«Arena»: In 20 Jahren vom Fixstern zum Auslaufmodell
Aktualisiert

«Arena»In 20 Jahren vom Fixstern zum Auslaufmodell

Die «Arena» feierte am Freitag ihren 20. Geburtstag. Dass sie die Schweizer Politlandschaft umgepflügt hat, ist nicht umstritten – ob sie eine Zukunft hat, dafür umso mehr.

von
Simon Hehli

27. August 1993: Moderator Filippo Leutenegger lud im Schweizer Fernsehen zur ersten «Arena». Michael Dreher von der Autopartei und EVP-Vertreter Ruedi Aeschbacher diskutierten über Tempo 30 innerorts – jeweils sekundiert von ihren Gesinnungsgenossen. Das auf ein Zweierduell zugespitzte Sendekonzept war ein Abbild der politischen Stimmung im Land. Erst wenige Monate waren vergangen seit der EWR-Abstimmung vom Dezember 1992, die das Land gespalten hatte. Durch den beginnenden Aufstieg der SVP war das lange Zeit erstarrte Parteiensystem aus den Fugen geraten.

Schnell etablierte sich die Sendung als Fixstern der Schweizer Politlandschaft. «In den Anfangszeiten kam die ‹Arena› den Polparteien zugute, indem die Sendung dem Konflikt zwischen Öffnung und Alleingang eine Bühne bot», sagt Parteienforscher Andreas Ladner von der Universität Lausanne. SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli erinnert sich, seine Partei habe durch die «Arena» endlich ein Gefäss erhalten, in dem sie ungefiltert habe reden können. «Das hat die Leute mehr überzeugt als die Verrisse, welche die Zeitungen über uns veröffentlichten.» Politexperte Michael Hermann spricht von einer Enttabuisierung gewisser Positionen, welche die politische Elite zuvor unter dem Deckel gehalten habe – gerade in Bezug auf die Migration.

Interessenverbände bekamen eine Stimme

Laut Ladner hat die Sendung dazu beigetragen, dass sich mehr Leute für Politik zu interessieren begannen. «Gleichzeitig verstärkte sie eine Tendenz, die sich bereits in den 80er-Jahren abgezeichnet hatte – die zunehmende Personalisierung der Politik.» Charismatische Persönlichkeiten wie Peter Bodenmann (SP), Franz Steinegger (FDP) oder Christoph Blocher (SVP) prägten die Bundespolitik – und auch die «Arena». «Die ‹Arena›-Tauglichkeit wurde zur Messlatte für Politiker hochstilisiert», so Ladner. Ex-Moderator und FDP-Nationalrat Filippo Leutenegger weist auch darauf hin, dass die Sendung dazu beigetragen habe, die politische Debatte in der Schweiz besser abzubilden: «Bei uns kamen neben den Parteien erstmals auch Interessensverbände, Nichtregierungsorganisationen und Kantone zu Wort.»

Leutenegger blieb bis 1999 «Arena»-Dompteur. Auf ihn folgten Patrick Rohr (1999-2001), Urs Leuthard (2002-2008), Reto Brennwald (2008-2010) und das heutige Duo Sonja Hasler und Urs Wiedmer. Vom Konzept mit dem Zweierduell kam das Schweizer Fernsehen im Lauf der Jahre ab, mittlerweile tummeln sich bis zu sechs Politiker im Rampenlicht. CVP-Ständerat Pirmin Bischof ist dankbar für diese Änderungen: «Rhetorische Boxkämpfe führen zu keinem Ergebnis. In einer direkten Demokratie braucht es sachliche Argumente.»

Linke und Rechte wollen, dass Fetzen fliegen

Weniger zufrieden ist Regula Rytz. Die Co-Präsidentin der Grünen betont, die Vielfalt der in der Sendung geäusserten Argumente sei sehr wertvoll für die Meinungsbildung. Wenn jedoch zu viele Leute im Ring stünden, könne man nicht immer in die Tiefe gehen. «Es sind neue Parteien dazugekommen und oft werden auch unterschiedliche Experten eingeladen. Weniger wäre manchmal mehr.»

Christoph Mörgeli fordert die Rückkehr zum ursprünglichen Zweikampf. Dann sehe man, wer argumentativ über 70 Minuten durchhalten könne. «Aber das Schweizer Fernsehen beugt sich lieber den mittelmässigen Hinterbänklern. Denn diese sind es ja, die über das Geld für die SRG entscheiden – nicht die Zuschauer, die sich langweilen.» Auch Juso-Chef David Roth, der als 28-Jähriger der «Arena» einen Teil seiner politischen Sozialisierung verdankt, wünscht sich mehr Konfrontation: «Man muss doch streiten, um zu einer Lösung zu kommen.»

Quote massiv tiefer als in den 90er-Jahren

Kann die «Arena» auch in den nächsten 20 Jahren die Politlandschaft prägen, wie sie es seit 1993 getan hat? Die Betroffenen sind skeptisch. «Im Gegensatz zu früher rennt heute niemand mehr am Freitag aus der Beiz nach Hause, um die ‹Arena› zu schauen», sagt SVP-Doyen Blocher. Im letzten Juni erreichte die Sendung Marktanteile von 20,8 bis 23,5 Prozent – Mitte der 90er-Jahre waren es noch durchschnittlich 35 Prozent. Die Zahlen sind allerdings wegen geänderter Erhebungsmethoden nur bedingt vergleichbar.

Auch innerhalb der Partei reisse sich niemand mehr um einen Auftritt, so Blocher. SP-Fraktionschef Andy Tschümperlin bestätigt: «Eine ‹Arena›-Einladung hat nicht mehr den gleichen Wert wie noch vor zehn Jahren.» Dazu trügen auch die vielen neuen Regionalsender bei: «Politiker werden in den Kantonen gewählt, darum ist es wichtig, dort am Bildschirm präsent zu sein.»

Parteichefs nutzen andere Kanäle

Die «Arena» sei zu einem Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden, sagt Politbeobachter Hermann: «Sie machte kontroverse Themen auch für andere Medien salonfähig – umso schwieriger wird es für die Politiker, in der Sendung mit Provokationen aufzufallen.» Zum Bedeutungsverlust trage auch bei, dass das politische Führungspersonal grosse Themen nicht mehr in der «Arena» lancierten. Einerseits weil die Agenda heute mehr und mehr vom Ausland diktiert werde – Stichwort Steuerstreit. «Andererseits nutzen die Parteichefs mittlerweile andere Kanäle wie Twitter oder die Sonntagszeitungen.»

Sondersendung zum Jubiläum

Am Freitag um 22.25 Uhr strahlt das Schweizer Fernsehen eine Sondersendung zum 20. Jubiläum der «Arena» aus. Die heutigen Moderatoren Sonja Hasler und Urs Wiedmer begrüssen zu diesem Anlass ihre Vorgänger. Fillippo Leutenegger wird das Duell von SVP-Nationalrat Christoph Blocher mit Juso-Chef David Roth moderieren. Patrick Rohr hat Jacqueline Fehr (SP), Ex-Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer, Caritas-Direktor Hugo Fasel und Verleger Roger Köppel am Pult. Bei Urs Leuthard diskutieren die Grüne Cécile Bühlmann, Ursula Wyss (SP), Hans Fehr (SVP) und Gerhard Pfister (CVP). Reto Brennwald schliesslich moderiert den Schlagabtausch zwischen SVP-Banker Thomas Matter und SP-Bankenkritiker Jean Ziegler. (hhs)

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