Aktualisiert 11.09.2019 07:50

Öffentlicher Verkehr

In der 1. Klasse sitzen vor allem Männer

Nur wenige Frauen reisen im ÖV in der 1. Klasse. Pendler kritisieren, dort sitze vor allem ein elitärer Klub älterer Männer, die sich arrogant verhielten.

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rol

Sind Erstklasspendler arrogant? Elitär? 20 Minuten hat sich am HB Zürich umgehört. (Video: bz)

Der typische Erstklasspendler ist männlich, über 50, in den Laptop vertieft und trägt Hemd und Anzug: Das ist mehr als ein Klischee, wie Zahlen der nationalen Tarif-Organisation Ch-direct zeigen. Von den 47'000 Personen, die ein GA erster Klasse besitzen, sind lediglich ein Drittel Frauen. Beim Zweitklass-GA liegt der Frauenanteil dagegen klar über 50 Prozent. Erstklass-Passagiere sind zudem auch älter: Sie sind im Schnitt 55-jährig, jene in der 2. Klasse 42,3 Jahre alt.

«Der Geschlechtergraben zeigt sich in der 1. Klasse ganz deutlich», sagt Ex-Juso-Chefin Tamara Funiciello. Um das Platzproblem in Zügen zu lösen, möchte sie die 1. Klasse am liebsten komplett abschaffen. Dort sässen vor allem ältere Geschäftsmänner, die sich vom normalen Pendlervolk abgrenzten.

«Extra für Männer konzipiert»

Sie sagt gar, Erstklasswagen seien bewusst männerfreundlich gestaltet: «Die Abteile wurden extra für Männer konzipiert. Das finde ich krass.» Wenn sie als kleine Frau per Zufall mal an einem Erstklassplatz mit Tisch sitze, komme sie kaum an den Laptop, weil er so weit entfernt sei, so Funiciello.

Der geringe Frauenanteil in der 1. Klasse sei ein Spiegel des Arbeitslebens. «Frauen in Kaderberufen sind Mangelware und allgemein verdienen Frauen weniger als Männer – 107 Milliarden jedes Jahr. Daher können sich auch nur die wenigsten ein Erstklass-GA leisten. Es ist also auch schlicht eine Frage des Preises.»

Eine nüchterne Erklärung für die Geschlechterverteilung hat Verkehrssoziologe Timo Ohnmacht: «Für mich ist das keine Frage des Geschlechts, sondern der Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Der hohe Männeranteil widerspiegelt klar die Situation in der Berufswelt. Es sind mehr Männer berufstätig, und klar mehr in Kaderpositionen vertreten als Frauen.»

«Nur reiche alte Bonzen»

Er charakterisiert den typischen Erstklasspendler wie folgt: «Es sind vorwiegend gut verdienende Männer, die etwas älter und bereit sind, für mehr Fahrkomfort auch mehr zu bezahlen.» Sie würden die 1. Klasse als fahrendes Büro nutzen und es schätzen, unter Ihresgleichen zu sein (siehe Interview).

Viele ÖV-Nutzer empfinden Erstklassfahrer aber als arrogant und elitär: «Wenn ich mit der Sporttasche durchs Abteil laufe, werde ich teils schief angeschaut», sagt eine Gymi-Schülerin (siehe Video). «Dort sitzen eh nur reiche, alte Bonzen», ergänzt ein Zürcher Teenager.

Schlechte Erfahrungen machte auch Severin* (25): Als er mit einem Cap bekleidet in der 1. Klasse fuhr, wurde er kritisch gemustert. «Ein Fahrgast sagte gar dem Kondukteur, er solle bitte schauen, ob ich ein gültiges Billett hätte. Ich finde das unverschämt.»

«Im Flugzeug viel extremer»

Solche negativen Beispiele seien die Ausnahme, sagt Frank Zimmermann von der IG ÖV: «Der schlechte Ruf der Erstklassfahrer hat sicher auch mit Futterneid zu tun.» Viele Pendler wünschten sich, sie hätten mehr Platz und Komfort – so seien die privilegierteren Fahrgäste ein beliebtes Ziel, um Frust abzulassen.

Aber auch er bestätigt, im Normalfall sitze ein «verschwiegener Männerklub» in der 1. Klasse. «Aber als elitär empfinde ich das nicht. Die meisten schätzen einfach, dass man dort in Ruhe Zeitung lesen oder arbeiten kann», so Zimmermann. Im Flugzeug sei der Klassenunterschied viel expliziter zu spüren. «Dort sitzen in der First Class wirklich nur Geschäftsleute, die einen Durchschnittsverdiener eher herablassend betrachten.»

«Dank Sparbilletten ist 1. Klasse bezahlbar»

Bei Flügen betrage der Preisunterschied zwischen den Klassen aber auch das 5- bis 10-Fache. «Bei der Bahn ist das Verhältnis etwa 1 zu 1,7. Und es gibt diverse Spezialtarife und Sparbillette, die Erstklassfahrten für alle erschwinglich machen», so Zimmermann. So sei eine Fahrt in der 1. Klasse nach Genf für 66 Franken möglich.

Die SBB wollte weder zur tiefen Frauenquote in der 1. Klasse noch zum Ruf der Erstklasspendler Stellung nehmen.

«Fehlverhalten wird in der 1.Klasse weniger toleriert»

Herr Ohnmacht*, was macht den typischen Erstklasspendler aus?

Es sind hauptsächlich Männer über 50, die gut verdienen, oft Kaderpositionen bekleiden und bereit sind, für mehr Fahrkomfort mehr zu bezahlen. Es sind Profipendler, die die 1. Klasse als fahrendes Büro nutzen. Sie kombinieren so Reise- und Arbeitszeit und geniessen die Vorzüge wie Ruhe und genügend Platz im Abteil.

Eine elitäre Gruppe, die sich vom gemeinen Pendlervolk abgrenzt?

Elitär ist zu hoch gegriffen. Aber sie sind dort unter Gleichgesinnten: Man kennt sich, nickt sich zu, verhält sich zurückhaltend. Und Fehlverhalten von eher atypischen Erstklassnutzern werden klar weniger toleriert als in der 2. Klasse: Wenn jemand genüsslich seinen Znüni isst und schmatzt, laut telefoniert oder Musik hört, kassiert man schnell böse Blicke oder wird darauf hingewiesen.

Haben Erstklasspendler daher den Ruf, arrogant zu sein?

Ein gewisser Futterneid kann eine Rolle spielen bei jenen, die sich ein Erstklassticket nicht leisten können. Aber allgemein greift das für mich zu kurz. Es sitzen ja nicht nur Reiche in der 1. Klasse – viele könnten sich Erstklasstickets leisten, machen es aber nicht. Es steht eher der Lifestyle im Fokus – also: Will sich jemand diesen Komfort leisten oder nicht.

Warum ist vor allem in wirtschaftsstarken Kantonen der Erstklass-GA-Anteil hoch?

In diesen Kantonen hat es viele Grossfirmen und entsprechend viele Menschen, die in Kaderpositionen arbeiten: Diese stellen ihren Kaderleuten oft ein kostenloses GA in Aussicht, um einen zusätzlichen Anreiz für eine freie Stelle zu schaffen.

*Timo Ohnmacht ist Verkehrssoziologe an der Hochschule Luzern

GA-Quote in Bern am höchsten

Im August waren laut der nationalen Tarif-Organisation ch-direct insgesamt 496'000 GA im Umlauf. 51,5 Prozent davon besitzen Frauen. GA für Kinder und Jugendliche machen einen Anteil von 28 Prozent aus. Kantonal gibt es deutliche Unterschiede: 2018 hatten im Kanton Bern 10 Prozent aller Bewohner ein GA, gefolgt von Solothurn (7,7%), Aargau (7.3%) und Zug (7,2%). Am niedrigsten war die GA-Quote im Tessin (1,0%), in Genf (1,4%) und in Appenzell Innerrhoden (2,3%).

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