Demokratie: In der Schweiz werden Andersdenkende als Feinde betrachtet

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DemokratieIn der Schweiz werden Andersdenkende als Feinde betrachtet

Die Schweiz ist eines der meistpolarisierten Länder. Das bedeutet, dass Leute mit Andersdenkenden nicht reden und wenig von ihnen halten. Ein Verein will das ändern.

von
Claudia Blumer
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Die Abneigung gegenüber Menschen, die anders denken, führt zu einer Feindseligkeit, die sich auch auf die Politik auswirkt (Themenbild, Aufnahme aus Zürich). Diese Tendenz ist in der Schweiz besonders stark.

Die Abneigung gegenüber Menschen, die anders denken, führt zu einer Feindseligkeit, die sich auch auf die Politik auswirkt (Themenbild, Aufnahme aus Zürich). Diese Tendenz ist in der Schweiz besonders stark.

Tamedia
Laut der Harvard-Studie «Cross-Country Trends in Affective Polarization» ist die Schweiz nach den USA das Land, das am stärksten polarisiert in dieser Hinsicht. Untersucht wurden ein Dutzend OECD-Länder.

Laut der Harvard-Studie «Cross-Country Trends in Affective Polarization» ist die Schweiz nach den USA das Land, das am stärksten polarisiert in dieser Hinsicht. Untersucht wurden ein Dutzend OECD-Länder.

Auch weitere Untersuchungen zeigen die Gräben zwischen Andersdenkenden in der Schweiz. So eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2015: Das Parteiensystem ist in der Schweiz stärker polarisiert als in fast allen anderen europäischen Ländern.

Auch weitere Untersuchungen zeigen die Gräben zwischen Andersdenkenden in der Schweiz. So eine Studie der Universität Zürich aus dem Jahr 2015: Das Parteiensystem ist in der Schweiz stärker polarisiert als in fast allen anderen europäischen Ländern.

Darum gehts

  • Nach den USA ist die Schweiz am stärksten polarisiert, das geht aus einer Harvard-Studie hervor. Untersucht wurden ein Dutzend OECD-Länder.

  • Diese Polarisierung bedeutet, dass Menschen nicht mit Andersdenkenden reden und sie als Feinde betrachten.

  • Das sorgt für politische Blockaden, sagen Politologen.

  • Die Denkfabrik Pro Futuris lanciert deshalb das Projekt #lasstunsreden – Menschen mit möglichst unterschiedlichen Meinungen tauschen sich dabei aus.

Wissenschaftler der Harvard-Universität haben untersucht, wie hoch die affektive Polarisierung in westlichen Ländern ist. Das bedeutet: Wie stark ist die Abneigung der Leute gegenüber Andersdenkenden. Fazit: In den USA hat die Polarisierung in den letzten 40 Jahren stark zugenommen. Hatten die Leute Ende der Siebzigerjahre noch gewisse Vorbehalte gegenüber Personen in einer anderen Partei, sind diese Vorbehalte inzwischen stark gestiegen. Die Studie wurde im Januar 2022 publiziert.

Denselben Trend gibt es auch in der Schweiz. Von dem Dutzend OECD-Länder, die untersucht wurden, kommt die Schweiz gleich nach den USA an zweiter Stelle. Hier sind die Gräben zwischen den Meinungslagern besonders tief. Nach der Schweiz kommt Frankreich. Am anderen Ende der Rangliste ist Deutschland. Dort hat die Polarisierung abgenommen.

Die Studie berücksichtigt Schweizer Daten nur bis 2011 – doch seither haben sich die Gräben in der Schweiz verschärft, wie weitere Untersuchungen zeigen. Etwa jene eines Teams der Universität Zürich aus dem Jahr 2015, wonach das Parteiensystem in der Schweiz stärker polarisiert ist als in fast allen anderen europäischen Ländern. Laut einer Sotomo-Studie von Ende 2021 hat Corona sogar unter Freunden und Verwandten zum Kontaktabbruch geführt.

«Toxische Streitkultur»

Laut den Autoren der Harvard-Studie kann dieser Trend schwerwiegende Auswirkungen haben, etwa die Politik lähmen oder dazu führen, dass sich immer mehr Gruppen von Gleichgesinnten bilden, sogenannte Bubbles. Pro Futuris, eine Denkfabrik der schweizerischen gemeinnützigen Gesellschaft, lanciert deshalb das Projekt «lasstunsreden» (siehe Box): Menschen mit möglichst unterschiedlichen Meinungen sollen miteinander ins Gespräch kommen.

In der Schweiz sei die gegenseitige Antipathie unter Andersdenkenden besonders stark, sagt Ivo Scherrer, Projektleiter bei Pro Futuris und Politökonom. «Wir laufen damit Gefahr, dass sich die Leute zunehmend in Gruppen Gleichgesinnter zurückziehen und mit Andersdenkenden gar nicht erst reden, sie sogar als Feinde betrachten.» Das sei für die Demokratie schädlich: «Wenn sich die wichtigen Akteure nicht zusammenraufen können, droht die Schweiz Handlungsfähigkeit zu verlieren. Schon jetzt kämpfen wir mit Reformstau und kommen in den wichtigsten Dossiers – Klima, EU und AHV – nicht vom Fleck.»

Die gesellschaftliche Debatte drohe zu einem Kampf verfeindeter Lager zu verkommen, wie dies in den USA der Fall ist. «Ein Lagerkampf mit toxischer Streitkultur, in der Angst, Wut, Ablehnung und Misstrauen dominieren und viele Menschen dazu angetrieben sind, der anderen Seite Schaden zuzufügen. Noch sei es in der Schweiz nicht so weit. 

Wie gehst du selber mit Andersdenkenden um?

Blockade in wichtigen Themen

Politische Debatten würden heute über Personen geführt, nicht mehr über die Sache, sagt Politologe Claude Longchamp. Auch dies sei eine Begleiterscheinung der Polarisierung. «Man redet über den Absender einer Botschaft, nicht über die Botschaft selber. Je nachdem, zu welcher Gruppe der Absender gehört, wird seine Botschaft akzeptiert oder eben nicht.»

Diese starke Abgrenzung, verbunden mit dem Gruppendruck in den politischen Lagern, verhindert laut Longchamp, dass Akteure aufeinander zugehen und Kompromisse machen. «Politikerinnen und Politiker, die in zahlreichen Dossiers kompromissfähig sind, gibt es heute kaum noch. Eine Ausnahme sind am ehesten die Grünliberalen.»

Laut Lukas Golder, Co-Geschäftsführer des Forschungsinstituts gfs-Bern, hängt die Polarisierung der Gesellschaft mit dem permanenten Wahlkampf zusammen, den die Parteien führen. Die Corona-Pandemie habe dies noch verstärkt, weil auf politischer Ebene kein direkter Austausch stattgefunden hat. Dieser Permanent-Wahlkampf werde auch von Regierungsparteien betrieben, nicht nur von Oppositionsparteien, wo er ja legitim wäre, sagt Golder. Das führe dazu, dass in grossen Themen tendenziell eine Blockadesituation herrsche: Altersvorsorge, Gesundheit, Klima und Europa. «Hier fällt es dem Bundesrat, der Verwaltung und dem Parlament schwer, echte Lösungen zu finden, nicht bloss faule Kompromisse, die dann auch vor dem Volk Bestand haben.»

Wie denkst du über Covid- und Rüstungspolitik?

Die Denkfabrik Pro Futuris lanciert das Projekt #lasstunsreden: Wer mitmachen will, beantwortet auf der Website zunächst Fragen wie «Hat der Bundesrat die Covid-Krise gut gemeistert?» oder «Soll die Schweiz aufrüsten?» Dann ermittelt das System den perfekten Gesprächspartner, sprich: jemanden mit einer möglichst stark abweichenden Meinung. Die Personen sollen miteinander reden, zu zweit, live oder online. Die Gespräche finden im August und September statt und dauern etwa 90 Minuten. Im Herbst wird das Projekt wissenschaftlich ausgewertet. Es soll ermittelt werden, ob die Ablehnung Andersdenkender sich durch die Gespräche verändert hat.

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