Gesundheitswesen: «In der Schweiz gibt es keinen Ärztemangel»
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Gesundheitswesen«In der Schweiz gibt es keinen Ärztemangel»

Die Hausärzte sterben aus. Sagen die Hausärzte. Alles halb so schlimm, finden die Krankenkassen: Viele medizinische Leistungen müssten nämlich gar nicht von Ärzten erbracht werden.

von
Othmar Bamert

Die Diagnose scheint klar: In der Schweiz herrscht ein akuter Ärztemangel. Vor allem bei den Hausärzten zeichnet sich bis 2021 ein dramatischer Engpass ab. Darum hat der Berufsverband der Hausärzte 2009 eine Volksinitiative gestartet. Er verlangt einen neuen Artikel in der Verfassung, wonach Bund und Kantone für eine gute Versorgung der Bevölkerung durch Hausarztmedizin sorgen müssen. Denn bis 2016 werde die Hälfte der heute praktizierenden Hausärztinnen und Hausärzte in Pension gehen. Zwei Drittel der Schweizer Allgemeinmediziner seien über 55 Jahre alt, so warnt der Verband.

Besonders dramatisch scheint die Situation schon heute in den Randregionen. Aber selbst grössere Städte haben Mühe mit der medizinischen Grundversorgung. In Langenthal BE beispielsweise arbeiten noch sieben Hausärzte, die alle kurz vor der Pensionierung stehen. Der Bundesrat empfiehlt deshalb den Kantonen, künftig mehr Studierende zum Medizinstudium zuzulassen.

FMH: «Numerus Clausus muss gelockert werden»

«Wir brauchen einfach mehr Ärzte», klagt auch Jacques de Haller, Präsident der Ärztevereinigung FMH, und warnt: «Ohne die vielen Ärzte aus Deutschland könnten unsere Spitäler schon jetzt nicht mehr funktionieren.» Rund 4000 Mediziner aus dem nördlichen Nachbarland sind zurzeit in der Schweiz tätig. Laut einer Studie der ETH hat beinahe jeder zweite Assistenzarzt in der Schweiz sein Ärztediplom im Ausland gemacht.

Die FMH fordert die Lockerung der Zulassungsbeschränkungen für das Medizinstudium (Numerus Clausus) in der Schweiz. «Wir brauchen mindestens 20 Prozent mehr Medizinstudierende», so Haller. Der Haken: Das würde rund 1,9 Milliarden Franken kosten.

Patientenschutzorganisation: «Mehr Lehrstühle für Allgemeinmedizin»

Ein Mangel herrscht vor allem bei den Allgemeinmedizinern, einer Fachrichtung, die bei den Studierenden eher unbeliebt ist. Denn trotz Tarmed und Hausbesuchspauschale verdienen die Hausärzte nach wie vor viel weniger als die Spezialisten. So kassierten die Spitzenverdiener unter den Ärzten, die Neurochirurgen, 2006 im Schnitt 428 000 Franken im Jahr. Die Allgemeinmediziner kamen dagegen auf einen Durchschnittslohn von vergleichsweise bescheidenen 193 000 Franken.

Margrit Kessler von der Patientenschutzorganisation schlägt in dieselbe Kerbe wie de Haller. Sie sorgt sich um die künftige Qualität der medizinischen Grundversorgung der Schweiz. Sie fordert darum auch ein grösseres Ausbildungsangebot für Allgemeinpraktiker. Zurzeit gibt es lediglich drei Lehrstühle für Allgemeinmedizin in der Schweiz.

Santésuisse: «Nicht alles muss der Arzt machen»

Anders sieht es der Krankenkassenverband Santésuisse. Hier spricht man von einer eigentlichen Panikmacherei. «Einen Ärztemangel gibt es nur, wenn wir meinen, alle medizinische Leistungen müssten von Ärzten erbracht werden», so der Politikchef Felix Schneuwly. Er stellt damit das Ärztemonopol bei der Grundversorgung in Frage. Für viele medizinische Grundleistungen brauche es gar keinen Arzt, findet der Verband. «Spitex-Leistungen können beispielsweise von Pflegefachleuten besser erbracht werden.» Das glaubt auch die Professorin für Gesundheitspolitik und ehemalige WHO-Direktorin Ilona Kickbusch. Sie verweist auf die Mini Clinics in den US-Einkaufszentren, die schon heute von Pflegefachleuten geführt werden und sich für kleinere Beschwerden, leichte Infektionen, Impfungen und Screenings eignen.

Als in der hitzigen Diskussion um den Ärztemangel ebenfalls nicht berücksichtigte Alternative erwähnt Schneuwly von Santésuisse zudem die Telemedizin, wie sie beispielsweise von Medi24 oder Medgate betrieben wird: «Diese computergestützte Fern-Dienstleistungen sparen dank ihrer guten Triage nicht nur Kosten, sie sichern dank der vorbildlichen Dokumentation und Weiterentwicklung der elektronischen Expertensysteme auch die Qualität der medizinischen Beratung.» Es brauche im Gesundheitswesen einen Strukturwandel hin zu einer interdisziplinären medizinischen Grundversorgung mit neuen Arbeitsteilungen und Veranwortungszuteilung unter den Ärzten, Spitälern, Apothekern, Therapie- und Pflegefachleuten, statt an bestehenden Standesinteressen festzuhalten, fordert er. Schneuwlys Schlussfolgerung: «Zurzeit gibt es in der Schweiz keinen Ärztemangel und mit den richtigen Weichenstellungen wird es auch keinen geben.»

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