«Stadt der Seelen» : In Colma sind die Nachbarn bestimmt leise
Aktualisiert

«Stadt der Seelen» In Colma sind die Nachbarn bestimmt leise

Colmas Einwohner haben die ruhigsten Nachbarn der Welt: Auf einen lebenden Einwohner kommen Hunderte Tote.

von
Daniela Gschweng
Colma, eine Stadt in Kalifornien, ist als «Stadt der Seelen» bekannt.

Colma, eine Stadt in Kalifornien, ist als «Stadt der Seelen» bekannt.

Seattleretro / Wikipedia / CC BY 3.0
In Colma kommen auf einen lebenden Einwohner ungefähr 1000 Tote.

In Colma kommen auf einen lebenden Einwohner ungefähr 1000 Tote.

Zedla / Wikipedia / CC BY-SA 2.5
Das durchschnittliche Einkommen liegt etwas unter dem nationalen Durchschnitt, dafür haben die Einwohner die ruhigsten Nachbarn der Welt.

Das durchschnittliche Einkommen liegt etwas unter dem nationalen Durchschnitt, dafür haben die Einwohner die ruhigsten Nachbarn der Welt.

BrokenSphere / Wikimedia Commons

«It's great to be alive in Colma»: Es sei gut, in Colma am Leben zu sein, sagt die kalifornische Stadt humorvoll von sich selbst. Das muss man extra sagen, denn in Colma kommen auf einen lebenden Einwohner ungefähr 1000 Tote. Oder, wie es die «Stadt der Seelen» auf ihrer Homepage ausdrückt: «Colma besteht aus 1500 Einwohnern und 1,5 Millionen Seelen.»

Massengräber unter unbebauten Flächen

Die Lebenden scheint das nicht zu beeinträchtigen. Wenn man sich daran gewöhnt hat, dass sich unter jeder unbebauten Fläche ein Massengrab verbergen kann, lebt es sich gut in Colma. Das durchschnittliche Einkommen liegt etwas unter dem nationalen Durchschnitt. Verständlich für eine Stadt, über die auf Wikipedia steht: «Seit den 1980er-Jahren entstanden in Colma auch einige Unternehmen, die nicht auf die Friedhöfe bezogen waren.» Dafür haben die Einwohner die ruhigsten Nachbarn der Welt.

Nervige Prominenz wie im nahen Silicon Valley gibt es nicht. Statt eines VIP-Verzeichnisses führt Colma eine Liste von berühmten Toten, genannt Famous Underground Residents.

Die berühmten Toten von Colma

Colma ist die einzige Nekropole (Totenstadt) der USA. Begraben sind dort unter anderen Levi Strauss, der Erfinder der Blue Jeans, der Revolverheld Wyatt Erp, der Journalist und Medien-Tycoon William Randolf Hearst sowie einige eher kuriose Verschiedene. Harry «the Horse» Flamburis zum Beispiel, ehemals Präsident der Hells Angels San Francisco, der auf dem Friedhof Cypress Lawn mit seiner Harley begraben liegt.

Kaum verwunderlich, befinden sich unter den Top-10-Tripadvisor-Sehenswürdigkeiten Colmas mehrere Friedhöfe. Die Stadt ist ein Paradies für Steinmetze, Gärtner und Bildhauer. Zwischen Engeln, Pyramiden, Tempeln und Sphinxen findet sich auch das eine oder andere Werk eines bekannten Bildhauers.

Goldrausch, Bevökerungswachstum, Seuchen

Seine Entstehung verdankt Colma, wie vieles in Kalifornien, dem Goldrausch und der Migration, die San Francisco, um 1848 ein kleines Nest an der kalifornischen Küste, in einem Jahr um 24'000 Einwohner wachsen liess. Dem Zustrom der Glückssucher folgten Seuchen und diesen viele Tote, die irgendwo bestattet werden mussten. Bald wurde es den Lebenden zu eng.

1913 verbot die Stadt San Francisco Gräber auf städtischem Gebiet. Zwischen 1914 und 1941 wurden in einer beispiellosen Umbettungsaktion 150'000 Tote in das 10 Kilometer von San Francisco entfernte Colma Valley geschafft. Wer genau hinsieht, kann auf den Gehwegen und in den Parks von San Francisco noch den einen oder anderen wiederverwerteten Grabstein erkennen.

18 Friedhöfe

Auch nach dem Goldrausch wuchs San Francisco weiter. Bald dehnte es sich so weit aus, dass es die Friedhöfe erreichte. Dieser Bedrohung entzogen sich die Friedhofsbetreiber 1924 dadurch, dass sie kurzerhand das Stadtrecht beantragten.

Colma, gelegen am Camino Real, der von San Francisco ins Silicon Valley führt, besteht noch immer vorwiegend aus Friedhöfen. Insgesamt 18 sind es an der Zahl, darunter ein serbischer, vier japanische, ein jüdischer und ein griechischer Friedhof sowie ein Tierfriedhof.

Die Einwohner Colmas waren ihrer Zeit schon vor Jahrzehnten voraus und nutzten die teils prächtigen Friedhöfe als Parks, Naherholungszone und Spielplatz. Etwas, was Stadtplaner heute wieder versuchen, um die Bevölkerung in die städtischen Grünoasen zu bringen, zum Beispiel in den Friedhof Hörnli am Rande von Basel.

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