Kehrtwende in Ankara?: «In der Türkei wird es weiter eskalieren»
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Kehrtwende in Ankara?«In der Türkei wird es weiter eskalieren»

Neuerdings stellt sich Ankara gegen den IS und kooperiert mit den USA. Was heisst das für den Kampf gegen die Terrormiliz – und für den Krieg in Syrien? 20 Minuten fragte nach.

von
gux

Kampfjets griffen in der Nacht zum Freitag Stellungen des IS im Nachbarland an. Gleichzeitig nahm die türkische Polizei am Freitag in einem landesweiten Grosseinsatz hunderte Kurden, Anhänger von linksradikalen Gruppen und Islamisten fest.

Nach den jüngsten Anschlägen des «Islamischen Staats» (IS) schliesst sich die Türkei den Luftangriffen gegen die Terrormiliz an und gestattet den USA die Nutzung des strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkts Incirlik. Ist das nun die Kehrtwende, die sich der Westen von Ankara erhofft? Was heisst das für den Kampf gegen den IS und für den Krieg in Syrien? 20 Minuten fragte den Türkei-Experten und Islamwissenschaftler Udo Steinbach.

Herr Steinbach, können wir wirklich von einer Kehrtwende Ankaras sprechen?

Ja. Diese Wende wird allerdings von der Regierung nur sehr ungern vollzogen. Diese hat lange mit dem IS konspiriert. Das hat sich als falsch erwiesen. Dazu nimmt auch der Druck der türkischen Öffentlichkeit zu, die Regierung müsse etwas unternehmen. Das ist auch entscheidend für die wohl kommenden Neuwahlen im Herbst.

Jetzt dürfen die USA offiziell den Stützpunkt Incirlik nutzen, obwohl Ankara immer sagte: Wir kooperieren mit euch, aber nur unter der Bedingung, dass Assad gestürzt wird. Kommt jetzt neue Bewegung in den Syrienkrieg?

Der türkische Ansatz, wonach die syrische Krise nur zu lösen ist, wenn es in Damaskus zu einem Machtwechsel kommt, war durchaus richtig. Doch diesem Ansatz folgte die internationale Gemeinschaft nicht, erst recht nicht die Amerikaner. Ob sich jetzt diesbezüglich etwas ändern wird, nachdem man den Stützpunkt Incirlik geöffnet hat, wissen wir noch nicht. Ich glaube, solange die internationale Gemeinschaft nicht der türkischen Seite folgt und sagt, jetzt tragen wirklich zum Sturz Assads bei, solange werden Militäroperationen der Türken kaum durchschlagend sein.

Dann hat in Ihren Augen Erdogan alles richtig und die internationale Gemeinschaft alles falsch gemacht?

Man kann und soll die türkische Politik in vielen Punkten kritisieren. In einem aber hatte Erdogan recht: Er hatte Assad Anfang 2011 ermahnt, auf die Stimme des Volkes zu hören und seinen Abgang vorzubereiten. Als dies nicht geschah und alles in Gewalt endete, forderte die Türkei einen möglichst schnellen Regimewechsel. Die wirklich grossartige Geste der Türken, ihre Grenze für zwei Millionen Flüchtlinge aus Syrien aufzumachen, geschah vor dem Hintergrund dieser Erwartung. Nach dem Regimewechsel, so dachte man damals, würden all diese Menschen bald zurückkehren.

Nach dem Telefonat von Erdogan und Obama ist jetzt US-Verteidigungsminister Ashton Carter überraschend in die nordirakische Kurdenhauptstadt Erbil geflogen. Was tut sich da?

Man versucht neue Allianzen zu schmieden. Es war lange klar, dass die amerikanische Unterstützung aus der Luft allein nicht ausreichen würden. Wenn man gegen den IS ins Feld zieht, muss das am Boden passieren, und zwar mit den regional Betroffenen, der irakischen, der kurdischen und auch der türkischen Armee. Jetzt versucht man es noch mal in der Hoffnung, dass die Türkei bereit sein könnte, ein höheres Profil zu zeigen.

Und, ist die Türkei dazu bereit?

Solange die USA bei den Gesprächen kein klares Ziel vorgeben, was in Syrien geschehen soll, solange wird es gegen den IS keine Allianz am Boden geben.

Kann Ankara die Angst des Westens vor einem Machtvakuum nicht nachvollziehen, den eine Enthebung Assads mit sich bringt?

Das hängt vom Zeitpunkt ab, über den wir sprechen. Jetzt entsteht ein Vakuum in einer äusserst schwierigen Lage – vor zwei Jahren wäre das Vakuum durch legitime Kräfte noch zu füllen gewesen, durch eine säkulare Opposition, durch die verschiedenen syrischen Parteien und Organisationen. Doch das Grundproblem bleibt: Wenn der IS zusammenbricht, kommen andere islamistische Kräfte, das haben wir in den letzten Jahren ja immer wieder erlebt. Solange Assad an der Macht ist, gibt es weder eine politisch Lösung noch eine militärische Lösung, was den IS angeht.

Es scheint, als ob Erdogan sich bei einem Riesenspagat die Beine bricht: Die gegen den IS kämpfen, verunglimpft er als Terroristen, und jetzt wendet er sich neuerdings auch gegen die Islamisten, die Assad stürzen wollen.

Es ist unübersehbar, dass Erdogan zwischen allen Stühlen sitzt. Das ist für die Türkei sehr schlecht. Gerade jetzt bräuchte sie eine starke, handlungsfähige Regierung. Die hat sie nicht. Statt dessen öffnet diese Schwäche allen möglichen oppositionellen Organisationen Tür und Tor, die mitunter auch zu Gewalt bereit sind. Sie werden sehen: Was in den letzten Tagen geschehen ist, wird weiter eskalieren und nicht mehr so schnell unter die Kontrolle des türkischen Staates zu bringen sein.

Udo Steinbach ist ein deutscher Islamwissenschaftler. Er leitete unter anderem das Deutsche Orient-Institut und ist Gründungsdirektor des GIGA Instituts für Nahoststudien.

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