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Lovely Me«In der Schule nannten sie mich ‹Missgeburt›»

Als Kleinkind verbrühte sich Debborah (23) 30 Prozent ihrer Haut. Wegen ihrer grossflächigen Narben wurde sie in der Schulzeit heftig gemobbt.

von
Maria Warzinek
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In ihrem ersten Lebensjahr lief für Debborah (23) noch alles gut. 

In ihrem ersten Lebensjahr lief für Debborah (23) noch alles gut.

privat
Doch mit 13 Monaten verbrühte sie sich bei einem Unfall rund 30% ihrer Körperoberfläche. 

Doch mit 13 Monaten verbrühte sie sich bei einem Unfall rund 30% ihrer Körperoberfläche.

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Als ihre Eltern noch schliefen, liess sie sich eine Badewanne mit kochend heissem Wasser ein und kletterte hinein. 

Als ihre Eltern noch schliefen, liess sie sich eine Badewanne mit kochend heissem Wasser ein und kletterte hinein.

privat

Darum gehts

  • Debborah (23) verbrühte sich mit 13 Monaten rund 30% ihrer Körperoberfläche.

  • Sie lag drei Wochen im künstlichen Koma und bekam diverse Hauttransplantationen.

  • Während ihrer Schulzeit wurde sie von den Mitschülern aufgrund der Narben brutal gemobbt.

  • Heute sieht Debborah ihre Narben auch als einen Vorteil an: «Dabei haben mir die Gespräche mit anderen Betroffenen geholfen.»

Debborah, was macht dich besonders?

Ich trage schon mein Leben lang Verbrennungsnarben auf meinem Körper. Mit 13 Monaten erlitt ich Verbrühungen 3. Grades (siehe Box) auf rund 30 Prozent meiner Körperoberfläche. Dabei wurden alle drei Hautschichten geschädigt. Die Narben sind an meinen Beinen und an meinem Bauch und werden nicht mehr weggehen. Sie sind von klein auf mitgewachsen und werden das auch in Zukunft noch tun.

Wie kam es zu den Verbrühungen?

Ich war ein extrem lebhaftes Kind und war schon immer fasziniert von Wasser. Eines Morgens, als meine Eltern noch schliefen, kletterte ich aus meinem Bett und ging ins Badezimmer. Da wir damals einen alten Boiler besassen, war es möglich, kochend heisses Wasser aus den Leitungen in die Badewanne zu lassen. Ich bin reingeklettert und habe mich dabei schwerst verbrüht. Meine Eltern sind von meinen Schreien aufgewacht und brachten mich sofort in die Notaufnahme.

Dort wurde es dann sehr brenzlig. Ich lag drei Wochen im künstlichen Koma, weil ich sonst nicht überlebt hätte. Die Ärzte haben mir sofort an Bauch und Beinen Haut transplantiert. Für den grössten Bereich an den Beinen nutzten sie meine Kopfhaut, da sich die Haut dort am schnellsten regeneriert. Von der Hautentnahme am Kopf sieht man heute nichts mehr.

Wie bist du als Kind mit deinen Narben umgegangen?

Ganz lang habe ich nicht realisiert, dass ich anders bin. Die Kinder, die mit mir aufgewachsen sind, haben mich von Beginn an so gekannt und nie speziell behandelt. Ich glaube, den Kleinkindern ist es egal, wie man aussieht. Sie haben keine Vorurteile. Sonderbehandlungen oder komische Blicke gab es nur von Erwachsenen.

Wurden die Narben irgendwann zum Problem?

Ja, in der 5. Klasse sind wir umgezogen, und ich war in der Schule «die Neue». Ich wurde ausgegrenzt und ausgeschlossen und aufgrund meiner Narben gemobbt. Es war das erste Mal, dass ich realisiert habe, dass etwas anders an mir ist.

Richtig schlimm wurde es als Teenager. Ich habe angefangen, mehr von meinem Körper zu zeigen und mich ganz anders mit meinem Aussehen auseinanderzusetzen. Schnell begann ich, an mir zu zweifeln. Zudem wurden die Kommentare der Mitschüler immer schlimmer. Von «Schau dich doch mal an» bis zu «Missgeburt» war alles dabei.

In der 9. Klasse wurden die Leute dann reifer. Die Ausbildung zur Detailhandelsfachfrau war ein Neuanfang für mich. Da ich in der Lehre aufgrund der Narben der körperlichen Belastung nicht standhielt, musste ich abbrechen. Ich liess mich daraufhin umschulen und schloss meine KV-Lehre erfolgreich ab.

Wie geht es dir heute?

Ich hatte während meiner Jugend immer wieder Operationen, um die Narben zu verschönern und die Schmerzen zu verringern. Mittlerweile kann ich eigentlich alles machen und lasse mir auch nichts nehmen. Ich brauche bei körperlich anstrengenden Aktivitäten einfach mehr Pausen als andere.

Heute kann ich sagen: An neun von zehn Tagen geht es mir super, manchmal fällt es mir aber auch jetzt noch schwer, mich zu akzeptieren. Wenn ich mich nicht genug stark für die Blicke fühle, versuche ich die Narben mit langen Kleidern zu kaschieren. So muss ich nicht alles preisgeben.

Was rätst du Personen, die in einer ähnlichen Situation stecken?

Tragt eure Besonderheiten mit Stolz! Ihr seid einzigartig, und es gibt keinen Menschen, der so ist wie ihr, und das macht euch wertvoll. Für Leute, die so etwas nie erlebt haben, ist es schwer, eure Gefühle nachzuvollziehen. Es ist völlig normal, dass die Menschen neugierig sind, und das nehme ich niemandem übel. Vielen ist aber nicht bewusst, wie sehr wir wahrnehmen, ob ein Blick einfach neugierig oder schon angeekelt und schockiert ist. Mir wäre es in solchen Situationen lieber, wenn die Leute mich einfach darauf ansprechen, da ich keine Probleme habe, über meine Narben zu reden. Ich möchte nicht, dass mir jemand ausweichen muss oder gar von mir zurückschreckt. Mir hat es daher immer geholfen, mich mit anderen Betroffenen zu unterhalten und über gemeinsame Erfahrungen zu sprechen. Ich habe so gelernt, die Narben nicht als etwas Negatives, sondern als einen Vorteil anzusehen.

Was sind Verbrühungen?

Verbrühungen sind eine Schädigung der Haut, die durch heisse Flüssigkeiten oder Dämpfe ausgelöst werden. Sie sind vor allem bei Kleinkindern unter vier Jahren eine häufige Verletzung. Verbrühungen werden in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt, je nachdem, wie stark die Haut geschädigt ist. Beim 1. Grad ist die Haut gerötet und schmerzt. Als zusätzliches Symptom treten beim 2. Grad Blasen auf. Von Verbrühungen 3. Grades spricht man, wenn die Hautschichten vollständig zerstört sind und kein Schmerz mehr empfunden werden kann. Die Therapie richtet sich nach der Tiefe der Verletzung.

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