«Im Nu schlank»: Import-Boom bei gefährlichen Diätpillen
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«Im Nu schlank»Import-Boom bei gefährlichen Diätpillen

Abnehmen ohne Anstrengung: Viele Schweizer können dubiosen Pillen aus dem Ausland nicht widerstehen. Bis Ende Jahr dürfte der Zoll so viele davon beschlagnahmt haben wie noch nie.

von
Vroni Fehlmann

Die Tage der Hüftpölsterchen rücken wieder näher. Wer sich dagegen wehren will und eher zu den Sportmuffeln gehört, greift immer öfter zu Diätpillen. Das Geschäft mit den Schlankmachern floriert: Von Januar bis Oktober wurden laut dem Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic bereits 143 illegale Importe von Diätmitteln registriert. Auf das ganze Jahr hochgerechtnet sind das 6 Prozent mehr als 2012 und sogar ein Viertel mehr als 2011.

Aktuell liege das in China produzierte Produkt «LiDa DaDai Hua» im Trend. «Dieses vermeintlich pflanzliche Produkt enthält die nicht deklarierte chemische Substanz Sibutramin in einer Überdosis», erklärt Lukas Jaggi von Swissmedic. Diese wirkt sich auf das Nervensystem aus und zügelt den Appetit. Doch sie ist lebensgefährlich: Nach verschiedenen Todesfällen wurden Arzneimittel mit Sibutramin in allen Industrieländern verboten. Weitere Menschen starben wegen Überdosen und Nebenwirkungen von anderen Schlankheitspillen. Erst im Mai dieses Jahres gab Swissmedic eine Warnung vor der Diätpille «Pure Caffeine» heraus, das in einer bestimmten Dosierung tödlich wirken kann.

Diese kommen oft aus China oder Indien und werden mithilfe von professionell wirkenden Werbeanzeigen im Internet angepriesen - unter anderem mit erfundenen Positiv-Artikeln in Zeitschriften wie dem «Beobachter» oder «Men's Health». Wissenschaftlich sind viele der Pillen aber höchst fragwürdig. Das Mittel «Mighty Raspberry Ketone» beispielsweise ist gemäss der Onlinezeitschrift «Huffington Post» nur an Mäusen getestet worden. Internationale Institutionen wie die amerikanische Lebens- und Arzneimittelbehörde haben die Pillen wenig überraschend nicht anerkannt.

Aggressive Werbung als Marketingstrategie

Trotzdem werden die Tabletten auf den entsprechenden Internetseiten in den Himmel gepriesen. «Das ist alles Marketing. Bei einem neuen Produkt wird am Anfang viel Geld in die Vermarktung gesteckt», sagt Roman Schmid von der Zürcher Bellevue-Apotheke. Denn die Leute würden durch Inserate aufmerksam und probierten die Pillen dann aus. Nach einer Weile werde bekannt, dass die Wirkung nicht dieselbe ist, wie in der Werbung versprochen, und der Hype nimmt wieder ab.

Schmid macht deutlich: «Immer zuerst die Finger davon lassen und abklären, welche Inhaltsstoffe enthalten sind. Ich würde so etwas nie übers Internet bestellen.» Seines Erachtens gibt es auf dem Markt ohnehin wenig gute Diätpillen und die sind wenn überhaupt lediglich ein temporäres Hilfsmittel. Wer sie testen wolle, solle ein Produkt kaufen, das in der Schweiz registriert ist. Sonst gelte: «Wer abnehmen will, muss weniger essen und Sport machen.»

Hersteller sind schwierig zu fassen

Ernährungsexpertin Isabella Gasser rät ebenfalls von solchen Mitteln ab. «Klar geht es mit solchen Tabletten sehr schnell, allerdings muss man sie irgendwann wieder absetzen und dann kommt auch hier der Jojo-Effekt.» Ausserdem fehlten bei solchen Präparaten Langzeitstudien. Selbst natürliche Pillen seien nicht ungefährlich. «Auch in der Natur gibt es Gifte», sagt Gasser. Es sei wichtig, dass man wisse, was in den Pillen enthalten sei. Ansonsten könnten allergische Reaktionen auftreten.

Gegen die dubiosen Händler vorzugehen, ist laut Jaggi extrem schwierig. «Die haben kriminelle Strukturen und lernen ständig dazu.» Mittlerweile würden die Sendungen etwa über ein Zwischenland verschickt, damit das Herkunftsland nicht mehr ersichtlich ist. «Den Handel vom Ausland aus können wir nicht unterbinden, wir können lediglich warnen und machen Stichproben am Zoll.»

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