Aktualisiert 01.11.2019 08:14

Vergleich zum Schnuppern«In der Lehre ging es nur noch ums Füdliputzen»

Einige Jugendliche bekommen in der Schnupperlehre ein unrealistisches Berufsbild geboten. Leser erzählen von ihren Erfahrungen.

von
juu/pam
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Für einige Schulabgänger stellte sich der Beruf, den Sie schnupperten, besser dar als später in der Lehre.

Für einige Schulabgänger stellte sich der Beruf, den Sie schnupperten, besser dar als später in der Lehre.

SDBB
Auch die Instagram-Seite Hajdgenoss spottet über die Unterschiede zwischen Schnupperzeit und der eigentlichen Lehre.

Auch die Instagram-Seite Hajdgenoss spottet über die Unterschiede zwischen Schnupperzeit und der eigentlichen Lehre.

Instagram/Hajdgenoss
Raphael (22) sagt zu 20 Minuten: «Ich habe meine Lehre als Fachmann Gesundheit im ersten Lehrjahr abgebrochen. Wenn man merkt, dass es nur noch ums Füdliputzen geht, dann macht der Job einfach keinen Spass mehr.»

Raphael (22) sagt zu 20 Minuten: «Ich habe meine Lehre als Fachmann Gesundheit im ersten Lehrjahr abgebrochen. Wenn man merkt, dass es nur noch ums Füdliputzen geht, dann macht der Job einfach keinen Spass mehr.»

Keystone/Christian Beutler

Obwohl am Schnuppertag noch alles cool und spannend erschien, wird im Schnitt jeder fünfte Lehrvertrag vorzeitig aufgelöst – viele davon geben im ersten Lehrjahr auf. Ein Grund: Lehrlinge sind nach wenigen Monaten in der Lehre ernüchtert, da sie sich den Job nach dem Reinschnuppern ganz anders vorgestellt haben. So berichten zahlreiche Leser, sie hätten ein vollkommen unrealistisches Berufsbild vermittelt bekommen.

«Es gab alles, nur nicht das, was mir Spass machte»

Die 16-jährige Norina zählt zu den rund 21 Prozent, die vorzeitig aus ihrem Vertrag ausgestiegen sind. Laut ihr ist die Schnupperzeit um einiges besser gewesen als die eigentliche Elektroniker-Lehre. «Sie haben mir nur die einfachste Aufgabe gezeigt: das Löten. Als ich dann im August angefangen hatte, sagten mir die Lehrmeister allerdings, dass Löten gar nicht zu den Aufgaben gehört und nur selten vorkommt.» Eigentlich bestehe der Hauptteil ihrer Lehre aus Programmieren und Konstruieren. «Mir hatte aber das Löten am meisten Spass gemacht. Es gab alles, nur nicht das.» Nun hat die 16-Jährige gekündigt und macht eine KV-Ausbildung. Ihre Entscheidung bereut sie nicht.

«Ich war der Löli für alle»

Auch der 22-jährige Raphael* hat seine Lehre als Fachmann im Bereich Gesundheit am Ende des ersten Lehrjahres abgebrochen. Nach der Schnupperlehre habe er sich auf den Berufsstart gefreut. «Doch schon bald war nichts mehr so, wie anfangs beschrieben.» Obwohl es hiess, dass das Team aufeinander schaue und niemand zu viel arbeiten müsse, erlebte es Raphael anders: «Ich bekam am Morgen fünf bis sieben Patienten und musste sie alle innert zwei Stunden waschen, duschen und pflegen.»

Auch zum Lernen oder zum Hausaufgabenmachen, habe ihm die Zeit und die Energie gefehlt, so der heute 22-Jährige «Ich war der Löli für alle und bin nur noch gerannt. Wenn man merkt, dass es nur noch ums Füdliputzen geht, dann macht der Job einfach keinen Spass mehr.» Inzwischen weiss er, dass er nicht als Fachmann Gesundheit tätig sein möchte. Stattdessen macht er nun eine Lehre als Fachmann Betreuung.

«Meine Lehre sollte kreativ sein – ist sie aber nicht«»

Andere bleiben in der Lehre, leiden dabei aber: «Beim Schnuppern musste ich kreative Aufgaben erledigen, etwa Flyer oder Visitenkarten erstellen. Jetzt mache ich die Lehre als Polygrafin und muss hauptsächlich nur Daten annehmen, prüfen und drucken», sagt die 17-jährige Hannah. Sie habe sogar dreimal in ihrem vermeintlichen Traumberuf als Polygrafin geschnuppert. Dennoch wurde sie beim Stellenantritt von der Wirklichkeit enttäuscht: Dass die Lehre an sich nicht kreativ sei, habe man der 17-Jährigen bei allen Schnupperterminen verschwiegen. «In der Schule wurde gesagt, dass wir nach der Lehre einige Wege offen haben. Daher beisse ich mich jetzt durch», so Hannah.

«Firmen spielen nicht mit offenen Karten»

Dass einige Betriebe den potenziellen Lernenden am Schnuppertag nur die positiven Seiten zeigen, stellen auch die Gewerkschaften fest.

«Gerade Unternehmen in Branchen, die Mühe bei der Rekrutierung haben, spielen oft nicht mit offenen Karten», sagt Kathrin Ziltener, Jugendsekretärin bei der Unia. Sie hätten Angst, dass bei einem realistischen Schnuppertag die Jugendlichen abspringen würden, da sie sie nur als billige Arbeitskräfte und nicht als Lernende vorgesehen hätten. Ebenfalls betroffen seien Firmen, die wirtschaftlich unter Druck stünden: «In Stresssituationen kann sich dann der Umgangston radikal verändern, wovor Lernende eigentlich geschützt werden müssten.»

Ziltener betont aber auch, dass es an einem Tag auch schwierig sei, ein umfassendes Bild des Berufs zu vermitteln. Sie empfiehlt deshalb auch, dass Lernende mehrere Schnuppertage machen. «Zur Lehre gehören auch teils nicht so spannende Arbeiten. Aber es hört dort auf, wo nicht mehr die Ausbildung der Jugendlichen, sondern die Ausbeutung im Vordergrund steht», sagt Ziltener.

Gewerbe: «Mehrheit der Betriebe gibt sich viel Mühe»

Für Christoph Erb, Direktor des Verbands Berner KMU, steht fest, dass jedes Jahr Zehntausende realistische Schnuppertage über die Bühne gehen. «Die grosse Mehrheit der Betriebe gibt sich viel Mühe. Sie möchten ja auch, dass die Jugendlichen ihre Lehre abschliessen.» Es sei deshalb im ureigenen Interesse der Firmen, auch die weniger attraktiven Seiten eines Berufs in der Schnupperlehre zu zeigen.

Natürlich gebe es in jeder Ausbildung Momente, in denen sich Lernende fragen würden, warum sie nur diesen Beruf gewählt hätten, sagt Erb. Doch auch diese Momente gingen wieder vorbei. «Die Schüler können sich am Schnuppertag meist bereits mit Lernenden austauschen. So ist auch ein offenes Gespräch über die attraktiven und weniger attraktiven Aspekte des Berufes möglich.»

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