22.06.2020 09:37

Schweizerin lebte im Corona-Hotspot

«In Brasilien kämpfen wegen Corona viele ums Überleben»

São Paulo ist das Corona-Epizentrum Brasiliens. Die 23-jährige Raphaella aus Luzern hat die letzten Monate dort im Lockdown verbracht. «Viele hatten Angst», sagt sie.

von
Noah Knüsel
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Raphaella aus Luzern hat den Shutdown in Brasiliens Virus-Hotspot São Paulo hautnah miterlebt.

Raphaella aus Luzern hat den Shutdown in Brasiliens Virus-Hotspot São Paulo hautnah miterlebt.

Foto: privat
Den ersten bestätigten Fall vermeldeten die Behörden am 25. Februar. «Zu dieser Zeit vergnügte ich mich – wie Millionen andere – am Karneval», erzählt Raphaella. «Es war noch niemand im Corona-Modus.»

Den ersten bestätigten Fall vermeldeten die Behörden am 25. Februar. «Zu dieser Zeit vergnügte ich mich – wie Millionen andere – am Karneval», erzählt Raphaella. «Es war noch niemand im Corona-Modus.»

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Doch dann ging es plötzlich schnell: «Mitte März gingen innert einer Woche die meisten aus meinem Umfeld ins Home-Office und verliessen das Haus fast nicht mehr.» (Bild: Raphaellas Aussicht während dem Lockdown)

Doch dann ging es plötzlich schnell: «Mitte März gingen innert einer Woche die meisten aus meinem Umfeld ins Home-Office und verliessen das Haus fast nicht mehr.» (Bild: Raphaellas Aussicht während dem Lockdown)

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Darum gehts

  • Brasilien verzeichnet über eine Million Covid-19-Infizierte.
  • Es ist das am meisten betroffene Land Südamerikas.
  • Die 23-jährige Raphaella aus Luzern hat die letzten zehn Monate in Brasilien gearbeitet.
  • In São Paulo hat sie sich seit Mitte März weitgehend isoliert.
  • «Man hatte nicht das Gefühl, dass die Behörden einen Plan haben», sagt sie.

Brasilien ist von allen südamerikanischen Ländern am stärksten von der Coronavirus-Pandemie betroffen. Die Zahl der Todesopfer wächst täglich: Insgesamt sind es bereits über 50'000. Laut den Behörden haben sich insgesamt schon über eine Million Menschen infiziert. Weil das Land nur sehr wenige Tests durchführt, schätzen Experten, dass die Zahlen weitaus höher liegen.

Das brasilianische Corona-Epizentrum ist die Millionenstadt São Paulo mit dem gleichnamigen Bundesstaat. Allein da wurden fast 200'000 Fälle bestätigt. Die 23-jährige Raphaella aus Luzern lebte und arbeitete die letzten zehn Monate dort. Hier erzählt sie, wie sie die Zeit erlebt hat.

«Viele hatten Angst»

Den ersten bestätigten Fall vermeldeten die Behörden am 25. Februar. «Zu dieser Zeit vergnügte ich mich – wie Millionen andere – am Karneval», erzählt Raphaella. «Es war noch niemand im Corona-Modus.» Lange hätten die Leute den Ernst der Lage nicht realisiert. Doch dann ging es plötzlich schnell: «Mitte März gingen innert einer Woche die meisten aus meinem Umfeld ins Homeoffice und verliessen das Haus fast nicht mehr.»

Viele hätten grosse Angst gehabt, so die Schweizerin: «Niemand wusste, was passieren wird.» Einige hätten sich fast nicht mehr getraut, zum Supermarkt zu gehen. Wegen fehlender finanzieller Unterstützung durch den Staat würden vor allem kleine Geschäfte leiden, sagt Raphaella: «Viele Restaurants sind im Lockdown eingegangen.»

Gespaltenes Land

«Ich ging nie ohne Maske und Desinfektionsmittel aus dem Haus», erzählt die 23-Jährige. Alles sei die ganze Zeit desinfiziert worden, von Einkaufswagen bis Liftknöpfen. «Man merkte: Corona ist da.» Es habe aber wenige konkrete Regelungen gegeben, zudem habe es jeder Bundesstaat unterschiedlich gehandhabt: «Man hatte nicht das Gefühl, dass die Behörden einen Plan haben», sagt sie.

Gleichzeitig hätten aber auch viele Brasilianer den Lockdown nicht ernst genommen. So verharmloste auch Präsident Jair Bolsonaro das Virus, bezeichnete Covid-19 etwa als «Grippchen». «Brasilien ist ein gespaltenes Land», sagt Raphaella dazu. Der Gouverneur von São Paulo, der sich als einer der wenigen für einen Lockdown starkmachte, habe sogar Bombendrohungen erhalten.

In den letzten Tagen und Wochen wurden die Massnahmen in São Paulo langsam gelockert, wie Raphaella sagt: «Zum Beispiel gingen Shoppingmalls wieder auf, und Kosmetiksalons durften mit Schutzkonzepten wieder öffnen.»

Brasilien

Polarisiertes Land

In den brasilianischen Behörden herrschte seit dem Ausbruch der Pandemie Uneinigkeit darüber, welche Massnahmen getroffen werden müssen. So verhängten zwar in den Wochen nach dem ersten Fall mehrere Bundesstaaten wie São Paulo und Rio de Janeiro einen Lockdown. Ende März kritisierte Präsident Jair Bolsonaro aber genau das und betonte die Wichtigkeit einer intakten Wirtschaft. Ein Shutdown würde mehr Schaden verursachen als das Virus selbst.

Dieser Streit gab den Ton dafür an, was später kommen sollte, schreibt das Gesundheits- und Wissenschaftsmagazin «Elemental»: Unkoordinierte Massnahmen von Bundesstaaten und nationaler Regierung, sowie immer grössere Polarisierung. Befürworter und Gegner von Social-Distancing-Massnahmen stünden sich feindselig gegenüber. Das sei schlimm in einer Zeit, in der die Koordination zwischen den verschiedenen Ebenen des Staats essenziell sei.

Kulturschock bei Rückkehr

Vor rund einer Woche kam sie zurück in die Schweiz. Die 23-Jährige hatte einen Kulturschock: «Hier scheint das Coronavirus nicht mehr so stark in den Köpfen präsent zu sein. Manchmal umarmt man sich sogar wieder zur Begrüssung.» Im Vergleich zu Brasilien vertrauten die Leute hier dem Staat viel mehr: «Man hatte das Gefühl, der Bund kommunizierte offen, die Verantwortlichen wirkten ehrlich und menschlich.»

Die Zeit habe ihr vor allem eines gezeigt: «Wie froh wir sein können, dass der Staat uns unterstützt. In Brasilien kämpfen wegen der Corona-Krise viele ums Überleben.» Und das Virus verbreitet sich weiter – auch in Raphaellas Umfeld. An eine baldige Besserung glaubten die meisten nicht: «Von den Leuten, die ich kenne, bleiben viele trotz der Lockerungen in Selbstisolation.»

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