Impfdrängler - Impftourismus sorgt für Termin-Chaos in den Kantonen
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ImpfdränglerImpftourismus sorgt für Termin-Chaos in den Kantonen

Einige Kantone impfen schon 18-Jährige, andere erst die Risikogruppen. Das führt zu kantonalem Impftourismus – es drohen abgesagte Termine und vernichtete Impfdosen.

von
Daniel Graf
Bettina Zanni
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Immer mehr Menschen versuchen, so schnell wie möglich einen Impftermin zu ergattern. 

Immer mehr Menschen versuchen, so schnell wie möglich einen Impftermin zu ergattern.

20min/Marco Zangger
Dazu melden sie sich teils in diversen Kantonen an und nehmen dann einfach den ersten Impftermin wahr. 

Dazu melden sie sich teils in diversen Kantonen an und nehmen dann einfach den ersten Impftermin wahr.

20min/Marco Zangger
Das führt zu einem Terminchaos: Die Kantone können nicht immer kontrollieren, woher die Personen stammen, die sich zur Impfung anmelden. 

Das führt zu einem Terminchaos: Die Kantone können nicht immer kontrollieren, woher die Personen stammen, die sich zur Impfung anmelden.

20min/Marco Zangger

Darum gehts

  • Die Kantone können auch Impfungen für Personen von ausserhalb ihres Kantons impfen.

  • Das machen sich immer mehr Menschen zunutze: Sie melden sich in diversen Kantonen gleichzeitig an und nehmen den ersten Impftermin wahr.

  • Die Kantone versuchen dies teils zu verhindern, die Kontrollmechanismen funktionieren aber nicht immer.

  • Die Folge sind diverse abgesagte Impftermine, es droht sogar Impfstoff vernichtet zu werden.

Die Impfkampagnen in den Kantonen schreiten sehr unterschiedlich voran. In Uri sollen in den kommenden Tagen Impftermine für alle über 16 Jahren vergeben werden. In der Waadt werden bereits seit Montag alle Erwachsenen geimpft. «Nach der Ankündigung haben wir innerhalb von 24 Stunden 100’000 Anmeldungen erhalten», sagt Chrystel Domenjoz, Mediensprecherin des Gesundheitsdepartements. Ganz anders sieht es in Schwyz aus, wo noch immer Menschen über 65 geimpft werden, in Zürich ist man bei den über 50-Jährigen angelangt.

Ob die Kantone nur ihre eigene Wohnbevölkerung impfen oder auch Auswärtige, können sie selber entscheiden: «Impfwillige sind in der Wahl des Impfortes frei, denn der Tarifvertrag gilt für die ganze Schweiz», sagt Gundekar Giebel, Leiter Kommunikation der Berner Gesundheitsdirektion. «Die Impfung ist somit unabhängig von Wohnort möglich.» In Bern würden deshalb auch Menschen aus anderen Kantonen geimpft.

«So dauert das in Zürich noch fünf Jahre»

Nun zeigt sich: Immer öfter melden sich Menschen in diversen Kantonen gleichzeitig an, um möglichst früh einen Termin zu ergattern. «Ich habe mich in mehr als zehn Kantonen angemeldet. In Zug, Thurgau und Solothurn habe ich einen Impftermin erhalten, in meinem Wohnkanton Aargau noch nicht», so eine Leserin. «Wenn ich abgewiesen werde, gehe ich halt zum nächsten Termin.»

Auch Luisa, 22, sagt: «Macht der Kanton Zürich so langsam weiter, wie bisher, dauert es wohl noch Jahre, bis die Jungen eine Impfung bekommen.» Sie könne sich deshalb gut vorstellen, auf einen Kanton auszuweichen, der Junge früher impfe, so die Studentin.

Solothurn kann Anmeldungen aus anderen Kantonen nicht verhindern

Aufgrund des Impftourismus weist Uri Impfwillige aus anderen Kantonen im Moment noch ab: «Derzeit erfolgen die Anmeldungen noch per Telefon und es werden nur Urnerinnen und Urner geimpft», sagt Adrian Zurfluh von der Standeskanzlei. Im Zweifelsfall werde nachgefragt und der Wohnsitz eruiert. Sobald die Anmeldung über das Internetportal möglich sei, werde das First-come-First-served-Prinzip «so richtig umgesetzt».

Dass auch ein Online-Anmeldetool nicht vor Impftourismus schützt, zeigt sich in Solothurn. Dort werden ab Mai alle Erwachsenen geimpft – diejenigen zuerst, die sich am frühesten anmelden. «Seit dieser Ankündigung haben wir sehr viele Anmeldungen erhalten», sagt Simon Muster vom Departement des Innern. «Zurzeit haben wir im Anmeldesystem keinen Mechanismus, der verhindert, dass sich nicht im Kanton Solothurn wohnhafte Personen anmelden können. Wir sind daran, eine Lösung für dieses Problem zu finden.» Muster bestätigt, dass sich auch Personen aus anderen Kantonen anmelden. Daten dazu, wie viele das sind, würden nicht erhoben.

Im schlimmsten Fall muss Impfstoff vernichtet werden

Gesundheitsökonom Willy Oggier hat Verständnis dafür, dass Personen sich in verschiedenen Kantonen anmelden. «Es ist völlig klar, dass Menschen dies versuchen. Der Impfdruck ist im Hinblick auf den Sommer gross» (siehe unten). «Das Problem ist, dass es keine einheitliche Software gibt, die alle anderen Termine aus dem System löscht und zur Weitergabe freigibt, sobald jemand seinen Termin in einem der Kantone erhalten hat.» Schuld daran seien in erster Linie Föderalismus und Datenschutz.

Das bringt für die Kantone das Problem, dass plötzlich sehr viele Impftermine abgesagt oder nicht wahrgenommen werden könnten – und jeder nicht wahrgenommene Impftermin erschwert die Planung, wie es etwa aus Basel-Stadt heisst. Auch David Dürr, Leiter der Dienststelle Gesundheit und Sport in Luzern, sagt: «Wenn sich Leute an diversen Orten anmelden und den Termin nicht wahrnehmen, führt dies zu unnötigen und vermeidbaren ‹No-Shows›» Die Personen, die ihre Impfung bereits erhalten hätten und für weitere Impftermine angemeldet seien, würden gebeten, diese rechtzeitig abzusagen. «Ansonsten könnte die Situation entstehen, dass Impfstoff vernichtet werden muss.»

«Man muss den Trödelkantonen den Impfstoff wegnehmen»

Für Oggier ist wichtig, das Hauptziel nicht aus den Augen zu verlieren: «Es geht darum, alle, die wollen, möglichst schnell zu impfen, um die Herdenimmunität zu erreichen. Da kann man nicht am Kantönligeist festhalten.» Das heisse aber auch, dass man konsequent sein müsse: «Wenn es Kantone gibt, die schneller sind, muss man den Trödelkantonen einen Teil ihres Impfstoffs wegnehmen und ihn den schnellen geben.»

Tobias Bär von der Gesundheitsdirektorenkonferenz sagt, dass die Nachfrage in den nächsten Wochen das Angebot weiterhin übersteigen wird. «Zudem erfolgt die Zuteilung der Impfdosen gemäss der Grösse des Wohnkantons. Dieser wird wohl erst keine Rolle mehr spielen, wenn die Knappheit nicht mehr besteht.»

Bund macht Hoffnung auf Festival-Sommer

Am Mittwoch verkündete der Bundesrat, dass Grossveranstaltungen im Sommer abhängig von der epidemiologischen Lage wieder möglich sein sollen. Ab dem 1. Juli sollen bis zu 3000 Personen zugelassen werden, es gelten strenge Schutzkonzepte und nur Personen mit GGG-Status (Geimpft, Getestet, Genesen) sollen Zutritt erhalten. Davor sollen die Kantone in einer Pilotphase im Juni Veranstaltungen mit 300 bis 600 Personen bewilligen dürfen. Läuft alles nach Plan, soll die Obergrenze ab dem 1. September auf 10'000 Personen angehoben werden. So plant etwa das Openair Gampel im Wallis Anfang September ein Pilot-Festival mit 10’000 Besuchern pro Tag.

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