Massnahmen weiterhin nötig: Impfungen allein können das Coronavirus nicht aufhalten
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Massnahmen weiterhin nötigImpfungen allein können das Coronavirus nicht aufhalten

Die Impfung gegen Covid-19 ist das zentrale Mittel gegen die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2. Doch eine neue Studie zeigt: Die Mutanten könnten den Traum von einer baldigen Herdenimmunität zunichtemachen.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Wie die verschiedenen Corona-Massnahmen zusammenwirken, lässt sich gut anhand des sogenannten Schweizer-Käse-Modells erklären.  

Wie die verschiedenen Corona-Massnahmen zusammenwirken, lässt sich gut anhand des sogenannten Schweizer-Käse-Modells erklären.

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Aufgebracht hat dieses die deutsche Virologin und Infektionsbiologin Melanie Brinkmann. Auf der deutschen Bundespressekonferenz am 3. November 2020 erklärte sie mithilfe des Schweizer-Käse-Modells die Bedeutung der Kombination der verschiedenen Corona-Massnahmen. 

Aufgebracht hat dieses die deutsche Virologin und Infektionsbiologin Melanie Brinkmann. Auf der deutschen Bundespressekonferenz am 3. November 2020 erklärte sie mithilfe des Schweizer-Käse-Modells die Bedeutung der Kombination der verschiedenen Corona-Massnahmen.

Julian Stratenschulte/dpa
Das Schweizer-Käse-Modell besagt, dass jede Scheibe Käse Löcher hat, so wie auch jede Regel oder Massnahme Schwächen aufweist. Wenn man jedoch alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hintereinanderschaltet, erklärt Brinkmann, könne man sich immer besser vor dem Virus schützen. Zudem gebe es immer die Option, die «Löcher» zu verkleinern. 

Das Schweizer-Käse-Modell besagt, dass jede Scheibe Käse Löcher hat, so wie auch jede Regel oder Massnahme Schwächen aufweist. Wenn man jedoch alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten hintereinanderschaltet, erklärt Brinkmann, könne man sich immer besser vor dem Virus schützen. Zudem gebe es immer die Option, die «Löcher» zu verkleinern.

Illustration: Athena Grandis

Darum gehts

  • Der Hoffnung, die Impfungen könnten zur Herdenimmunität führen, verpassen britische Forschende einen Dämpfer.

  • Demnach braucht es zunächst auch weiterhin die anderen Corona-Massnahmen.

  • So könnte die Zahl der Toten deutlich gesenkt werden.

  • Auch Gesellschaften und Volkswirtschaften profitierten davon.

Anders als die britische Mutante B.1.1.7, die sich in grossen Schritten in der Schweiz ausbreitet und mittlerweile 5860 Mal nachgewiesen wurde, kommt die Impfkampagne des Bundes nur langsam voran. Bislang haben erst 465'782 Personen beide Dosen der bislang in der Schweiz verfügbaren Impfstoffe erhalten (Stand: 23. März 2021).

Doch selbst wenn schon viel mehr Menschen die schützenden Piekse bekommen hätten: Von der angestrebten Herdenimmunität sind wir weit entfernt. Und das sogar deutlich weiter, als wir bis anhin gemeint haben. Davon berichten Forschende der britischen University of Warwick im Fachjournal «The Lancet Infectious Diseases».

Ausrottung des Virus nicht mehr realistisch

Laut den Berechnungen des Team um Matt J. Keeling (siehe Box) lässt sich mit Impfungen kaum noch eine Herdenimmunität gegen Sars-CoV-2 erreichen. Eine vollständige Eindämmung des Virus und damit das Ende der Pandemie allein aufgrund von Impfungen halten Keeling und seine Mitstreiter für unwahrscheinlich. Ähnlich hatte sich im Februar 2021 auch Immunologe Christian Münz von der Universität Zürich gegenüber Nzz.ch geäussert: Das Szenario, bei dem das Virus ausgerottet wird, «halte ich nicht mehr für realistisch.»

Ablauf der Studie

In ihrem Modell gingen die Forschenden von unterschiedlichen Infektionsdynamiken aus und berücksichtigten sowohl die Verbreitung der Impfungen in der britischen Bevölkerung als auch die unterschiedliche Wirksamkeit der Vakzine von Pfizer/Biontech und der Oxford University mit AstraZeneca. Doch in jedem Szenario – selbst bei dem, das von einer Immunisierung von 85 Prozent der Bürger ausging – ist laut den Forschern der Anstieg der Infektionen allein durch Impfungen derzeit nicht aufzuhalten. Dies liegt laut den Forschenden daran, dass keine Impfung bei allen Geimpften einen vollständigen Schutz erreicht

Doch was heisst das für unser Leben? «Würden wir nach Impfung aller Impfwilligen alle AHA+L-Regeln (siehe Box) fallen lassen, sterben viele», erklärt der deutsche Politiker und Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. So sehen es auch die britischen Forschenden. Ihnen zufolge sind Lockerungen der Corona-Massnahmen vertretbar, sobald ein grosser Teil der Bevölkerung geimpft ist.

Komplett darauf verzichten könne man auf diese vorerst nicht. Der Grund: Der theoretische R-Wert dürfte wegen der ansteckenderen Virusvarianten ohne jeden Impfschutz bei 3,15 liegen, so die Forschenden. Die Folgen seien sonst «fatal» und könnten auch in der teilgeimpften Bevölkerung zu neuen Infektionswellen führen, bei denen täglich 1670 Menschen in Grossbritannien sterben, heisst es in einer Mitteilung. Bei einer allmählichen Freigabe im Laufe der nächsten fünf oder zehn Monate bei gleich bleibendem Impftempo dagegen würde diese Zahl dagegen auf 430 beziehungsweise unter 46 Corona-Tote pro Tag sinken.

Was heisst AHA-L?

Die AHA-L-Regel bezeichnet – vor allem in Deutschland – die zur Eindämmung der Corona-Pandemie empfohlene Kombination der Vorsorge-Massnahmen. Mitunter wird die Regel noch um ein C ergänzt. Dafür stehen die Buchstaben:

A – Abstandsregeln einhalten

H – Hygieneregeln beachten

A – (Alltags)Maske tragen

L – Regelmässig und richtig lüften

C – Corona-Warn-App nutzen

Gute und schlechte Unsicherheiten der Studie

Keelings Kollege Sam Moore weist darauf hin, dass die von ihm und seinen Kollegen ausgewiesenen Zahlen gewissen Unsicherheiten unterliegen: «Seit wir diese Studie durchgeführt haben, haben sich neue Erkenntnisse ergeben, die darauf hindeuten, dass sowohl der Impfstoff von Pfizer-Biontech als auch der von Oxford/AstraZeneca einen höheren Schutz vor schweren Erkrankungen bieten, als wir angenommen haben.» Das sei gut: «Dies könnte das Ausmass der von uns geschätzten zukünftigen Spitaleinweisungen und Todesfälle reduzieren, wodurch zukünftige Wellen für das Gesundheitswesen besser zu bewältigen wären.»

Allerdings berücksichtigen die Forschenden bei der Modellierung der verschiedenen Szenarien weder die höhere Infektiosität von Mutanten wie B.1.1.7 gegenüber dem alten Erreger noch eine womöglich nachlassende Immunität von Geimpften einige Zeit nach der Impfung. Entsprechend könnten die errechneten Zahlen auch höher sein. Das würde die Coronamassnahmen noch wichtiger machen, da die britische Virusvariante die Ungeimpften sonst «voll durchliefe», führt Lauterbach auf Twitter aus.

Herdenimmunität vielleicht unerreichbar?

«Selbst wenn das meist Jüngere/Menschen im mittleren Alter wären, wäre das Ergebnis verheerend», so der Experte. «Die meisten Geimpften werden zwar nicht schwer krank, aber viele doch.» Deshalb zeige die Studie aus seiner Sicht auch, «wie wichtig es ist, Querdenker zu bekämpfen.» Weil: Je höher der Anteil Ungeimpfter ist, umso stärker müssen sich alle anderen einschränken, um grosse zusätzliche Wellen zu verhindern. Allerdings, das betont er in einem weiteren Post, müsse das Impfen freiwillig geschehen. «Ich bin gegen eine Impfpflicht.»

Lauterbach macht noch auf ein anderes mögliches Problem aufmerksam: «Wenn man während des Impfens hohe Fallzahlen zulässt, riskiert man Fluchtmutationen mit hoher Resistenz gegen Impfstoffe. Das treibt die Schwelle zur Herdenimmunität hoch, vielleicht in unerreichbare Höhe.»

Dass die Entwicklung von Fluchtmutationen unbedingt verhindert gehört, sieht auch Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen so: «Der Vorteil, eine weitere Pandemiewelle zu vermeiden, liegt auf der Hand: Weniger Long-Covid-Fälle, weniger Quarantäne, weniger Todesfälle und geringere Auswirkungen der Pandemie auf Gesellschaften und Volkswirtschaften», schreibt sie in einem Kommentar zur Studie: Denn «mehr Infektionen würden mehr Spielraum für die Ausbreitung und Entwicklung von Ausbruchsvarianten bedeuteten, die einen grossen Rückschlag für jede Impfstrategie darstellen, so dass es entscheidend sein wird, diese Eventualität zu vermeiden.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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