

Besorgt zeigt sich die Gesundheitsdirektion des Kantons Bern. Befragungen von Verbänden zeigten, dass 50 bis 60 Prozent des Pflegepersonals geimpft seien.

20min/Marvin Ancian
«Das ist unserer Meinung nach nicht ausreichend», sagt Sprecher Gundekar Giebel zu 20 Minuten.

«Das ist unserer Meinung nach nicht ausreichend», sagt Sprecher Gundekar Giebel zu 20 Minuten.

20min/Marvin Ancian
Die Gräben verlaufen zwischen der Ärzteschaft und dem Pflegepersonal. Im Kantonsspital Baselland sind 81 Prozent der Ärzte geimpft, bei den Pflegenden liegt die Quote um 30 Prozentpunkte tiefer.

Die Gräben verlaufen zwischen der Ärzteschaft und dem Pflegepersonal. Im Kantonsspital Baselland sind 81 Prozent der Ärzte geimpft, bei den Pflegenden liegt die Quote um 30 Prozentpunkte tiefer.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

  • Zu Beginn der Impfkampagne zögerte ein Teil des Pflegepersonals.

  • Eine Umfrage bei Kantonen und Spitälern zeigt, dass die Impfbereitschaft weiterhin unterdurchschnittlich ausfällt.

  • Ein GLP-Politiker fordert deshalb, den Nutzen der Impfung in der Pflege-Ausbildung verstärkt zu thematisieren.

Ärzte und Ärztinnen und Pflegepersonal sind seit anderthalb Jahren in ihrer täglichen Arbeit unmittelbar mit den Folgen der Corona-Pandemie konfrontiert. Sie intubierten auf Intensivstationen, halfen Kollegen und Kolleginnen auf anderen Stationen aus oder bekamen in Altersheimen hautnah mit, wie das Virus wütete. Die Belastung brachte vielerorts die Mitarbeitenden an den Anschlag.

Trotzdem ist Impfskepsis beim Pflegepersonal weiterhin verbreitet. Im Januar berichtete 20 Minuten über Heime, wo sich gerade mal zehn Prozent des Pflegepersonals für die Impfung begeistern konnten. Mehr als ein halbes Jahr später ist die Quote zwar angestiegen.

Über einen nationalen Überblick zur Quote beim Pflegepersonal verfügt das Bundesamt für Gesundheit nicht. Recherchen zeigen: In einigen Kantonen und Institutionen verharrt die Impfbereitschaft weiter unter der durchschnittlichen Impfquote der Restbevölkerung (siehe Box). Diese beträgt aktuell 65 Prozent.

«Nicht ausreichend»

Besorgt zeigt sich die Gesundheitsdirektion des Kantons Bern. Befragungen von Verbänden zeigten, dass 50 bis 60 Prozent des Pflegepersonals geimpft seien. «Das ist unserer Meinung nach nicht ausreichend», sagt Sprecher Gundekar Giebel zu 20 Minuten. Die Spitäler des Kantons hätten geschätzte Impfquoten von 55 bis 75 Prozent rückgemeldet.

Die Zahlen

Die Unterschiede zwischen den Kantonen und Institutionen sind gross. So melden die Zürcher, Solothurner und Luzerner Spitäler Quoten von 75 Prozent und mehr. Im Kantonsspital Baselland dagegen sind nur 50 Prozent der Pflegekräfte geimpft. Wobei die Verantwortlichen davon überzeugt sind, dass die Quote sicher höher liege, da sich Mitarbeitende auch extern hätten impfen lassen.

Die Gräben verlaufen zwischen der Ärzteschaft und dem Pflegepersonal. Im Kantonsspital Baselland sind 81 Prozent der Ärzte und Ärztinnen geimpft, bei den Pflegenden liegt die Quote um 30 Prozentpunkte tiefer. Oftmals weisen Heime eine etwas tiefere Impfquote beim Personal aus als Spitäler. Hinter vorgehaltener Hand berichten Heim-Chefs, wie sie selbst mit grossem Effort den Anteil des geimpften Personals nur von 20 auf 40 Prozent steigern konnten.

Und viele Kantone und Institutionen verfügen über gar keine aktuellen Daten. So verweist der Kanton Thurgau auf eine Befragung aus dem Juli – Impfquote: 50 Prozent. Der Kanton Basel-Stadt muss sich mit Schätzungen behelfen. «Die Impfquote des Gesundheitspersonals ist auf alle Fälle bei der Covid-19-Impfung höher als bei der Grippe-Impfung», heisst es. Nur: Beim Gesundheitspersonal war die Grippe-Impfung nie gefragt. In den Jahren vor Corona liess sich gerade mal jeder Vierte gegen die Influenza impfen.

Woher die Zurückhaltung gegenüber der Impfung kommt, zeigt ein Blick in die Telegram-Gruppe «Pflegepersonal Schweiz für Aufklärung». Dort ruft unter anderem der Verein «Corona Transition» dazu auf, Daten über «die zweifelhaften, wenn nicht betrügerischen Machenschaften» von Swissmedic zu sammeln.

Dies fällt bei einigen Pflegenden auf fruchtbaren Boden. Eine Pflegerin berichtet, sie kenne einen 44-Jährigen, der nach der Impfung Speiseröhrenkrebs bekommen habe. Eine Therapeutin behauptet, dass Patienten zwei Wochen nach der Impfung mit unklaren Gelenkschmerzen zu kämpfen hätten und arbeitsunfähig seien. Und: «Andere hatten einen massiven Schub MS, Parkinson oder Rheuma (...). Die MS-Patientin ist innert drei Monaten verstorben. Zufall?»

Ein 26-jähriger Pfleger erklärte seine Ablehnung gegenüber 20 Minuten so: «Wir haben jeden Tag mit Medikamenten zu tun und kennen die Nebenwirkungen. Da wir bei der Corona-Impfung die Langzeitschäden noch nicht kennen, würde ich mich nie dagegen impfen lassen.»

Verbreitet ist die Angst, die Impfung könne die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Gerade im Pflegeberuf, wo mehrheitlich Frauen arbeiten, ist dies ein verbreitetes Thema. Warum diese Ängste und auch die Vorbehalte gegenüber der mRNA-Technologie unbegründet sind, zeigt der Faktencheck hier und hier.

Potential bei der Aufklärung

Was also tun? «Eine gute Aufklärung, zum Beispiel mit Hilfe eines Aufklärungsvideos, fehlt», sagt eine Sprecherin des Nidwaldner Spitals mit Blick auf die angekündigte Impf-Offensive des Bundesrats. Zwar sei eine hohe Durchimpfung der gesamten Bevölkerung notwendig. Aber: «Sicher kann das Pflegepersonal zusätzlich in einer guten, geeigneten Art und Weise angesprochen werden.» Bezüglich der Aufklärung über den Impfstoff sehe man im Rahmen der Impf-Offensive noch erhebliches Potenzial.

Für Mitte-Nationalrat Lorenz Hess, der in der parlamentarischen Gruppe Pflege sitzt, muss die Impf-Offensive auf die breite Bevölkerung ausgerichtet bleiben. Er staune aber schon länger über die hartnäckige Impfskepsis beim Pflegepersonal, das eigentlich über medizinisches Wissen verfügen sollte.

«Im Rahmen der Nachbearbeitung der Pandemie braucht es Untersuchungen, damit wir in Zukunft wissen, warum Pflegende die Impfung skeptisch sehen», so Hess. Nur so könne man sie bei der nächsten Pandemie erreichen und überzeugen. GLP-Nationalrat Jörg Mäder ergänzt: «Wir müssen in der Pflege-Ausbildung stärker betonen, wie revolutionär Impfungen waren – und wie eine Welt ohne sie aussehen würde.»

Abwehrreaktion befürchtet

«Die Gründe, sich nicht impfen zu lassen, sind oft sehr persönlich und bei den Pflegenden wahrscheinlich ebenso vielfältig wie bei der allgemeinen Bevölkerung», sagt Roswitha Koch vom Pflegeverband. Sie ist zufrieden mit der Impfquote beim Pflegepersonal und schätzt diese als «generell recht hoch» ein.

«Aktuell ist es wichtig, dass sich die Impfquote der Gesamtbevölkerung verbessert, unabhängig vom Arbeitsort. Und da die Impfquoten bei den jungen Menschen noch eher tief sind, erscheint es uns sehr sinnvoll, dass diese speziell im Fokus der neuen Kampagne stehen», so Koch. Auch Christian Streit, Geschäftsführer des Verbands Senesuisse, sagt: «Wenn man das Pflegepersonal explizit adressiert, reagiert es meist mit Abwehrreaktion, deshalb ist die allgemeine Kampagne hilfreicher.»

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