Mögliche Mangellage: In der Schweiz wird trotz Aufruf des Bundes noch kein Strom gespart

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Mögliche MangellageIn der Schweiz wird trotz Aufruf des Bundes noch kein Strom gespart

Der Bund mahnt zum Energiesparen, um eine Mangellage abzuwenden. Doch die Aufrufe haben noch keinen Effekt auf die Verbraucher erzielt. Die Politik sucht nach Lösungen.

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Vor dem kommenden Winter bangen viele in der Schweiz vor einer Mangellage.

Vor dem kommenden Winter bangen viele in der Schweiz vor einer Mangellage.

Moritz Hager/Tamedia AG
Ob es tatsächlich so weit kommt, steht noch in den Sternen.

Ob es tatsächlich so weit kommt, steht noch in den Sternen.

IMAGO/Geisser
Jedenfalls sind die Haushalte aufgefordert, möglichst Strom zu sparen.

Jedenfalls sind die Haushalte aufgefordert, möglichst Strom zu sparen.

IMAGO/Geisser

Darum gehts

«Energie ist knapp. Verschwenden wir sie nicht.» Dies ist die Hauptbotschaft der landesweiten Energiekampagne des Bundes, die Ende August lanciert wurde und bis April 2023 laufen soll. «Die Sparempfehlungen richten sich an die Bevölkerung und an die Wirtschaft. Sie zeigen, wie man ganz einfach Energie – Gas, Heizöl, Strom und andere – sparen kann, ob zu Hause oder am Arbeitsplatz. Durch Absenken der Heiztemperatur, durch weniger Warmwasserverbrauch, durch das Abschalten von elektrischen Geräten oder der Beleuchtung, wenn man sie nicht braucht, oder durch energiesparendes Kochen und Backen», heisst es in der Botschaft des Bundes. Die Idee: Durch präventives Sparen soll es schon gar nicht zu einer Mangellage kommen.

Doch so einfach verständlich und greifbar die Spartipps des Bundes auch sind – bewirkt haben sie noch nichts, wie die Zeitungen von Tamedia berichten. Aus den aktuellen Verbrauchszahlen des Verbandes europäischer Netzbetreiber Entso-E lasse sich demnach kein Spareffekt erkennen. Auch bei den Elektrizitätswerken EWZ in Zürich und EWB in Bern wird nicht mit einem geringeren Verbrauch gerechnet. In Basel soll der Verbrauch laut IWB zwar leicht gesunken sein, erklären kann der Energieversorger den Trend aber nicht.

Sparst du zu Hause Energie?

Schweizweit soll der Verbrauch im September sogar leicht gestiegen sein, dies liege allerdings im Bereich «zufälliger Schwankungen», erklärt René Baggenstos, Geschäftsführer des Luzerner Energieberatungsunternehmens Enerprice, welches die Entso-E-Daten aufarbeitet. Dass der Verbrauch wegen der Kampagne des Bundes signifikant sinke, hatte er nicht erwartet. Das Problem sei, dass die Leute erst verzögert reagierten: «Viele denken, dass sie dann auf den Winter hin sparen würden.» In der Regel brauche es aber zusätzlich ein «Schockerlebnis», damit sich die Leute bewegten – etwa einen Blackout oder sehr hohe Preise.

Bund fordert genaueres Monitoring

Den Spareffekt nachzuweisen sei sowieso nicht so einfach, da die Daten der Energieversorger nicht zwischen Industrie, Dienstleistung und Privathaushalten unterscheiden würden. Es könne sein, dass in den Haushalten zwar gespart würde, in der Industrie aus Sorge vor einer Kontingentierung des Stroms aber vorproduziert würde.

Derzeit ist der Bund daran, gemeinsam mit der Branche ein Monitoring aufzubauen, um hier mehr Transparenz zu erzielen und allfällige Massnahmen besser abstützen zu können. Voraussetzung dafür ist, dass von Energieversorgern, Verteilnetzbetreibern, Händlern, Produzenten und Endverbrauchern möglichst genaue Zahlen vorliegen. Auf Grund dieser Zahlen könnte mit Hilfe von Hochrechnungen, Daten zu Stromproduktion und -importen sowie etwa Wetterdaten ein Informationstool erstellt werden, das auch als Warnsystem dient.

Werden staatliche Eingriffe nötig?

Ob die Freiwilligkeit allein reicht, um eine Mangellage zu verhindern, oder ob staatliche Eingriffe nötig werden, darüber ist sich die Politik noch unsicher. Der Luzerner Ständerat Damian Müller (FDP) etwa meint: «Die Kampagne allein wird kaum reichen, um den Verbrauch stärker zu senken.» Und SP-Fraktionschef Roger Nordmann findet, der Bundesrat müsse ein verbindliches Sparziel von drei bis vier Prozent festlegen. Roberto Schmidt, Präsident der Energie­direktoren­konferenz, hatte kürzlich etwa die Abschaltung aller Schaufenster­beleuchtungen gefordert.

Gerade gestern hat der Bundesrat einen Krisenstab genehmigt, der bei einer allfälligen Mangellage zum Einsatz kommen soll. Damit will die Regierung die aktuelle Krisenorganisation erweitern.

Werner Luginbühl, Präsident der Eidgenössischen Elektrizitätskommission Elcom, warnt derweil vor zu viel Aktionismus:  «Wenn man zu früh die Zügel zu straff anzieht, besteht die Gefahr, dass sich Fronten bilden», sagt er und verweist auf die Corona-Situation. Hätten sich solche Positionen einmal gefestigt, werde es schwieriger, Massnahmen durchzusetzen, wenn man sie tatsächlich brauche.

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(trx)

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