Flüchtlinge: In die Schweiz kommen mehr Afghanen als Syrer
Aktualisiert

FlüchtlingeIn die Schweiz kommen mehr Afghanen als Syrer

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt reisen über die Schweizer Grenze mehr Afghanen ein als Syrer. Die Integration droht für diese schwierig zu werden.

von
PHI
Zöllner warten in Buchs SG auf ankommende Flüchtlinge.

Zöllner warten in Buchs SG auf ankommende Flüchtlinge.

Der Druck auf die Schweizer Grenze nimmt zu. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit der Medien besonders auf Asylsuchende aus Syrien, die an der Grenze in St. Gallen erwartet werden. Zu Unrecht, wie die Zahlen der Kantonspolizei St. Gallen zeigen: Während die Öffentlichkeit sich auf die 181 Syrer konzentriert, die seit dem 13. September an der Schweizer Ostgrenze angekommen sind, kamen im selben Zeitfenster 195 Afghanen über die St. Galler Grenze in die Schweiz.

Auch im Monat August stellten nur 401 Syrer ein Asylgesuch, während es aus Afghanistan 461 Personen waren. Das ist ein deutlicher Anstieg: Laut Zahlen des Staatssekretariats für Migration (SEM) stellten während des zweiten Quartals 2015 in der ganzen Schweiz nur 344 Afghanen ein Asylgesuch in der Schweiz.

Schnellere Antwort in der Schweiz

«Wie die Syrer kommen auch die meisten Afghanen über die Balkanroute nach Europa», erklärt Céline Kohlprath, Sprecherin des SEM. Dass mehr Afghanen als Syrer in die Schweiz kommen, hängt laut Kohlprath zudem mit der Situation in Deutschland zusammen: «In Deutschland dauert es für Afghanen länger, bis sie eine Antwort auf ein Asylantrag bekommen, da das Land 250'000 unerledigte Asylgesuche hat.» Bei den syrischen Flüchtlingen sei es anders, für sie führe Deutschland ein Schnellverfahren durch. Dies sei auch der Grund, warum Deutschland für syrische Flüchtlinge attraktiver sei als die Schweiz.

Dass Deutschland Grenzkontrollen eingeführt habe, um alle Ankommenden zu registrieren, werde daran nichts ändern: «Der Asylprozess verzögert sich zwar um einige Tage, aber er ist nach wie vor kürzer als in der Schweiz.» Zudem werde in Deutschland praktisch jeder Syrer als Flüchtling anerkannt. «In der Schweiz wird die Mehrheit hingegen nur vorläufig aufgenommen und bekommt nicht den Flüchtlingsstatus, da jedes Gesuch individuell geprüft wird.»

Hinzu kommt, dass in Afghanistan offenbar Aufbruchsstimmung herrscht: Laut der deutschen Botschaft in Afghanistan gibt es Anzeichen dafür, dass die afghanische Regierung eine Million Pässe ausgestellt hat, welche die Ausreise nach Europa ermöglichen. Andere beantragen hingegen mit gefälschten syrischen Pässen Asyl, um bessere Chancen auf eine positive Antwort zu haben, wie eine Recherche der Nachrichtenagentur AP zeigt.

«Sicherheitslage in Afghanistan kritisch»

Alexandra Karle, Sprecherin von Amnesty International Schweiz, vermutet, dass die grosse afghanische Community auch eine Rolle spielt: «In der Schweiz leben im Moment 3582 vorläufig aufgenommene Afghanen.» Dass so viele Menschen aus Afghanistan fliehen, begründet sie mit der prekären Sicherheitslage im Land: «Die Taliban destabilisieren das Land sehr stark, besonders seit im Dezember 2014 die meisten ausländischen Truppen abgezogen wurden.» Auch sei die Zahl der im Konflikt getöteten Zivilisten im letzten Jahr so hoch gewesen wie noch nie.

Als Afghane hat man momentan in der Schweiz allerdings nur geringe Chancen, Asyl zu bekommen: Bis Ende August haben von 1271 afghanischen Asylantragstellern lediglich 136 Asyl erhalten und weitere 484 sind vorläufig aufgenommen worden, wie Zahlen des SEM zeigen.

Tieferes Bildungsniveau

Laut Migrationsexperten unterscheiden sich Afghanen kulturell stark von anderen Flüchtlingsgruppen wie etwa Syrern. Laut dem Integrationsexperten Thomas Kessler ist das Bildungsniveau bei den Afghanen im Durchschnitt tiefer – weil das Bildungssystem durch die Angriffe der Taliban auf Schulen seit langem unter Druck stehe. «Auch vor dem Krieg war aber die Bildung eine Frage des Geldes, der Stadtnähe und des Geschlechts.» In Syrien dagegen habe das Bildungssystem landesweit für alle gut funktioniert.

Dies heisst laut Kessler aber nicht, dass Afghanen generell schwieriger zu integrieren wären. «Wichtig für die Integration ist ja vor allem, dass diese Menschen die Grundwerte der Schweiz verstehen.» Dafür sei entscheidend, dass Flüchtlinge von Beginn an die Möglichkeit hätten, Sprachkurse zu besuchen und vor allem zu arbeiten. «Da sich die Schweizer Gesellschaft über die Arbeit definiert, ist es wichtig, dass die Flüchtlinge rasch beschäftigt werden.»

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