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AtomausstiegIn 15 Jahren vom AKW zur grünen Wiese

Die potenzielle Gefährdung durch ein AKW geht ab dem Moment der Abschaltung zurück. Aber erst 12 bis 15 Jahre danach könnte der Standort wieder grüne Wiese sein.

von
L. Mäder
Der sofortige Rückbau eines Kernkraftwerkes dauert nach der Abschaltung höchstens 15 Jahre. Aufnahme des AKW Beznau.

Der sofortige Rückbau eines Kernkraftwerkes dauert nach der Abschaltung höchstens 15 Jahre. Aufnahme des AKW Beznau.

An der Forderung des rot-grünen Lagers, die bestehenden Kernkraftwerke bis 2025 stillzulegen, wird bürgerliche Kritik laut. Es gebe keinen Grund für einen vorzeitigen Atomausstieg, sagt FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger, der in der Partei für Umwelt- und Energiethemen zuständig ist. Gegenüber «Blick am Abend» präzisiert er: «Ein AKW, das abgestellt wird, bleibt ein AKW. Es muss auch weiterhin gekühlt werden.» Deshalb müsse man sich vielmehr darüber Gedanken machen, wie man den Strombedarf decke, wenn keine neuen AKW mehr gebaut würden.

Diese Darstellung relativiert Horst-Michael Prasser, ETH-Professor für Kernenergie und bekennender Befürworter dieser Form der Energiegewinnung. Ab dem Zeitpunkt der Abschaltung geht auch bei den frischesten Brennelementen die Restwärme zurück. So habe die Kühlung der Reaktoren von Fukushima selbst in der kurzen Zeit zwischen der Notabschaltung aufgrund des Erdbebens bis zum Ausfall des Kühlsystems, vermutlich aufgrund des Tsunamis, die Restwärme der Brennstäbe deutlich reduziert. Diese Einschätzung teilt auch der frühere Atomexperte von Greenpeace, Leo Scherer: «Die Nachzerfallswärme reduziert sich stetig.»

Aktive Kühlung im Abklingbecken

Bei der geordneten Abschaltung eines AKW - wie das auch beim Ausstieg aus der Atomenergie der Fall wäre - gilt dieser Sachverhalt ebenfalls. Bei der Ausserbetriebnahme eines Kernkraftwerks werden laut Scherer die Brennelemente zwei bis drei Jahre zuvor so dosiert, dass schliesslich der Kern vollständig abgebrannt ist. Danach wird der Reaktor entladen, das heisst, die Brennelemente werden in ein Abklingbecken umgeladen, wie Prasser sagt. Dieses braucht weiterhin eine aktive Kühlung, wie auch der Unfall in Fukushima gezeigt hat. Dort begann wegen fehlender Kühlung das Wasser zu verdunsten, was zu Bränden und einem unkontrollierten Austritt von Radioaktivität hätte führen können.

Doch die abzuführende Energie ist beim Abklingbecken deutlich kleiner als beim laufenden Reaktor, wie Scherer sagt. Mit dem Abbruch des Kühlturms könnte beispielsweise bereits begonnen werden. Die Brennstäbe müssen laut Prasser während etwa drei Jahren im Wasserbecken abklingen. Die Schweizer AKW-Betreiber rechnen mit vier bis fünf Jahren, bevor die Brennstäbe in die sogenannten Castor-Behälter umgeladen werden können. Diese führen die verbliebene Restwärme über Rippen ab und benötigen keine aktive Kühlung mehr.

«Mühleberg ist sicher»

Sicherer Einschluss versus sofortiger Rückbau

Ohne Brennstäbe reduziert sich das Gefährdungspotenzial eines Kernkraftwerks erheblich, wie Prasser sagt. «Der aktivierte Beton oder Stahl der Kraftwerksbauten kann sich nicht aufheizen oder gar schmelzen.» Trotzdem ist die Radioaktivität im Reaktor weiterhin enorm hoch. Deshalb wird bei der Stilllegung teilweise die Variante des sicheren Einschlusses gewählt, bei dem die radioaktiven Teile des AKW zum Abklingen während mehreren Jahrzehnten versiegelt werden. Der eigentliche Rückbau der Anlage wird dadurch einfacher.

Meist verschwindet ein AKW nach der Abschaltung aber schneller. Denn meist wählen die Betreiber den sofortigen Rückbau, wie Prasser sagt. Das vorhandene Betriebspersonal, das die Anlage kennt, kann dabei für den Rückbau eingesetzt werden, was von Vorteil ist. In der Schweiz ist die Variante der Stilllegung nicht gesetzlich vorgeschrieben. Die derzeitige Planung der Betreiber sieht einen sofortigen Rückbau vor, der 12 bis 15 Jahre nach der Abschaltung abgeschlossen wäre. Laut Scherer ist der sofortige Rückbau zur grünen Wiese aber nur die Hauptvariante der Planung. Wie der Ablauf definitiv aussieht, müssen die Betreiber erst zu einem späteren Zeitpunkt festlegen. Dafür reichen sie ein Stilllegungsgesuch ein, das vom Bund bewilligt werden muss.

Umstrittene Kosten

Wie viel der Rückbau eines AKW kostet, ist nicht klar. Die Schweizer Betreiber gehen in der letzten Berechnung von 2006 insgesamt von 2,2 Milliarden Franken für alle fünf Kernkraftwerke aus. Die Kosten variieren dabei zwischen knapp 380 Millionen Franken für Mühleberg und 720 Millionen Franken für Leibstadt. Hinzu kommen allerdings nochmals gut 1,4 Milliarden Franken für die sogenannte Nachbetriebsphase, die Zeit zwischen der Abschaltung und dem Beginn des Rückbaus, in der unter anderem die Brennstäbe abklingen müssen.

Kritiker monieren, dass diese Zahlen zu tief angesetzt seien. «Die Kosten für die Stilllegung werden immer noch massiv unterschätzt», sagt Sabine von Stockar von der atomkritischen Energiestiftung SES. Der frühere Greenpeace-Atomexperte Leo Scherer weist darauf hin, dass diese offiziellen Zahlen reine Schätzungen seien: «Wie bei anderen solchen Grossprojekten ist mit Kostenüberschreitungen zu rechnen.» Er fordert deshalb eine Reserve von 50 bis 100 Prozent beiseite zu legen. Zwar müssen de jure die AKW-Betreiber für alle Kosten aufkommen. «Doch es ist viel schwieriger, fehlendes Geld im Nachhinein einzutreiben, als Überschüsse zurückzuzahlen.» Er befürchtet deshalb, dass schliesslich die Steuerzahler Geld einschiessen müssen. (mdr)

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