Aktualisiert 13.01.2014 14:57

Journalistenverband Impressum will gegen Tamedia vorgehen

Die Arbeitszeiten der Journalisten würden nicht erfasst. Das wirft der Journalistenverband Impressum dem Medienkonzern Tamedia vor und will ihn anzeigen.

impressum vor dem Tamedia-Gebäude an der Werdstrasse in Zürich.

impressum vor dem Tamedia-Gebäude an der Werdstrasse in Zürich.

Der Journalistenverband Impressum kritisiert die Arbeitsbedingungen auf der Redaktion des «Tages-Anzeigers», wo die Arbeitszeit des Personals nicht erfasst werde. Er hat deshalb am Montag beim Stadtzürcher Arbeitsinspektorat eine Anzeige gegen die Tamedia AG eingereicht «wegen möglicher Verletzung des Arbeitsgesetzes».

Der Leiter des Arbeitsinspektorates, Peter Maier, sagte nach der Übergabe der Anzeige, er werde bei einem Betriebsbesuch abklären, ob die Vorgaben des Arbeitsgesetzes bezüglich Arbeitszeitaufzeichnung eingehalten würden. Falls es Mängel gebe, werde er schriftlich die Einhaltung der Schutzbestimmungen verlangen. Es könnten auch Bussen ausgesprochen werden, sagte Maier.

«Regelmässig massiv überbelastet»

Impressum hat gemäss Geschäftsführer Urs Thalmann Hinweise dafür, dass die Tamedia die Arbeitszeiten beim «Tages-Anzeiger» und auf vielen anderen Redaktionen nicht erfasst, zumindest nicht systematisch.

Dies führe dazu, dass die Journalistinnen und Journalisten «regelmässig massiv überbelastet» seien. Immer häufiger seien krankheitsbedingte Ausfälle die Folge. Von Tamedia war bis am Montagmittag keine Stellungnahme zu den Impressum-Vorwürfen erhältlich.

Mangels Gesamtarbeitsvertrag in der Medienbranche gilt laut Impressum-Mitteilung das Arbeitsgesetz, das zwingend die Erfassung der Arbeitszeit verlangt. Dies sei wichtig, um eine Überlastung zu verhindern und die Gesundheit der Arbeitnehmenden zu schützen.

«Tamedia bietet im Branchenvergleich überdurchschnittliche Arbeitsbedingungen und ist überzeugt, dass die dem Arbeitsinspektorat Stadt Zürich bekannte Dokumentation der Arbeitszeiten der Praxis in der Schweizer Medienbranche entspricht», schreibt das Unternehmen in einer Mitteilung. Man prüfe derzeit, ob aufgrund der neu in Kraft gesetzten Seco-Weisung Anpassungen notwendig seien. Die Arbeit der Redaktionen orientiere sich in hohem Mass an der Nachrichtenaktualität.

Viele Journalisten wollen keine Stempeluhr

Eine allzu formalisierte Arbeitszeitkontrolle sei im Journalismus «natürlich nicht angebracht», schreibt Impressum. «Viele Journalisten wollen auch keine Stempeluhr», sagte Thalmann dazu.

Die Praxis der Arbeitszeiterfassung sei denn auch den Bedürfnissen entsprechend anzupassen. Der Arbeitgeber müsse das Ausmass der geleisteten Arbeit verlässlich einschätzen und die Dokumentation für das Arbeitsinspektorat bereithalten können.

Impressum hofft auf eine Lösung im Rahmen eines Gesamtarbeitsvertrages, wie Zentralsektretärin Salva Leutenegger sagte. Darin müssten die Mindestanforderungen an die Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten geregelt werden.

«Regelmässig 60-Stunden-Wochen und 12-Stunden-Tage»

Auf der «Tages-Anzeiger«-Redaktion sei die Kompensation von Überstunden vielfach nicht möglich und die Höchstarbeitszeit werde überschritten, sagte Thalmann. Die Anzeige sei vom Verband und nicht von Mitarbeitenden eingereicht worden, damit niemand vom Personal negative Auswirkungen befürchten müsse, sagte Thalmann.

Impressum stützt sich auf ein Protestschreiben vom 13. November 2013 an die Chefredaktion, das von 121 Redaktorinnen und Redaktoren unterzeichnet worden ist. Darin ist von 60-Stunden-Wochen und 12-Stunden-Tagen die Rede, die regelmässig vorkämen.

Auslöser gewesen sei die Zusammenlegung von Print- und Online-Redaktion. Der höhere Produktivitätsdruck im Rahmen der Umstrukturierung habe die Situation «zusätzlich verschärft», heisst es in der Anzeige von Impressum. Aufgrund von Hinweisen sei nicht auszuschliessen, dass die Arbeitgeberin eine Überbeanspruchung eventualvorsätzlich in Kauf nehme oder ihr zumindest in fahrlässiger Weise nicht genügend entgegenwirke.

Die Personalkommission (Peko) des «Tages-Anzeigers» sei mit ihren Förderungen nach Einhaltung der Schutzbestimmungen des Arbeitsrechtes immer wieder vertröstet worden. Deshalb habe sich der Journalistenverband Impressum nun eingeschaltet, sagte Thalmann.

Unterstützt wird die Aktion auch von der Schwester-Organisation Syndicom, wie diese in einer Mitteilung schreibt. Die verlangte Arbeitszeiterfassung dürfe aber nicht Selbstzweck sein, es müsse darum gehen, die übermässige Arbeitsbelastung in Griff zu bekommen. Dazu müssten die Redaktionen wieder mit genügend Stellen dotiert werden. Nicht vermeidbare Überstunden seien mit fairen Kompensationsmöglichkeiten und mehr Ferien abzugelten.

GAV-Verhandlungen im letzten Sommer gescheitert

Impressum kämpft gemäss Mitteilung seit Jahren gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen von Journalistinnen und Journalisten. Seit zehn Jahren gibt es in der Deutschschweiz und im Tessin keinen Gesamtarbeitsvertrag mehr.

Der letzte Versuch, die Sozialpartnerschaft mit den Verlegern wiederzubeleben, sei im letzten Sommer gescheitert. Der Verlegerverband trat nicht auf einen Vertragsentwurf ein, der von Impressum mit dem Geschäftsführer des Verlegerverbandes ausgehandelt worden war. (sda)

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