Psycho-Pillen-Boom: «In der Schweiz werden zu wenig Kranke behandelt»
Aktualisiert

Psycho-Pillen-Boom«In der Schweiz werden zu wenig Kranke behandelt»

Schweizer Fachleute wehren sich gegen die Kritik des amerikanischen Psychiaters Allen Frances: Anders als in den USA werde in der Schweiz nicht leichtfertig diagnostiziert.

von
S. Marty
Psychiater stehen in der Kritik, immer mehr Psycho-Pillen zu verschreiben.

Psychiater stehen in der Kritik, immer mehr Psycho-Pillen zu verschreiben.

Der amerikanische Psychiater Allen Frances warnt vor Missständen in der Psychiatrie: Normale Probleme würden heutzutage immer öfter als psychische Störungen abgestempelt und Ärzte verschrieben Pillen im Übermass. Auch 20-Minuten-Leser sind laut einer nicht repräsentativen Umfrage dieser Meinung.

Selbst wenn sich Frances' Erkenntnisse vor allem auf die USA beziehen, auch in der Schweiz wird offenbar immer häufiger diagnostiziert: «Die Fachleute sind sensibler geworden und verschreiben häufiger Antidepressiva», sagt Undine Lang, Klinikdirektorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik EPK der Universität Basel. Anders als früher kämen nach einem Schlaganfall oder einem Herzinfarkt heute auch Antidepressiva zum Einsatz.

Zahlen von IMS Health zeigen: Die Anzahl verkaufter Antidepressiva-Packungen ist von 2004 bis 2012 um 23 Prozent angestiegen. Die Steigerung ist laut Interpharma, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz, unter anderem mit der wachsenden Bevölkerung und den besseren Diagnosemöglichkeiten zu erklären. Aber auch die Zunahme an älteren Personen, die vermehrt an Depressionen leiden, seien Gründe für diesen Trend.

Keine leichtfertigen Diagnosen

Trotz dieser Zunahme sind sich Fachleute allerdings einig: Die Situation in der Schweiz sei längst nicht so dramatisch wie in den USA. «Dort kann man Antidepressiva in Apotheken ohne jegliche Diagnose kaufen», so Lang. Unter Amerikanern gehöre es fast schon zum guten Ton, Stimmungsaufheller zu schlucken.

Auch Pierre Vallon, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, betont: «In der Schweiz werden gesunden Menschen sicher nicht einfach leichtfertig psychische Störungen angehängt.» Antidepressiva seien oft mit Nebenwirkungen verbunden und würden zudem erst nach einer mehrwöchigen Einnahme wirken. «Vor einer Verschreibung werden die Patienten deshalb genau aufgeklärt und instruiert», versichert Vallon.

Antidepressiva im Trauerfall?

Frances' Kritik an Ärzten, die selbst in Trauerfällen als erste Reaktion gleich zum Rezeptblock greifen, kann der Psychiater allerdings nachvollziehen. Vallon: «Trauer ist sicherlich keine Krankheit und sollte deshalb auch nicht wie eine psychische Störung behandelt werden.» Seine Berufskollegin Lang jedoch ist anderer Meinung: «Niemand wird gegen seinen Willen behandelt. Jeder Mensch kann und muss für sich selbst abschätzen, wann er Hilfe benötigt und wie diese aussehen soll.» Sie empfinde diese Entwicklung im Sinne einer Autonomieerweiterung deshalb als durchaus positiv.

Lang geht gar noch weiter: «Wir haben in der Schweiz nicht das Problem, dass zu viele gesunde Menschen behandelt, sondern zu wenig kranke Menschen behandelt werden.» Immer noch halte die Angst vor einer Stigmatisierung durch die Gesellschaft viele Depressive davon ab, sich therapieren zu lassen. «Ein Indiz dafür ist die hohe Suizidrate der Schweiz.»

Pharmalobby wehrt sich

Doch Frances sieht die Schuldigen nicht nur unter den Psychiatern, auch die Pharmalobby mache die Gesellschaft mit ihrer Profitorientierung zunehmend krank. Eine Behauptung, die sich hierzulande laut Fachleuten ebenfalls nicht stützen lässt: «Seit zwanzig Jahren hat die Pharmaindustrie keine wirklich neuen Antidepressiva mehr auf den Markt gebracht», sagt Vallon. Das Profitargument greife für die Schweiz definitiv zu kurz.

Interpharma wirft derweil ein weiteres Argument ins Feld: «Anders als in den USA ist es in der Schweiz verboten, Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente zu schalten», sagt Sprecherin Sara Käch. Der Druck von Patienten auf Ärzte, ein bestimmtes Medikament zu verschreiben, ist weniger hoch als in den Vereinigten Staaten.

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