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Trauerfeier in ViareggioIn der Mitte liegen die Kindersärge

Rom Wut, Schmerz und Fassungslosigkeit standen den rund 30 000 Menschen im toskanischen Urlaubsort Viareggio ins Gesicht geschrieben. Sie gedachten bei einem bewegenden Staatsbegräbnis der 22 Toten des schweren Eisenbahnunglücks vor einer Woche.

Viele weinten. Andere hatten geballte Fäuste. Der Schrei eines Mannes «Wir werden euch nie vergessen» hallte den Särgen nach, als sie aus dem Stadion getragen wurden. Die Fahnen wehten auf halbmast im ganzen Land. «29.06.2009 - mit Wut und Schmerz trägt euch Viareggio im Herzen», hiess es auf einem Spruchband.

Der blinde Startenor Andrea Bocelli, rührte die Menschenmassen - begleitet von Orchester und Chor der kleinen Ortschaft - mit dem Ave verum corpus von Wolfgang Amadeus Mozart zu Tränen.

In den Flammen verbannt

Vor einer Woche war das Unglück über sie hereingebrochen: Ein mit Flüssiggas beladener Waggon entgleiste im zentral gelegenen Bahnhof des kleinen Badeortes am Ligurischen Meer wegen einer gebrochenen Achse und explodierte. Mehrere Häuser wurden in Schutt und Asche gelegt, der Bahnhof und die anliegende Strasse in ein Flammeninferno verwandelt.

Mindestens die Hälfte der Opfer war unmittelbar nach der Explosion in den Flammen verbrannt. Sieben aus Marokko stammende Opfer waren bereits am Wochenende nach Marokko überführt und am Montag in Casablanca und Marrakesch beerdigt worden.

In der Mitte Kindersärge

Ganze Familien wurden dahingerafft. So etwa die Familie des kleinen Leonardo. Im Stadion standen unter den 15 Särgen die beiden kleinen, weissen Kindersärge seiner Brüder: Der fünfjährige Luca und sein 17 Monate alte Bruder Lorenzo starben zusammen mit ihrer und Leonardos Mutter im Feuer.

Der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano, der mit vielen anderen Politikern an der Zeremonie teilnahm, besuchte Leonardo nach der Trauerfeier im Krankenhaus. «Niemand hat Leonardo gesagt, dass er seine Brüder und seine Mutter verloren hat und dass sein Vater im Sterben liegt, aber er weiss es trotzdem», erzählte der Staatspräsident nach dem Besuch mit gebrochener Stimme und Tränen in den Augen. «Hier muss Klarheit geschaffen werden.»

»Nie wieder Bombenzüge» hatten italienische Zeitungen in den vergangenen Tagen immer wieder getitelt. Der Unfall hatte in Italien zu heftiger Kritik an der Sicherheit des Güterverkehrs geführt.

Viele bemängeln fehlende Kontrollen. So war die gebrochene Achse über 30 Jahre alt. Sie war 1974 in der DDR hergestellt und wiederverwendet worden. Doch die Tragödie ist nicht rückgängig zu machen. 15 Menschen liegen immer noch schwer verbrannt und verletzt in Krankenhäusern.

(sda)

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