Alain Berset - «In der Schweiz soll es keine erneuten Schliessungen mehr geben»
Aktualisiert

Alain Berset«In der Schweiz soll es keine erneuten Schliessungen mehr geben»

Alain Berset denkt laut über eine Verschärfung der Covid-Zertifikatspflicht nach. Zur Drittimpfung gebe es noch zu wenig Daten, sagt der Bundesrat.

von
Marcel Urech
1 / 8
«Man sollte nicht nur die Einträge in den sozialen Medien lesen, um zu bewerten, wie das Land tickt», sagt Bundesrat Alain Berset zur stärkeren Spaltung der Gesellschaft seit dem Ausbruch des Coronavirus. 

«Man sollte nicht nur die Einträge in den sozialen Medien lesen, um zu bewerten, wie das Land tickt», sagt Bundesrat Alain Berset zur stärkeren Spaltung der Gesellschaft seit dem Ausbruch des Coronavirus.

AFP
Weitere Lockerungen wie eine Einschränkung der Maskenpflicht seien realistisch, wenn es gut laufe.

Weitere Lockerungen wie eine Einschränkung der Maskenpflicht seien realistisch, wenn es gut laufe.

Sebastian Gollnow/dpa
Dass die Zertifikatspflicht verschärft werden müsse, sei ebenfalls möglich, meint Berset.

Dass die Zertifikatspflicht verschärft werden müsse, sei ebenfalls möglich, meint Berset.

Sébastien Anex

Darum gehts

  • Bundesrat Alain Berset will aktuell keine weiteren Hürden für Corona-Tests.

  • «Wir brauchen einfach mehr Zeit», sagt Berset zur verhältnismässig tiefen Impfquote in der Schweiz.

  • Die Auslastung der Spitäler soll entscheidend dafür sein, ob es weitere Massnahmen gibt oder nicht.

«Wenn es gut läuft, sind in wenigen Wochen weitere Lockerungen wie zum Beispiel eine Einschränkung der Maskenpflicht möglich», sagt Bundesrat Alain Berset im Gespräch mit der «Sonntagszeitung». Mit der Delta-Variante, den Ferienrückkehrern und dem baldigen Schulstart sei die Situation allerdings unübersichtlich – und der Bundesrat vorsichtig. Er riskiere sonst, im Herbst einschneidendere Massnahmen einführen zu müssen. «In der Schweiz soll es keine erneuten Schliessungen mehr geben. Dafür werden wir alles unternehmen.»

Berset denkt über Verschärfung der Zertifikatspflicht nach

Es sei aber möglich, dass die Schweiz die Zertifikatspflicht verschärfen müsse, sagt Berset. Betreiber von Orten, an denen das Zertifikat obligatorisch sei, könnten zusätzlich Personendaten erheben. Da das heute nicht geschehe, sei das Contact-Tracing oft nicht möglich. Laut Berset sind wir allerdings bereits wieder nahe an der Normalität. Es gebe nur noch wenige Beschränkungen, etwa die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften oder die Zertifikatspflicht an Grossveranstaltungen und in Clubs.

Die Auslastung der Spitäler wird entscheidend sein

Berset sagt zudem, dass noch nicht alle Impfwilligen geimpft seien. In wenigen Wochen werde es aber soweit sein. Dann könne man die Normalisierungsphase einläuten. Das Kriterium, um Massnahmen zu beurteilen, werde die Auslastung der Spitäler sein – und nicht mehr der Schutz der Ungeimpften. Man müsse sicherstellen, dass Personen, die an einem Tumor leiden oder ein Hüftgelenk brauchen, weiter Zugang zu den Spitälern hätten. «Es wäre nicht fair, wenn Geimpfte wegen der Ungeimpften Einschränkungen erdulden müssten.»

Dritte Impfung? Es fehlt an Daten

Auf die Frage, ob es noch vor dem Winter eine dritte Impfung brauche, antwortet Berset, dass es noch keine ausreichenden Daten dazu gebe. Der Bundesrat habe aber immer gesagt, dass Auffrischimpfungen nötig seien. Vor allem für vulnerable Personen, deren Impfung schon länger her sei. Aktuell gebe es aber noch keine Beweise dafür, dass der Schutz nach der Impfung abnehme – insbesondere bei schweren Krankheitsverläufen.

«Wir brauchen einfach mehr Zeit»

Auf die verhältnismässig tiefe Impfquote in der Schweiz angesprochen, sagt Berset: «Wir brauchen einfach mehr Zeit.» Eine Möglichkeit, um die Impfquote zu erhöhen, seien unterschwellige Impfangebote. «Doch das ist nicht Aufgabe des Bundesrats. Da müssen jetzt die Kantone und Gemeinden aktiv werden.»

Berset will vorerst keine Hürden für Tests

Ob Ungeimpfte weiterhin von Gratistests profitieren sollen, werde der Bundesrat sicher bald diskutieren. Momentan sei das aber wohl sinnvoll: Die Hälfte der Neuansteckungen gehe derzeit auf Leute zurück, die im Ausland gewesen seien. «Wir sollten deshalb vorderhand keine Hürden aufstellen, um das Testen zu erschweren», sagt Berset. Das würde den Kampf gegen die Pandemie bloss unnötig erschweren.

Berset kritisiert die SVP

Auf die zunehmende Spaltung der Gesellschaft angesprochen, sagt Berset: «Man sollte nicht nur die Einträge in den sozialen Medien lesen, um zu bewerten, wie das Land tickt.» Die Gräben seien gar nicht so tief, wie sie die Öffentlichkeit darstelle. «Ich war recht überrascht, ausgerechnet am 1. August solch spaltende Worte zu hören», sagt Berset zur SVP, die laut dem Interviewer versucht, die Gräben politisch auszuschlachten.

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

271 Kommentare