Game Jam 2014: In 48 Stunden ein Videospiel programmiert

Aktualisiert

Game Jam 2014In 48 Stunden ein Videospiel programmiert

Energydrinks, Kabelsalat und flackernde Notebooks: Am Swiss Game Jam in Zürich haben Profis und Anfänger in nur zwei Tagen etliche Games programmiert.

von
Jan Graber

Plötzlich ist der Strom weg. Während einige noch konsterniert auf ihr Notebook ohne Internet-Verbindung starren, ist für die meisten Teilnehmer des Swiss Game Jam der Zeitpunkt gekommen, um sich zurückzulehnen, sich zu strecken oder die Beine zu vertreten. Organisatorin Dragica Kahlina macht sich auf die Suche nach einem Techniker, und auf einmal kommt Leben in die Halle des Clubraums der Roten Fabrik. Viele sitzen seit mehreren Stunden an ihren Computern, einige schon die ganze Nacht.

Es ist Samstagnachmittag, der fünfte Swiss Game Jam als Teil des Global Game Jam geht in die Halbzeit. Etwa hundert Profis und Laien haben sich bereits am Freitagnachmittag eingefunden, um in 48 Stunden gemeinsam Spiele zu entwickeln. Auf einem Stück Papier steht das Thema gekritzelt: «We don't see things as they are; we see them as we are». Darunter als Verdeutlichung ein Zitat der Philosophin Edith Stein: «Was wir von uns selbst erkennen, ist nur die Oberfläche. Die Tiefe ist weitgehend auch uns selbst verborgen.»

Trotz Schüchternheit ins Team

Das Ziel: Mindestens der Prototyp eines Games soll nach Ablauf der 48 Stunden fertig sein. Zu Ende gehen wird der Anlass am Sonntagnachmittag, wenn die Teams ihre Resultate auf die offizielle Game-Jam-Site hochgeladen haben und erschöpft nach Hause gehen. Gearbeitet wird rund um die Uhr. Manche Teilnehmer finden ein paar Stunden Schlaf in einem Raum mit der Bezeichnung «Napping Zone». Andere gehen zwischendurch nach Hause und einige machen mindestens eine Nacht durch.

Sebastian Imbach hat ein paar Stunden geschlafen. Er ist das erste Mal am Game Jam. «Eigentlich wollte ich schon letztes Jahr mitmachen, doch mir fehlte der Mut», gesteht der 26-Jährige. In seine Arbeitsgruppe gefunden habe er dank eines Team-Kollegen, der ihn ansprach. Er selbst wäre zu schüchtern gewesen, um ein eigenes Team zusammenzustellen, sagt er. Bis 2 Uhr nachts waren sie am Entwickeln des Spielkonzepts, danach habe er sich hingelegt. Seit 7 Uhr morgens sitzt er wieder am Computer.

Kabelsalat und Maskottchen

Während Imbachs Arbeitsplatz erstaunlich aufgeräumt wirkt, stapeln sich auf anderen Tischen Beweise der nächtlichen Anstrengungen: Energydrink-Büchsen türmen sich wie Kleinstädte zwischen Chipspackungen, während der sich darum windende Kabelsalat Computer und Internet verbindet. Auf einigen Tischen stehen Maskottchen als Kraft- und Glücksbringer.

So wie bei Diana Bethmann. Auf ihrem Scanner steht ein rosa Plüsch-Einhorn namens Twilight Sparkle. «Ich habe es von einer Teilnehmerin eines anderen Teams erhalten, als mein Scanner nicht funktionierte», sagt die Comiczeichnerin. Gegenseitige Unterstützung über die Teamgrenzen hinweg ist selbstverständlich an einem Game Jam. Es geht nicht um den Wettbewerb, sondern um das gemeinsame Arbeiten an Ideen. Und ums Kennenlernen.

Werbung für Gamedesign

«Vom Event habe ich auf 20 Minuten erfahren», sagt Bethmann, die ausschliesslich von Hand zeichnet und zuvor noch nie etwas mit Gamedesign zu tun hatte. Sie sei aus Interesse gekommen und hat trotz fehlendem Vorwissen schnell in ein Team gefunden. Die meisten Teams bestehen aus drei bis vier Mitgliedern, einer ist alleine unterwegs und in einem Team haben sich sieben Teilnehmer gefunden.

Es sind Sympathien und Notwendigkeiten, die als Katalysatoren wirken. Auf Diana Bethmann sind zwei Programmierer zugekommen, die jemanden mit grafischem Talent suchten. Jetzt zeichnet sie Bewegungsabläufe einer Spielfigur auf Transparentpapier und scannt sie mit dem mittlerweile wieder funktionierenden Gerät ein. «Vielleicht werde ich die kommende Nacht durchmachen», sagt sie.

Immer abends nach Hause muss hingegen der 14-jährige Luca Marcelli. Am Game Jam selbst darf er wegen seines Alters nicht teilnehmen, aber sein Vater konnte ihn im dreiteiligen Gameentwicklerkurs unterbringen, der parallel zum Game Jam stattfindet. «Ich möchte Programmierer werden, am liebsten für Games», sagt er. Zunächst sei es komisch gewesen, sich unter so vielen fremden Leuten zu bewegen, gesteht er. Etwa 30 Teilnehmer sitzen im Kurs, während René Bauer, Gamedesing-Dozent an der ZHdK, anhand von Rubbellosen Makro- und Mikro-Spielmechaniken erklärt.

«Den Kurs haben wir auch als Auffangbecken für diejenigen eingeführt, die kein Team finden», sagt Bauer. Freilich bestehe ein gewisser Werbeeffekt für das Gamedesign-Studium an der ZHdK, aber darum gehe es nicht eigentlich: Vielmehr sollen Hürden abgebaut und die Gameentwicklung zugänglich gemacht werden.

Auf einmal entsteht Unruhe im Saal. Der Strom ist wieder da, der Beamer flackert auf, der Kurs geht weiter. Während sich einige an der Bar noch mit Energydrinks eindecken oder am mit Krümeln übersäten Esstisch ein Brot streichen, steuern viele der 48-Stunden-Gamedesigner wieder auf ihre Tische zu. Die Zeit drängt, in rund 24 Stunden soll das Spiel fertig sein. Plötzlich kehrt wieder Ruhe ein. Die Gamedesigner schauen gebannt auf ihre Bildschirme, einige haben sich Kopfhörer übergestülpt, an ein paar Tischen wird diskutiert und aus den Reihen der Gamekurs-Teilnehmer ertönt hin und wieder Applaus. Der Game Jam geht weiter.

» zu den Resultaten des Swiss Game Jams 2014

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