«Time-Out»: In der Warteschlaufe zum Millionär

Aktualisiert

«Time-Out»In der Warteschlaufe zum Millionär

So wenig Eiszeit, so viel Hoffnung: Jahrhunderttalent Nino Niederreiter (19) muss bei den New York Islanders in der vierten Linie darben und kann trotzdem Millionär werden.

von
Klaus Zaugg
New York
Nino Niederreiter will bei den Islanders mehr Eiszeit.

Nino Niederreiter will bei den Islanders mehr Eiszeit.

Donnerstag, 9. Februar 2011. Die New York Islanders spielen gegen die Montreal Canadiens. Wer dem Fremden erklärt, er könne bei den Islanders das grösstes Schweizer Stürmertalent aller Zeiten live erleben, erntet bestenfalls Kopfschütteln. Nino Niederreiter ist tatsächlich von den New York Islanders beim Draft 2010 als Nummer 5 gezogen worden. Will heissen: Er gilt zu diesem Zeitpunkt weltweit als fünftbester Stürmer, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht bei einer NHL-Organisation unter Vertrag steht. So hoch ist noch nie ein Schweizer Stürmertalent bewertet worden.

Niederreiter, das Wunderkind

Die hohen Erwartungen waren ja auch berechtigt. Als Novize hat Nino Niederreiter in Davos einst in 78 Spielen 111 Tore erzielt. Er wechselt im Sommer 2009 nach Nordamerika bevor er Stammspieler beim HCD wird, und in der Western Hockey League, auf höchster nordamerikanischer Junioren-Stufe, trifft er in 145 Partien immer noch 95 Mal ins Netz. Im Laufe der Saison 2009/10 ist er auch der Leitwolf der Schweizer an der U20-WM (7 Spiele/6 Tore/4 Assists) und kommt in der gleichen Saison gleich bei der «richtigen» WM in Deutschland zu vier Einsätzen (keine Skorerpunkte). Ein Wunderkind.

Aber das erkennt der Fremde, der ein Spiel der New York Islanders verfolgt, nicht mehr. Inzwischen ist der Bub aus der Schweiz zum jungen Mann und zum richtigen NHL-Profi gereift. Sein Vertrag läuft bis 2014 und bringt ihm pro Saison brutto 900 000 Dollar ein. Aber was ist bloss sportlich aus ihm geworden?

Die Saison hatte der ehemalige HCD-Junior in der ersten Sturmreihe neben Superstar John Tavares begonnen. Doch nun darf er sein Talent nur noch mit dem Tropfenzähler in der vierten Linie neben Jay Pandolfo (37) und Tim Wallace (27) zeigen. Neben zwei Amerikanern mit dem Talent für die Lakers bzw. dem Alter für Lugano.

Statt bis zu 20 Minuten Eiszeit muss Nino Niederreiter froh sein, wenn er wenigstens für 10 Minuten zum Einsatz kommt. In 30 Partien hat er diese Saison erst ein einziges Tor erzielt. Gegen die Montréal Canadiens schickt ihn der Coach bloss zwölfmal für insgesamt 7 Minuten und 21 Sekunden aufs Eis. Zum Vergleich: Mark Streit kommt bei 25 Einsätzen auf 25 Minuten und 50 Sekunden Eiszeit.

In der Warteschlaufe zum NHL-Millionär

Der Fremde hat also den Eindruck, Nino Niederreiter sei gescheitert. Ist er das tatsächlich? Nein. Er befindet sich bloss in der Warteschlaufe zum NHL-Millionär. Läuft alles weiterhin nach Plan, wird er im Sommer 2014 einen neuen NHL-Vertrag mit mehr als einer Million Dollar Jahreslohn erhalten. Er muss nur durchhalten und gesund bleiben.

Bei den New York Islanders steht Nino Niederreiters Talent nämlich nicht zur Debatte. Beim Training der Islanders fällt auf, dass sich einer der Trainerassistenten um den jungen Schweizer kümmert und mit ihm Spezialübungen macht. Aber es geht dabei nicht ums Toreschiessen. Sondern um das Behaupten der Scheibe beim Kampf entlang der Bande. Ein offensiver Formel-1-Bolide zum defensiven Bandentraktor umprogrammiert. Der Schweizer ist nicht so talentiert wie John Tavares oder Sidney Crosby. Also geht es jetzt darum, aus ihm einen kompletten Spieler zu machen: Einen Stürmer, der nicht nur von der roten Linie an vorwärts spielt, wie er das bei den Junioren getan hat. Sondern einen Stürmer, der auch von der roten Linie an rückwärts seinen Job in der Defensive macht.

Den Platz in der ersten Linie hat das Schweizer Jahrhundert-Talent durch zwei Verletzungen (Leistenzerrung, Gehirnerschütterung) schnell verloren. Man stelle sich das Heulen und Wehklagen vor, wenn beispielsweise beim EV Zug Damien Brunner nach einer Verletzungspause nur noch in der vierten Linie zum Zug kommen würde. Doch Nino Niederreiter beklagt sich nicht und er redet so, wie ein richtiger NHL-Profi. «Ich muss aus meiner Situation das Beste machen und lernen, besser zu werden. Dazu gehört auch mein Spiel entlang der Banden.»

Der Spielrhythmus fehlt

Es sei nicht einfach für ihn. Denn sein Spiel lebt ja von seiner Kreativität, seiner Frechheit und seine Fähigkeit, Tore zu erzielen. Nun hat er diese Saison erst ein einziges Mal getroffen. «Das war gegen Chicago noch vor meiner Gehirnerschütterung.»

Natürlich fehle ihm das Toreschiessen. «Aber im Training klappt es schon noch.» Der Auftrag in der vierten Linie sei glücklicherweise nicht nur defensiver und destruktiver Natur. «Es gilt in erster Linie kein Tor zu kassieren. Aber wir versuchen auch immer wieder, nach vorne etwas zu bewegen und die Initiative zu ergreifen.» Einfach sei das nicht, weil es schwierig sei, einen Spielrhythmus zu finden, wenn man manchmal sieben oder acht Minuten lang nicht eingesetzt werde.

Doch gerade bei seinem letzten Spiel gegen Montréal hätte er um ein Haar den Ausgleich erzielt. Die vierte Linie der Islanders fräste sich mutig durch die Abwehr der Canadiens und es brauchte eine Heldentat von Torhüter Carey Price um die von Nino Niederreiter schlau in die tiefe Ecke abgelenkte Scheibe mit dem Schoner abzuwehren.

Hoffen auf Durchbruch

Noch hat kein Schweizer Stürmer den Durchbruch in der NHL geschafft. Reto von Arx, Thomas Ziegler, Andres Ambühl und Roman Wick sind ebenso nach einer Saison wieder heimgekehrt wie Michel Riesen, der in Edmonton immerhin ein Erstrundendraft war. Und doch unterscheidet sich Niederreiters Situation von allen bisherigen Schweizer Stürmern: Niederreiter ist ein wichtiger Teil des jungen, entwicklungsfähigen Teams der Islanders. Das Management und die Trainer sind mit dem Schweizer bisher durchaus zufrieden. Sie unterwerfen ihn sozusagen einem Härtetest und wenn er sich in der aktuellen Rolle bewährt, wird er bereits nächste Saison in der Team- und Sturmlinienhierarchie aufrücken. Er wirkt trotz der schwierigen Situation keineswegs frustriert. Das Leben als NHL-Profi in Amerika gefällt ihm. «Ich konnte die letztjährige Wohnung von Mark Streit übernehmen und er hilft mir, wo er kann. Dank ihm habe ich mich hier im Alltag sehr gut zurecht gefunden.»

Wenn er gesund bleibt und ein wenig Glück hat, wird Niederreiter einmal im Rückblick auf seine Karriere die Saison 2011/12 als seine lehrreichste auf dem Weg nach ganz oben erkennen.

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