Tiefe Nachfrage – Impfwoche des Bundes befeuert Widerstand von Ungeimpften
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Tiefe NachfrageImpfwoche des Bundes befeuert Widerstand von Ungeimpften

Die Impf-Aktionen motivierten wenige Personen zur Impfung. Einer Psychoanalytikerin und einer Konfliktberaterin zufolge hat es der Bund mit einigen Nicht-Geimpften längst verspielt.

von
Bettina Zanni
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Eine 20-Minuten-Impfumfrage zeigt jedoch erstmals, dass staatliche Aktionen bei Ungeimpften wenig Chancen haben.

Eine 20-Minuten-Impfumfrage zeigt jedoch erstmals, dass staatliche Aktionen bei Ungeimpften wenig Chancen haben.

20min/Michael Scherrer
Vielerorts blieb die grosse Nachfrage nach Erstimpfungen in der letzten Impfwoche aus.

Vielerorts blieb die grosse Nachfrage nach Erstimpfungen in der letzten Impfwoche aus.

20min/Michael Scherrer
Die Impfwoche sei «kein Grosserfolg» gewesen, sagte der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri an einer Medienkonferenz.

Die Impfwoche sei «kein Grosserfolg» gewesen, sagte der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri an einer Medienkonferenz.

Screenshot/Youtube

Darum gehts

  • 71 Prozent der Ungeimpften geben in einer 20-Minuten-Impfumfrage an, dass sie sich vom Staat nicht zu einer Impfung drängen lassen wollten.

  • Aus Trotz hätten sich einige Ungeimpfte in der Impfwoche erst recht nicht impfen lassen, vermutet eine Konfliktberaterin.

  • Viele Ungeimpfte sähen in der Impfwoche einen zusätzlichen Manipulationsversuch des Staates, sagt eine Psychoanalytikerin.

Vielerorts blieb die grosse Nachfrage nach Erstimpfungen vergangene Woche aus. Gross war der Andrang dagegen bei bereits geimpften Seniorinnen und Senioren, die sich einen Booster holen wollten. Laut Bundesamt für Gesundheit liessen sich während der nationalen Impfwoche 35'000 Personen eine Erstimpfung verabreichen. Damit sei die Impfwoche «kein Grosserfolg» gewesen, sagte der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri an einer Medienkonferenz.

Gesundheitsminister Alain Berset (SP) sieht dennoch viel Potenzial in der Impfwoche. «Jede zusätzliche Impfung, die man in der heutigen Situation machen kann, wird ein Erfolg sein», sagte er im 20-Minuten-Live-Talk.

Wollen sich von Staat nicht drängen lassen

Die Ergebnisse einer Impfumfrage von 20 Minuten lassen allerdings darauf schliessen, dass die Bemühungen des Bundes kontraproduktiv sein könnten. 71 Prozent der Befragten, die nicht geimpft sind, begründen ihren Widerstand damit, dass sie sich vom Staat nicht zu einer Impfung drängen lassen wollten. Vor allem die junge Bevölkerung: Bei den 16- bis 24-Jährigen geben dies 81 Prozent an, bei den 25- bis 34-Jährigen 73 Prozent.

Kommunikations- und Konfliktberaterin Cordula Reimann erachtet die Impfwoche für eine Gruppe von Ungeimpften als kontraproduktiv. Manche fühlten sich seit Beginn der Pandemie vom Staat bevormundet, sagt sie. «Ich kann mir gut vorstellen, dass sich einige Ungeimpfte aus Trotz erst recht nicht impfen lassen wollen.» Zu Trotzreaktionen habe auch die Impfkampagne mit den Herz-Pflastern beigetragen. «Bei vielen kam es so rüber, als hätten Menschen, die sich nicht impfen lassen, kein Herz.»

Eine Rolle spielt laut Reimann auch der Stadt-Land-Graben. «Ungeimpfte auf dem Land haben erneut das Gefühl, dass in Bern über sie entschieden werde.» Auch könne der Eindruck entstehen, der Bund begegne der ungeimpften Bevölkerung nicht auf Augenhöhe.

«Sich nicht ködern lassen»

Ähnliche Schlüsse zieht Psychoanalytikerin Ingrid Feigl. Die Impfwoche habe den Widerstand bei vielen Ungeimpften noch verstärkt. Ansonsten hätte die Kampagne etwas mehr Ungeimpfte angelockt, so Feigl. «Die geringe Nachfrage widerspiegelt, dass man Menschen, die den Staat als ‹diktatorisch› erleben, mit einer staatlichen Aktion nicht für eine Impfung gewinnt.»

Viele Ungeimpfte sähen in der Impfwoche eine zusätzliche Manipulation des Staates, sagt Feigl. «Sie wollen zeigen, dass sie sich nicht mit Zückerchen, wie Glühwein und Konzertchen ködern lassen.»

«Fühlen sich vom Staat eingeengt»

Staatliche Aktionen könnten insbesondere junge Menschen nicht umstimmen, sagt Feigl. Jugendliche lehnten sich gegen die Erwachsenen auf und wollten ihre eigenen Erfahrungen machen. «Von Autoritäten lassen sie sich ebenso wenig etwas vorschreiben.» Da die Jugend heute lange hinausgezögert werde, lehnten teilweise auch Menschen Ende 30 die Impfung als Zeichen der Auflehnung ab.

Einige Menschen wollten sich auch nicht impfen lassen, weil sie sich in der Schweiz vom Staat schon länger eingeengt fühlten, so Feigl. «In den Städten ist fast jeder Quadratzentimeter verwaltet und reguliert. Sie wollen nicht, dass der Staat nun auch noch über ihren Körper bestimmt.»

Arbeit auf Gemeindeebene und Gespräche

Potenzial, die Ungeimpften abzuholen, sehen die Expertinnen in anderen Möglichkeiten. «Mehr Menschen hätten sich angesprochen gefühlt, wenn man zum Beispiel auf Gemeindeebene mit konkreten Fallbeispielen von schweren Verläufen gearbeitet hätte», sagt Cordula Reimann. Je persönlicher ein Thema behandelt werde, desto mehr Leute würden angesprochen.

Feigl sieht eine Chance in unabhängigen und niederschwelligen Gesprächsangeboten. «Gerade junge Menschen sträuben sich manchmal aus Angst gegen die Impfung und nicht aus Überzeugung, trauen sich aber nicht, darüber zu sprechen.» Ein Umdenken hingegen funktioniere nur über Beziehungen. «Mit Argumenten erreicht man gewisse Menschen jedoch nicht. Das müssen wir akzeptieren.»

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