Aktualisiert 05.06.2014 08:38

Kinder-Bonus

«In Deutschland erhalten Familien mehr Geld»

Stundenlang diskutierte der Nationalrat über die finanzielle Entlastung von Familien. Doch wie gut oder schlecht geht es Eltern hierzulande eigentlich finanziell? Eine Politologin klärt auf.

von
J. Büchi
Derzeit sind in der Politik zahlreiche Vorstösse hängig, die Familien finanziell entlasten wollen.

Derzeit sind in der Politik zahlreiche Vorstösse hängig, die Familien finanziell entlasten wollen.

Mit ihrer Initiative «Familien stärken! Steuerfreie Kinder- und Ausbildungszulagen» will die CVP Eltern finanziell entlasten. Der Nationalrat empfiehlt die Initiative zur Ablehnung. Frau Stadelmann-Steffen, wie stark ist denn die finanzielle Belastung von Schweizer Familien im Vergleich zu anderen Ländern?

Isabelle Stadelmann-Steffen: Generell variieren die Art und das Ausmass, zu dem Familien unterstützt werden, sehr stark zwischen den Ländern. Was Kinderzulagen oder eben Steuererleichterungen angeht, sind wir in Europa etwa im Mittelfeld. In Deutschland oder Österreich sind diese direkten Leistungen eher höher, in Südeuropa bekommen Familien weniger. Wenn man auch Kinderbetreuungsleistungen miteinbezieht, besteht der grösste Unterschied zu skandinavischen Ländern wie Schweden, Norwegen oder Dänemark: Dort sind nicht nur die genannten Geldleistungen relativ hoch – dank ausgebauten Kinderbetreuungsangeboten und Elternurlaub ist die Politik auch stärker auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgerichtet als bei uns.

Weshalb hinken wir in diesem Bereich den Skandinaviern hinterher?

Die Familienpolitik ist bei uns, wie etwa in Deutschland oder Österreich auch, noch stark auf den Schutz der traditionellen Familie ausgerichtet. Das heisst, die Politik ist vom Ideal geprägt, wonach typischerweise der Mann das Geld verdient, während die Frau zuhause bei den Kindern bleibt.

Das ist in der Schweiz aber in vielen Familien nicht mehr Realität.

Nein, aber die Strukturen begünstigen dieses Modell. Wenn ein Mann keinen Vaterschaftsurlaub beziehen kann, dann stellt sich gar nicht die Frage, ob auch der Vater mal eine Weile zu Hause bleibt und die Kinder betreut. Zwar ist in den letzten zehn Jahren punkto Kinderbetreuung viel gegangen, aber im Prinzip kann man die Familienpolitik in der Schweiz höchstens als leicht modernisierte Version des traditionellen Modells bezeichnen.

Umfrage Vaterschaftsurlaub

Es sind ja gerade in den letzten Wochen wieder Stimmen laut geworden, die einen Vaterschaftsurlaub fordern. Solche Vorstösse sind in den vergangenen Jahren aber immer gescheitert. Weshalb haben es solche Anliegen in der Schweiz so schwer?

Einerseits sind die traditionellen Wertvorstellungen immer noch fest verankert. Schnell entsteht eine emotionale Debatte über die richtige Rollenverteilung, was eine inhaltliche Diskussion oft erschwert. Andererseits und damit verbunden hat bei uns oft das Volk das letzte Wort – die direkte Demokratie hat sich bei der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates immer wieder als hemmend erwiesen. Bei der Mutterschaftsversicherung hat es 57 Jahre gedauert, bis sie angenommen wurde.

Neben der CVP-Initiative sind aktuell noch viele andere Vorstösse hängig, die Steuergutschriften oder höhere Kinderzulagen fordern. Ist da die Aussicht auf Erfolg grösser?

Ja, tendenziell schon. Gerade Familienzulagen finden eher eine Mehrheit, weil sie nicht nur von links, sondern bis weit in die Mitte unterstützt werden. Denn sie stützen im Prinzip das traditionelle Familienmodell. Widerstand entsteht eigentlich nur, weil sie natürlich kosten – und alles was kostet, hat es in der Schweiz ebenfalls oft schwer.

Ist es also eine Illusion, zu glauben, dass die aktuelle Flut an familienpolitischen Vorstössen die Situation für Mütter und Väter in der Schweiz verbessert?

Die vielen Vorstösse zeugen auf jeden Fall davon, dass Familienpolitik gerade als wichtiges Thema gesehen wird, in dem sich alle Parteien irgendwie engagieren wollen. Das kann durchaus dazu führen, dass die eine oder andere Forderung umgesetzt werden wird. Man sagt ja nicht umsonst: steter Tropfen höhlt den Stein. Auch die gesellschaftliche Entwicklung wird wohl das Ihrige dazu beitragen: Vermutlich werden gerade auch die Männer in Zukunft stärker auf einen Vaterschaftsurlaub pochen.

Gibt es denn Länder, wo sich das Kinderkriegen finanziell lohnt – etwa, weil die Kinderzulagen so hoch sind?

Sicher ist, dass es Länder gibt, in denen Kinder einen weniger grossen Einschnitt in die finanzielle Situation eines Paares bedeuten. In der Schweiz sind die finanziellen Ausfälle gerade auch durch den typischerweise starken Lohnrückgang der Frauen nach der Geburt eines Kindes schon sehr hoch.

Zur Person:

Isabelle Stadelmann-Steffen ist Assistenzprofessorin für Vergleichende Politik an der Universität Bern. Sie beschäftigt sich schwerpunktmässig mit den Unterschieden zwischen verschiedenen Wohlfahrtsstaaten.

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