Erniedrigung und Gewalt: In die Strafkolonie IK-2 verbannt – was Navalny hier erwartet
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Erniedrigung und GewaltIn die Strafkolonie IK-2 verbannt – was Navalny hier erwartet

Kreml-Kritiker Alexei Navalny muss in die «Besserungskolonie Nummer 2». Die Häftlinge des Straflagers sind von der Ankunft des prominenten politische Häftlings offenbar wenig angetan.

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Die «Besserungskolonie Nummer 2 mit allgemeinem Regime» (IK-2) in Pokrov, rund 100 Kilometer von Moskau entfernt. 

Die «Besserungskolonie Nummer 2 mit allgemeinem Regime» (IK-2) in Pokrov, rund 100 Kilometer von Moskau entfernt.

AFP
Hierher ist Navalny wegen eines angeblichen Verstosses gegen Bewährungsauflagen zu zweieinhalb Jahren Haft verbannt worden. 

Hierher ist Navalny wegen eines angeblichen Verstosses gegen Bewährungsauflagen zu zweieinhalb Jahren Haft verbannt worden.

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Das Leben in der Strafkolonie sei «die Hölle» gewesen, voller «Folter, Erpressung, Erniedrigung», so ein ehemaliger Insasse. 

Das Leben in der Strafkolonie sei «die Hölle» gewesen, voller «Folter, Erpressung, Erniedrigung», so ein ehemaliger Insasse.

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Alexei Navalnys Kopf dürfte bereits kahl geschoren sein. Denn das ist das Erste, was mit ihm in der «Besserungskolonie Nummer 2 mit allgemeinem Regime» (IK-2) gemacht wird. Das Straflager mit mehreren hundert Insassen liegt gut 100 Kilometer östlich von Moskau bei der Stadt Pokrov. Hierher ist der 44-jährige Kreml-Kritiker für zweieinhalb Jahre verbannt worden.

Auf dem Weg vom Gefangenentransporter bis zum Eingangsgebäude sei keiner der Neuankömmlinge geschlagen worden, was die übrigen Insassen erstaunt. Gleichzeitig bekundeten Häftlinge der Strafkolonie ihren Unmut, dass Nawalny unter den Neuen sei, berichtet ein Menschenrechtsaktivist. Denn gerade prominente politische Häftlinge wie Navalny erschwerten mit ihrer Anwesenheit oft das Leben der anderen Insassen.

«Wenn jemand etwas falsch macht – reden ohne Erlaubnis oder nicht geradeaus schauen – verprügeln die Wärter dich und die Mithäftlinge», sagt ein namentlich nicht genannter ehemaliger Verurteilter auf Gulag.net. «Die Menschen leben dort nicht, sie existieren nur.»

«Sie kommen, um ihn im Schlaf zu fotografieren»

Seit IK-2 unter neuer Leitung steht, soll die physische Gewalt im Straflager zwar abgenommen haben. Der psychische Druck aber sei von Tag eins an da, erzählt der Oppositionelle Konstantin Kotov. Bis letztes Jahr war er selbst eineinhalb Jahre in der IK-2-Strafkolonie gesessen, weil er in Moskau an Demonstrationen gegen den russischen Präsident Vladimir Putin teilgenommen hatte.

Er weiss, was Navalny und die anderen Neuankömmlinge nach ihrer Ankunft erwartet: Während der mehrwöchigen Quarantäne werde gelernt, «wie man in einer Kolonie lebt»: Die Lagerleitung hat die totale Kontrolle über einen, man unterwirft sich komplett der Routine von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr abends . «Du gehörst dir nicht mehr selbst: Du führst Befehle anderer Häftlinge aus, die mit der Lagerleitung kooperieren. Das dürfte auch Navalny erwarten», so der einstige Lagerinsasse Kotov weiter.

Da von Navalny Fluchtgefahr ausgehe, wie es offenbar in einem Bericht aus der Untersuchungshaft heisst, wird das dessen Leben in der Kolonie beeinflussen: Das heisst, dass ein Wächter ihn alle zwei Stunden aufsuchen wird. Dann muss er vor laufender Kamera seine Personalien angeben, den Gesetzesartikel, aufgrund dessen er verurteilt wurde, seit wann er in IK-2 ist und wann seine Strafe ablaufen wird. «Er wird diese Art der Kontrolle konstant zu spüren kriegen. Der Überwacher wird ihn bis zum letzten Tag in der Kolonie aufsuchen – sogar in der Nacht, um ihn im Schlaf zu fotografieren.»

Komplette Isolation und weitreichende Verweise

Dass andere Häftlingen Navalnys Leben bedrohen würden, bezweifelt Kotov. «Vielleicht wurde er gerade deswegen in die Kolonie von Pokrov verbannt – denn hier unternehmen die Insassen nichts ohne Befehl von oben.» Nach dem Vergiftungsskandal werde man sich hüten, Navalny körperlich zu schaden. Stattdessen «brauchen sie ihn nur komplett zu isolieren». Auch dafür biete sich das Straflager in Pokrov an, zumal hier nicht nur ein Redeverbot herrsche – Kotov selbst sprach in eineinhalb Jahren in der Kolonie nur mit zwei Insassen – sondern auch Besuche und die Kommunikation nach aussen streng limitiert seien.

Ein weiterer Kontroll- und Druckmechanismus seien die Verweise, die man beim kleinsten Anlass erhalte, egal, «ob du einen Lagermitarbeiter nicht gegrüsst hast, das Bett nicht richtig gemacht oder einen Hemdknopf nicht geschlossen hast.» Bei mehreren Verweisen drohe Isolationshaft für zwei Wochen. Vor allem aber wirkten sich die Verweise auf die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung bei guter Führung aus. «Wenn du einen Verweis erhalten hast, kannst du ein Jahr lag keinen Antrag stellen.»

«Der Geist des sowjetischen Gulag-Systems»

Alles in allem, fasst ein ehemaliger Insasse der Strafkolonie es im Oktober letzten Jahres zusammen, sei die Zeit dort «die Hölle» gewesen, voller «Folter, Erpressung, Erniedrigung».

Das russische Strafsystem sei grundsätzlich nicht darauf angelegt, «die Häftlinge zu besseren Menschen zu machen, sie zu rehabilitieren und in die Gesellschaft zu reintegrieren», sagt eine Menschenrechtsaktivistin. «Im Vordergrund steht die Bestrafung – Bestrafung mit legalisierten Foltermethoden.» Nach wie vor wehe in Russland der Geist des sowjetischen Gulag-Systems.

Der russische Präsident Putin hat sich verschiedentlich für eine Reform des Strafvollzugs stark gemacht, ohne dass dabei grosse Fortschritte erreicht worden wären. Das liegt auch daran, dass die russische Gefängnisbehörde FSIN als «Staat im Staat» gilt, die über die Zeit viel Macht gewonnen hat.

EU und USA sanktionieren Russen

Die USA und die EU haben wegen des Vorgehens gegen den Kreml-Kritiker Alexei Navalny Sanktionen gegen Russland in Kraft gesetzt. Sie verhängten Einreise- und Vermögenssperren gegen leitende Vertreter des Justiz- und Strafverfolgungssystems – etwa gegen den Chef des russischen Gefängnisdiensts FSIN – sowie gegen 13 Unternehmen, die mehrheitlich in die Herstellung von biologischen und chemischen Kampfstoffen involviert sind.

Navalny war im August mit einem russischen Nervenkampfstoff vergiftet worden. Die USA und andere haben für die Vergiftung die Sicherheitsdienste des russischen Präsidenten Putin verantwortlich gemacht. Die russische Regierung bestreitet eine Verwicklung. Nach monatelangem Genesungsaufenthalt in Deutschland flog der 44-jährige Nawalny im Januar nach Russland zurück. Er wurde bei der Ankunft festgenommen. Er wurde wegen eines angeblichen Verstosses gegen Auflagen aus einer Bewährungsstrafe zu einer Haftstrafe verurteilt. Seine Inhaftierung löste Strassenproteste aus. Die Polizei nahm tausende Demonstranten fest.

(gux)

Deine Meinung

117 Kommentare
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Mkultra

03.03.2021, 17:57

Dazu sag ich nur: Guantanamo... (um mal das bekannteste zu erwähnen) Selbst wenn es ein Fake-Prozess gewesen sein sollte; immerhin gabs einen. So viel Glück hat nicht jeder. Und wir Hier sind drauf und dran, ähnliche Strukturen in unsere Gesetzgebung einzubauen...im Namen der Sicherheit natürlich. Also vo dem her: Den Ball lieber flach halten ;)

Nocke

03.03.2021, 16:38

Richtig so, der hat noch viel zu wenig bekommen!!!

Der Lacher

03.03.2021, 10:08

Putin will den Strafvollzug reformieren: das ist der Witz des Monats. Zuerst soll sich der neue Zar sich an die Menschenrechtskonventionen halten und nicht die Unterhosen von Oppositionellen vergiften lassen.