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SyrienIn den Flitterwochen im «New York» des IS

Glacé essen, spazieren gehen, Heiratsprämien: Eigentlich wäre eine Hochzeitsreise nach Rakka idyllisch. Würde die Terrormiliz dort nicht gleichzeitig Menschen abschlachten.

von
Sarah El Deeb
AP
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Der IS gibt sich Mühe, das Leben im Kalifat positiv darzustellen. Dazu hat er ein System mit ausgeprägten Sozialleistungen geschaffen. Hier malen IS-Zugehörige eine Skulptur in Rakka neu an.

Der IS gibt sich Mühe, das Leben im Kalifat positiv darzustellen. Dazu hat er ein System mit ausgeprägten Sozialleistungen geschaffen. Hier malen IS-Zugehörige eine Skulptur in Rakka neu an.

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Hochzeiten unterstützt die Terrormiliz im Speziellen: bis zu 1500 Dollar erhalten ihre Kämpfer für eine geschlossene Ehe - für jedes Kind gibt es weitere 400 Dollar. Dazu eine monatliche Finanzspritze, Lebensmittel und eine Putzfrau. Der IS versucht, ein möglichst normales Bild vom Leben im Kalifat zu vermitteln. Hier verhandelt ein IS-Kämpfer mit einem Parfüm-Händler auf einem Markt in Rakka.

Hochzeiten unterstützt die Terrormiliz im Speziellen: bis zu 1500 Dollar erhalten ihre Kämpfer für eine geschlossene Ehe - für jedes Kind gibt es weitere 400 Dollar. Dazu eine monatliche Finanzspritze, Lebensmittel und eine Putzfrau. Der IS versucht, ein möglichst normales Bild vom Leben im Kalifat zu vermitteln. Hier verhandelt ein IS-Kämpfer mit einem Parfüm-Händler auf einem Markt in Rakka.

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Dieses Foto von einer IS-Website zeigt zwei junge Männer, die sich im Fluss Euphrat in Rakka abkühlen.

Dieses Foto von einer IS-Website zeigt zwei junge Männer, die sich im Fluss Euphrat in Rakka abkühlen.

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Mit ihren Grausamkeiten schockiert die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die Welt. Im Kontrast dazu stehen die ausgeprägten Sozialleistungen. Hochzeiten und Familiengründungen werden grosszügig mit Geld unterstützt. Für die Zeugung von Kindern gibt es einen Extrabonus.

Es war ein kurzer Moment für die Liebe, fernab der Front in Syrien. In Rakka, der Hauptstadt des selbst ernannten Kalifats des IS, traf der syrische Kämpfer Abu Bilal al-Homsi zum ersten Mal seine tunesische Braut. Sie heirateten, gingen in den Restaurants der Stadt essen, spazierten am Euphrat entlang und assen Glacé.

Haargel verboten, Heiraten erlaubt

Möglich gemacht hatte das die IS-Terrormiliz: Sie zahlte ihm und seiner Frau eine Hochzeitsprämie in Höhe von 1500 Dollar (rund 1420 Franken) für den Neuanfang mit einem Haus, einer Familie – und für die Flitterwochen.«Es gab alles, was man sich für eine Hochzeit wünscht», sagte Al-Homsi.

Rakka ist eine Provinzhauptstadt am Euphrat, die vor 18 Monaten von der IS-Terrormiliz eingenommen wurde. Seitdem haben die Islamisten dort zahlreiche politische Gegner öffentlich geköpft und mutmassliche Ehebrecherinnen gesteinigt. An mehreren Posten kontrollieren bewaffnete Männer Passanten, ob sie in irgendeiner Form gegen die Scharia verstossen, selbst die kleinste Spur von Haargel ist verboten. In einigen Häusern der IS-Kommandeure werden verschleppte jesidische Frauen und Kinder als Sexsklaven gehalten.

Im Kontrast zu diesen Grausamkeiten kümmert sich die Terrormiliz sehr um ihre Anhänger, will einen neuen Staat aufbauen, in dem«Gottes Gesetz» gilt. Dieses Kalifat soll Heimat für strenggläubige Muslime aus aller Welt werden. Deswegen wurde ein grosszügiges Wohlfahrtssystem geschaffen für die Tausenden Dschihadisten, Frauen wie Männer, die sich der IS-Miliz in Syrien und dem Irak angeschlossen haben.

«Rakka ist das neue New York des Kalifats»

«Es geht nicht nur ums Kämpfen», sagt Al-Homsi. «Es gibt Institutionen. Da sind Zivilisten, wo der IS herrscht. Und grosse Territorien. Er muss den Einwanderern helfen zu heiraten. Es sind Komponenten eines Staates, und der muss nach seinen Bürgern sehen», sagte er der Nachrichtenagentur Associated Press (AP).

In Rakka, der grössten syrischen Stadt unter IS-Kontrolle, ist es relativ ruhig. Die Regale in den Supermärkten sind gut gefüllt, sogar einige Internet-Cafés gibt es dort.«Die Stadt ist stabil, bietet alles, was gebraucht wird. Es ist nicht so wie in den ländlichen Gebieten, die vom IS kontrolliert werden», sagt ein Mitglied eines Anti-IS-Medienverbundes, der sich Abu Ibrahim al-Rakkawi nennt.«Rakka ist jetzt das neue New York des Kalifats.»

Die Unterstützung bei der Hochzeit geniesst beim IS höchste Priorität. Ausländische Kämpfer erhalten 500 Dollar Starthilfe, wenn sie heiraten. Der 28-jährige Al-Homsi bekam 1500 Dollar, weil seine neue Frau einen Doktortitel hat und vier Sprachen spricht.

Seine Frau bewunderte seine Online-Kommentare

Al-Homsi ist sein Kriegsname. Einst war er IT-Spezialist in der Stadt Homs in Zentralsyrien. Mit den ultrakonservativen Ansichten der Terrormiliz habe er bereits länger sympathisiert, doch erst in der Mitte des Jahres 2014 schloss er sich als Kämpfer dem IS an. Seine Frau lernte er über die sozialen Netzwerke kennen. Sie habe seine Online-Kommentare bewundert, sagt er.

Zunächst hätten sie über das Internet kommuniziert. Dann habe er herausgefunden, dass sie einen Bruder hat, der ebenfalls für die Terrormiliz kämpft. Bei ihm wurde er vorstellig, um die Erlaubnis zur Heirat zu erbitten.

Seine 24-jährige Braut reiste durch Algerien in die Türkei und von dort nach Rakka. Dorthin reiste auch Al-Homsi die 250 gefährlichen Kilometer von Homs, nachdem seine Befehlshaber ihm die Erlaubnis erteilt hatten. Hochzeiten zwischen syrischen Kämpfern und Ausländerinnen sind im Einflussgebiet der IS ungewöhnlich. Normalerweise heiraten Ausländer Ausländer und Syrer Syrer.

Ein Haus und vier Kätzchen für die Frau

Nach den Tagen in Rakka reiste das Paar zurück in die Gegend um Homs, wo sich die IS-Rebellen und die Truppen von Präsident Baschar al-Assad bekämpfen. In der Region hat Al-Homsi mit dem Geld des IS ein Haus für seine Braut vorbereitet – mit vier Kätzchen. Seine Frau ist mittlerweile schwanger. Das Paar hofft auf eine weitere Finanzspritze, für jedes Kind zahlt der IS bis zu 400 Dollar. Derzeit bekommen er und seine Frau jeweils rund 50 Dollar pro Monat. Zudem erhalten sie Geld für eine Putzfrau und einen monatlichen Lebensmittelkorb im Wert von 65 Dollar.

Kurz nach dem Interview mit der AP musste Al-Homsi wieder in den Krieg. Er war einer der Kämpfer, die die historische Stadt Palmyra eroberten. Für die Unterstützung durch den IS ist er dankbar.«Der Kämpfer ist an der Front», sagt er.«Wie würde er Essen nach Hause bringen können?»

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