Warnung von Top-Virologe Drosten: «In Deutschland wird die Pandemie jetzt erst richtig losgehen»

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Warnung von Top-Virologe Drosten«In Deutschland wird die Pandemie jetzt erst richtig losgehen»

Der Berliner Virologe Christian Drosten warnt vor einer Ausbreitung der Corona-Pandemie in Deutschland ab Herbst. Das Land sei für die kommenden Monate nicht ausreichend gewappnet.

von
Karin Leuthold
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Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, sagte in einem Interview im Vorfeld zur Gesundheitskonferenz World Health Summit, dass Deutschland jetzt handeln müsse, wenn das Land die Corona-Pandemie ab Herbst in den Griff bekommen möchte.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin, sagte in einem Interview im Vorfeld zur Gesundheitskonferenz World Health Summit, dass Deutschland jetzt handeln müsse, wenn das Land die Corona-Pandemie ab Herbst in den Griff bekommen möchte.

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Der deutsche Virologe schaut aufmerksam auf die Corona-Entwicklung in Deutschland und in anderen EU-Ländern. 

Der deutsche Virologe schaut aufmerksam auf die Corona-Entwicklung in Deutschland und in anderen EU-Ländern.

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Dass bis anhin die Corona-Neuinfektionen in Deutschland nicht so rasant gestiegen seien wie etwa in Spanien oder Frankreich, habe damit zu tun, dass die deutsche Regierung «ungefähr vier Wochen früher reagiert» habe als andere Länder. 

Dass bis anhin die Corona-Neuinfektionen in Deutschland nicht so rasant gestiegen seien wie etwa in Spanien oder Frankreich, habe damit zu tun, dass die deutsche Regierung «ungefähr vier Wochen früher reagiert» habe als andere Länder.

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Darum gehts

  • Der deutsche Virologe Christian Drosten schaut aufmerksam auf die Corona-Entwicklung in Deutschland und in anderen EU-Ländern.
  • Wolle Deutschland die Pandemie beherrschen, müsse die Regierung «Dinge ändern».
  • Deutschlands bisheriger Erfolg beruhe darauf, dass «wir ungefähr vier Wochen früher reagiert haben».

Wenn Deutschland die Situation in der Corona-Pandemie beherrschen wolle, dann müsse die Politik jetzt richtig handeln. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Universitätsklinik Charité, findet in einem Interview im Vorfeld zur Gesundheitskonferenz World Health Summit klare Worte. In den kommenden Monaten werde die Pandemie auch den Norden Europas erreichen, da müsse Deutschland ausreichend gewappnet sein - was seiner Meinung nach derzeit nicht der Fall sei. «Wir müssen Dinge ändern», so Drosten.

Dass bis anhin die Corona-Neuinfektionen in Deutschland nicht so rasant gestiegen seien wie etwa in Spanien oder Frankreich, habe damit zu tun, dass die deutsche Regierung «ungefähr vier Wochen früher reagiert» habe als andere Länder.

Unterschiede zwischen Deutschland und dem Süden Europas

In Deutschland müsse man sich klarmachen, «dass wir, wenn wir die Kurven übereinanderlegen, etwas hinterherhinken hinter Spanien, Frankreich und England», sagte Drosten vor einigen Tagen auch der Deutschen Presse-Agentur. Er betonte, «dass wir uns aber auch nicht vormachen sollten, dass sich das bei uns alles ganz anders entwickelt. Wir machen auch jetzt nicht sehr viele Sachen sehr anders».

«Es gibt ein paar Details, die vielleicht bei uns anders sind als in Südeuropa. Unsere Haushalte sind häufig kleiner, wir haben mehr Einpersonenhaushalte», sagt Drosten. Es gebe weniger Mehr-Generationen-Familien, in denen das Virus über die Altersgrenzen sehr leicht verbreitet werde. «Das sind sicher Unterschiede.»

Fussball ist jetzt völlig unwichtig

Aber ansonsten sei Deutschland nicht viel anders als diese europäischen Nachbarländer. «Darum müssen wir da sehr vorsichtig sein und sehr genau beobachten, wie es jetzt weitergeht.» Und vor allem: «Wir müssen aufhören, uns über so Dinge wie Fussballstadien zu unterhalten. Das ist wirklich komplett irreführend», warnt Drosten im Interview zum World Health Summit, das «Focus Online» zitiert.

Eine wichtige Lektion aus der Pandemie für die Zukunft sei, dass Gesundheit das Wichtigste für den Einzelnen und die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft sei, sagte Detlev Ganten, Präsident und Gründer des World Health Summit, bei dem Doppelinterview. «Wirtschaft, Kultur und all das funktioniert eben nicht mehr, wenn das, was wir als garantiert ansehen, nicht mehr da ist. Ich bin nicht sicher, ob das allen wirklich so klar ist.»

Deutsche sollten Corona-Warn-App stärker nutzen

Die deutsche Regierung hat die Bürger aufgerufen, wegen steigender Infektionsrisiken im nahen Herbst und Winter die neue Corona-Warn-App stärker einzusetzen. «Bitte nutzen Sie dieses Werkzeug in der Pandemie», sagte Gesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch in Berlin. Dazu gehöre, bei einem positiven Test auch seine Kontakte über die Smartphone-Anwendung zu informieren – bisher passiere das nur in der Hälfte der Fälle.

Vor Beratungen von Regierung und Bundesländern in der kommenden Woche unterstrich Kanzleramtschef Helge Braun, dass Lockerungen von Schutzmassnahmen derzeit nicht angebracht seien. Die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina sprach sich derweil für ein einheitlicheres Vorgehen in Deutschland aus.

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