Fakenews – In Butscha gibt es keine «lebenden Leichen»
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Fake News widerlegtIn Butscha gibt es keine «lebenden Leichen»

Auf Telegram behauptet das russische Verteidigungsministerium, die Aufnahmen von Leichen mutmasslicher Zivilisten auf Butschas Strassen seien Fake und die Berichte darüber Teil «einer koordinierten Medienkampagne». Das ist gelogen.  

von
Fee Anabelle Riebeling
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Nach der Rückeroberung offenbarten sich Gräueltaten im ukrainischen Butscha: Die Aufnahmen von einer mit Leichen übersäten Strasse gingen um die Welt. Bei den Toten handelt es sich mutmasslich um Zivilisten und Zivilistinnen, denn eine Uniform tragen sie nicht. 

Nach der Rückeroberung offenbarten sich Gräueltaten im ukrainischen Butscha: Die Aufnahmen von einer mit Leichen übersäten Strasse gingen um die Welt. Bei den Toten handelt es sich mutmasslich um Zivilisten und Zivilistinnen, denn eine Uniform tragen sie nicht. 

Screenshot 20min/jd
Das russische Verteidigungsministerium schreibt auf Telegram (siehe Bild), das habe nichts mit den russischen Truppen zu tun. Zudem wären zwei Leichen noch am Leben. Dafür sprächen ein Arm, der sich bewegt, und das eigenständige Aufrichten einer der Körper. Das Aussenministerium teilte den Post weiter. Richtiger wird die Behauptung dadurch aber nicht.

Das russische Verteidigungsministerium schreibt auf Telegram (siehe Bild), das habe nichts mit den russischen Truppen zu tun. Zudem wären zwei Leichen noch am Leben. Dafür sprächen ein Arm, der sich bewegt, und das eigenständige Aufrichten einer der Körper. Das Aussenministerium teilte den Post weiter. Richtiger wird die Behauptung dadurch aber nicht.

Screenshot Telegram

Darum gehts

Die Bilder aus Butscha nach dem Abzug der russischen Truppen sind schwer zu ertragen und haben weltweit für Entsetzen gesorgt. Sie zeigen Dutzende Leichen, die die Strassen säumen. Es ist von «Gräueltaten» und «Massaker» die Rede. Der russische Präsident Wladimir Putin selbst, der den Angriffskrieg auf die Ukraine zu verantworten hat, wird von der internationalen Gemeinschaft als «Schlächter» und «Kriegsverbrecher» bezeichnet.

Ganz anders tönt das aus Moskau: Das russische Verteidigungsministerium bezeichnete die Bilder als «Fälschungen». Demnach seien die Leichen noch nicht dort gewesen, als die russischen Streitkräfte am 30. März abgezogen waren. Eine Behauptung, die unter anderem durch Satellitenbilder der US-Firma Maxar Technologies eindeutig widerlegt wurde.

Russische Behörden verbreiten Falschinformationen

Das russische Verteidigungsministerium geht jedoch noch weiter: Auf Telegram behauptet es, die Leichen seien gar keine (siehe Bildstrecke). In einem Video, das auf dem ukrainischen Fernsehsender Espreso.tv wie auch auf 20minuten.ch (siehe Video) zu sehen ist, «bewegt die ‹Leiche› rechts bei Sekunde zwölf ihren Arm. Bei Sekunde 30 setzt sich der im Rückspiegel zu sehende ‹Leichnam› hin. Die Leichen im Video scheinen absichtlich so angeordnet worden zu sein, um ein dramatischeres Bild zu erzeugen.» Die weltweit zeitliche Berichterstattung wird als Teil «einer koordinierten Medienkampagne» bezeichnet.

Der Post wurde vom russischen Aussenministerium geteilt. Ebenso von offenbar pro-russischen Social-Media- und Youtube-Nutzerinnen und -Nutzern. Auch die Redaktion von 20 Minuten erreichten in der Folge zahlreiche E-Mails, in denen die Behauptung aufgegriffen wurde. Richtiger wird die Behauptung dadurch aber nicht. Sie entbehrt jeder Grundlage, wie Bellingcat.com schreibt. Die von dem renommierten Faktencheck-Portal zusammengeführten Begründungen konnten durch 20 Minuten nachvollzogen werden.

Keine Bewegung, sondern ein Regentropfen

Shayan Sardarizadeh von BBC Monitoring weist auf Twitter auf die Analyse des Aurora Intel Networks hin, in der sich die Rechercheure mit dem vermeintlich bewegenden Arm befassten. Laut diesen handelt es sich bei der angeblichen Bewegung, die die Verbreiter der Behauptung, meinen zu sehen, um einen Wassertropfen auf der Windschutzscheibe. Eine höher aufgelöste Version des Videos, die 20 Minuten auf der Facebook-Seite des russisch-ukrainischen Anwalts Ilja Nowikow fand, bestätigt das.

Genauso wie die Untersuchung des Digital-Forensikers Dirk Labudde von der Hochschule Mittweida, der für DW.de eine tiefere Analyse des Videomaterials erstellt hat. Durch die Zerlegung des Videos in seine einzelnen Bilder (Frames) konnte er feststellen, dass es sich bei dem bewegenden Objekt im Video «lediglich um ein frameübergreifend detektierbares Artefakt auf der Frontscheibe des Fahrzeugs, aus dem heraus gefilmt wird, handelt.» Bei der genaueren Analyse sei keinerlei Bewegung der Person detektierbar gewesen.

Verzerrung durch Rückspiegel

Die Behauptung, eine der Leichen könne über den Rückspiegel beim Aufrichten gesehen werden, entbehrt laut Sardarizadeh jeder Grundlage. «Wenn man das Video langsamer abspielt, sieht man, wie die Gebäude im Hintergrund durch den Aussenspiegel verzerrt werden.» Grund dafür ist die Krümmung des Spiegels. Aufgrund der Komprimierung des Videos für Social Media, durch die sich die Bildqualität verschlechtert, «vermittelt das Video den Eindruck, der Körper bewege sich.» 

Leichen sind auch auf anderen Aufnahmen zu sehen

Die Widerlegung der Behauptungen von russischer Seite stützt sich nicht nur auf die Analyse des Videomaterials selbst, sondern auch auf andere Aufnahmen, auf denen die beiden leblosen Körper zu sehen sind. Sardarizadeh verweist auf Fotos der Bildagenturen AFP und Getty Images, auf denen die beiden Menschen eindeutig tot sind (siehe Bildstrecke). «Sehen die lebendig aus?»

Eine der Leichen ist auch in einem Video zu sehen, das Wladimir Klitschko bei einer Ortsbesichtigung zeigt. Bellingcat-Rechercheur Benjamin Strick nennt zudem weitere Videos, die die Leichen aus anderen Blickwinkel zeigen.

Die angeführten Aufnahmen stammen alle vom 3. April 2022. Videos von der Strasse voller Leichen, aufgenommen von ukrainischen Einheiten, gibt es aber bereits vom 1. April und 2. April 2022. Auch die höher aufgelöste Version des Videos, das auch 20 Minuten gezeigt hat, wurde bereits am 2. April hochgeladen. Das ist ein weiterer Beleg dafür, dass das russische Verteidigungsministerium die Unwahrheit sagt: Kein Schauspieler könnte über 24 oder sogar 48 Stunden die Position halten oder sie exakt wieder so einnehmen.

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