Daniele Ganser: Rudolf Steiner Schule lädt umstrittenen Historiker als Experte zum Ukraine-Krieg ein

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Daniele GanserRudolf Steiner Schule lädt umstrittenen Historiker als Experte zum Ukraine-Krieg ein

In seinen Vorträgen über den Ukraine-Krieg verbreitet der umstrittene Basler «Friedensforscher» Daniele Ganser Thesen, die gemäss Experten nicht unwidersprochen bleiben dürfen. Dies durfte er auch vor mehreren Klassen einer Basler Steinerschule.

von
Lukas Hausendorf
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Am Mittwoch durfte der umstrittene «Friedensforscher» Daniele Ganser seine Thesen zum Krieg in der Ukraine kundtun.

Am Mittwoch durfte der umstrittene «Friedensforscher» Daniele Ganser seine Thesen zum Krieg in der Ukraine kundtun.

Pino Covino/Tamedia AG
Ein Experte kritisiert, dass ihm die Schule dieses Forum gegeben hat. Es gebe zwar vieles zum Ukraine-Krieg, das diskutabel sei, bei Verschwörungstheorien sei die Grenze aber überschritten, so Michael Butter, Professor an der Universität Tübingen.

Ein Experte kritisiert, dass ihm die Schule dieses Forum gegeben hat. Es gebe zwar vieles zum Ukraine-Krieg, das diskutabel sei, bei Verschwörungstheorien sei die Grenze aber überschritten, so Michael Butter, Professor an der Universität Tübingen.

Pino Covino/Tamedia AG
«Die Schulleitung war sich darüber im Klaren, dass es kontroverse Ansichten zu den Thesen von Daniele Ganser gibt», so Schulleitungsmitglied Daniel Thiel.

«Die Schulleitung war sich darüber im Klaren, dass es kontroverse Ansichten zu den Thesen von Daniele Ganser gibt», so Schulleitungsmitglied Daniel Thiel.

Rudolf Steiner Schule Basel

Darum gehts

  • Der umstrittene Basler Friedensforscher Daniele Ganser hielt am Mittwoch an der Rudolf Steiner Schule Basel einen Vortrag über den Krieg in der Ukraine.

  • Gansers Thesen sind in Fachkreisen höchst umstritten, teilweise verbreite er auch Verschwörungen, sagt ein Professor, der mit Gansers Werk vertraut ist.

  • Die Schule relativiert: Gansers Vortrag sei Teil einer Veranstaltungsreihe zum Krieg in der Ukraine, in der verschiedene Standpunkte zur Sprache kommen.

An der Basler Rudolf Steiner Schule Jakobsberg durfte der umstrittene Basler «Friedensforscher» Daniele Ganser am Mittwochvormittag vor rund 150 Schülerinnen und Schülern einen Vortrag über den Ukraine-Krieg halten. Dies im Rahmen des Unterrichts an den oberen Klassen. «Wir finden das äusserst fragwürdig», schreibt eine Person aus dem Umfeld der Schule. «Verschwörungstheorien haben nichts an einer Schule zu suchen und vor allem nicht als obligatorische Schulveranstaltung», so die Quelle, die anonym bleiben möchte.

Der Vortrag sei auf Wunsch von Schülerinnen und Schülern der zwölften Klasse zustande gekommen. Wie die Rudolf Steiner Schule Basel auf Anfrage mitteilte, hätten diese im April gefragt, ob Ganser eingeladen werden könne. «Die Schulleitung war sich darüber im Klaren, dass es kontroverse Ansichten zu den Thesen von Daniele Ganser gibt», so Schulleitungsmitglied Daniel Thiel. Für die Schülerschaft sei es darum gegangen, Grundlagen für ein eigenständiges Urteil zu bekommen. Dazu gehöre aus der Sicht der Schulleitung auch, «ganz verschiedene, teilweise auch umstrittene Standpunkte anzuhören und selber einzuordnen».

«Wir waren uns darüber im Klaren, dass es kontroverse Ansichten zu den Thesen von Daniele Ganser gibt»

Daniel Thiel, Mitglied der Schulleitung

Im Unterricht könne zudem daran angeknüpft werden. Der Vortrag sei zudem Teil einer Veranstaltungsreihe zum Krieg in der Ukraine. Diese wurde am 17. März von Frithjof Benjamin Schenk, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Basel eröffnet. Schenk habe in seinem Vortrag die historischen Hintergründe des Krieges vermittelt. Weitere Veranstaltungen sollen noch folgen, so die Schulleitung.

Der Wortlaut des Referats über den Krieg in der Ukraine von Ganser ist der Redaktion nicht bekannt. Zurzeit ist er aber mit einem Vortrag zum Thema auf Tournee und er legte seine Sicht der Dinge auch auf den sozialen Medien schon ausführlich dar. Der Historiker verurteilt den russischen Angriffskrieg zwar, aber mit seiner Version der Hintergründe des Krieges legitimiert er diesen auch.

Ganser ist wegen Nato- und USA-kritischen Äusserungen auch ein gern gesehener Gast in russischen Staatsmedien, wo er darlegte, dass beim Ukraine-Krieg die rote Linie Moskaus überschritten worden sei. «In seiner Erzählung ist Russland letztlich das Opfer», sagt Michael Butter, Professor für Amerikanische Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Tübingen. «Über die russischen Kriegsverbrechen verliert Ganser hingegen kein Wort.»

«In seiner Erzählung ist Russland letztlich das Opfer»

Michael Butter, Professor an der Universität Tübingen

Butter hat sich intensiv mit Gansers Schaffen auseinandergesetzt. Dass er an einer Steinerschule eingeladen wurde, sei für ihn «nicht so überraschend». Dort seien «Alternativerzählungen» schon während der Corona-Pandemie stärker präsent gewesen, als an öffentlichen Schulen.

«Ich hoffe, dass Ganser widersprochen wurde von der Schüler- und Lehrerschaft», sagt Butter. Es gebe zwar vieles zum Ukraine-Krieg, das diskutabel sei, bei Verschwörungstheorien sei die Grenze aber überschritten. Dazu zählt Butter auch Gansers «Maidan-Theorie» über den Sturz der damals russlandfreundlichen ukrainischen Regierung im Jahr 2014. Sie trat damals nach landesweiten Protesten zurück und wurde in demokratischen Wahlen ersetzt.

«Es gab einen Putsch und ich bin der Meinung, dass die Amerikaner dafür verantwortlich waren», betont dagegen Ganser, als ihn 20 Minuten mit der Kritik konfrontiert. Ihm sei es wichtig, die Vorgeschichte des Krieges zu thematisieren. Im Anschluss an den Vortrag hätte es auch kritische Fragen von der Schülerschaft gegeben, sagt Ganser.

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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