Hochqualifizierte Migranten: «In der Schweiz muss ich als Tellerwäscher jobben»

Aktualisiert

Hochqualifizierte Migranten«In der Schweiz muss ich als Tellerwäscher jobben»

In der Schweiz gibt es rund 50'000 gut ausgebildete Migranten, die ihren Beruf nicht ausüben können. 20 Minuten hat mit drei Betroffenen gesprochen.

von
J. Büchi
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Andrés Linares (33), Marketing-Experte aus Kolumbien: «Seit ich hier bin, habe ich als Tellerwäscher, Stahlarbeiter, und Allrounder gearbeitet», so der Kolumbianer. «Nie hätte ich gedacht, dass es so schwierig wird, einen Job zu finden, der meinen Qualifikationen entspricht.»

Andrés Linares (33), Marketing-Experte aus Kolumbien: «Seit ich hier bin, habe ich als Tellerwäscher, Stahlarbeiter, und Allrounder gearbeitet», so der Kolumbianer. «Nie hätte ich gedacht, dass es so schwierig wird, einen Job zu finden, der meinen Qualifikationen entspricht.»

ZVG
Rizzo Rios (46), Arzt von den Philippinen: «Jedes Mal, wenn ich etwas über den Ärztemangel in der Schweiz lese, bricht es mir fast das Herz. Falls sich politisch in der Schweiz nichts ändert, bleibt mir wohl keine andere Wahl, als mit Frau und Kind in einem fremden Land von vorne zu beginnen.»

Rizzo Rios (46), Arzt von den Philippinen: «Jedes Mal, wenn ich etwas über den Ärztemangel in der Schweiz lese, bricht es mir fast das Herz. Falls sich politisch in der Schweiz nichts ändert, bleibt mir wohl keine andere Wahl, als mit Frau und Kind in einem fremden Land von vorne zu beginnen.»

ZVG
Jos Peperkamp (50), Arbeitspsychologe aus Holland: «Die Arbeitgeber schauen nur darauf, ob es auf den Dokumenten ein Schweizerkreuz hat oder nicht.»

Jos Peperkamp (50), Arbeitspsychologe aus Holland: «Die Arbeitgeber schauen nur darauf, ob es auf den Dokumenten ein Schweizerkreuz hat oder nicht.»

Sie haben in ihrem Heimatland aufwendige Ausbildungen absolviert – trotzdem haben sie in der Schweiz kaum eine Chance auf eine Stelle, die ihren Qualifikationen entspricht: Laut einer Studie des Basler Instituts B,S,S. leben in der Schweiz 50'000 hochqualifizierte Migranten, die auf dem Arbeitsmarkt kaum Beachtung finden. So erleben sie die Situation:

Andrés Linares (33), Marketing-Experte aus Kolumbien

Mit seinem Lebenslauf muss sich Andrés Linares nicht verstecken: Seinen Bachelor in Marketing & International Business erwarb er in Kolumbien, danach folgte ein Nachdiplomstudium in Global Consumer Marketing an der Universität von Liverpool. Seit fünf Jahren lebt er nun mit seiner Frau, einer Schweizerin, in Bern.

Bei der schweizerischen Rektorenkonferenz hat sich Linares beglaubigen lassen, dass sein Abschluss Schweizer Standards entspricht. Auch ein Deutsch-Zertifikat einer Schweizer Sprachschule liegt vor. Dennoch ist Linares weit davon entfernt, seine Marketing-Kenntnisse in einer Schweizer Firma einbringen zu können. «Seit ich hier bin, habe ich als Tellerwäscher, Stahlarbeiter und Allrounder gearbeitet», so der Kolumbianer. «Nie hätte ich gedacht, dass es so schwierig wird, einen Job zu finden, der meinen Qualifikationen entspricht.»

Linares wünscht sich mehr Offenheit vonseiten der Wirtschaft. «Es wäre doch im Interesse von Firmen und Gesellschaft, wenn hochqualifizierte Migranten nicht in schlecht bezahlten Jobs versauern würden.»

Rizzo Rios (46), Arzt von den Philippinen

«Jedes Mal, wenn ich etwas über den Ärztemangel in der Schweiz lese, bricht es mir fast das Herz», sagt Rizzo Rios. Der 46-Jährige stammt von den Philippinen, wo er sein Medizinstudium absolviert und fünf Jahre lang als Arzt gearbeitet hat. 1999 folgte er seiner heutigen Frau in die Schweiz – hier wollte er seine Karriere als Mediziner fortsetzen. «Ich merkte jedoch schnell, dass hier niemand auf mich gewartet hat.»

Wann auch immer er sich als Arzt bewarb, kam eine Absage zurück. «Immer hiess es, man habe Kandidaten, die mit dem schweizerischen Umfeld besser vertraut seien.» Rios beantragte die Anerkennung seines philippinischen Diploms in der Schweiz – in der Hoffnung, dass sich seine Jobaussichten damit verbessern würden. «Die zuständigen Ämter teilten mir aber mit, dass ich zuerst Berufserfahrung in der Schweiz sammeln müsse. Das ist doch paradox!»

Über eine Anstellung als Hilfspfleger kam Rios nie hinaus. Nun bereitet er sich auf die US Medical Licensing Examination vor – die Aufnahmeprüfung, die Ärzte ablegen müssen, um in den Vereinigten Staaten praktizieren zu dürfen. «Ich will die Schweiz eigentlich nicht verlassen», sagt Rios, dessen 12-jähriger Sohn im Sommer ins Gymnasium kommt. Genauso wenig wolle er aber bis zur Pensionierung einer Arbeit nachgehen, für die er unterqualifiziert sei. «Falls sich politisch in der Schweiz nichts ändert, bleibt mir wohl keine andere Wahl, als mit Frau und Kind in einem fremden Land von vorne zu beginnen.»

Jos Peperkamp (50), Arbeitspsychologe aus Holland

Das Problem, dass hochqualifizierte Migranten in der Schweiz links liegengelassen werden, betreffe nicht nur Menschen aus Drittstaaten, betont Jos Peperkamp. Er stammt aus der EU, genauer gesagt aus dem Süden Hollands. In seiner Heimat hatte der Arbeits- und Organisationspsychologe eine eigene Firma mit 22 Angestellten.

2010 habe er sich von einem Kunden aus der Schweiz abwerben lassen. «Seine Pläne tönten so fantastisch, dass ich meine Firma in Holland verkaufte.» In der Schweiz landete Peperkamp jedoch hart auf dem Boden der Realität. Die neue Geschäftsidee hielt nicht, was sie versprach. Der 50-Jährige trennte sich vom neuen Arbeitgeber.

Seither gleicht sein Berufsleben einem Spiessrutenlauf: Er ist arbeitslos, eine Absage jagt die nächste. «Manchmal sind die Begründungen echt kindisch», sagt Peperkamp frustriert. «Manchmal heisst es, ich würde kulturell nicht in die Firma passen, einmal kann ich zu wenig gut Deutsch – obwohl ich direkt an der deutschen Grenze aufgewachsen bin.» Peperkamp sagt, seine holländischen Diplome seien von den zuständigen Ämtern beglaubigt worden. «Doch das nützt nichts: Die Arbeitgeber schauen nur darauf, ob es auf den Dokumenten ein Schweizerkreuz hat oder nicht.»

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