Aktualisiert 07.01.2020 15:25

MassivholzbauIn diesem Haus wurde noch nie geheizt

Dank dicker Holzwände und durchdachter Details ist es in diesem Haus ohne Heizung angenehm warm.

von
Daniela Gschweng
7.1.2020
Das rechteckige Haus mit den vielen Fenstern steht im Simmental im Berner Oberland.

Das rechteckige Haus mit den vielen Fenstern steht im Simmental im Berner Oberland.

Katharina Wernli, Zürich
Das Besondere daran: Dieses Haus, das bereits 2014 gebaut wurde, wurde noch nie geheizt.

Das Besondere daran: Dieses Haus, das bereits 2014 gebaut wurde, wurde noch nie geheizt.

N11 Architekten GmbH
Richtig gelesen: Das Haus in Zweisimmen hat keine Heizung – und trotzdem war es noch nie kälter als 18 Grad.

Richtig gelesen: Das Haus in Zweisimmen hat keine Heizung – und trotzdem war es noch nie kälter als 18 Grad.

Erwin Wagenhofer

Draussen können die Temperaturen schon mal auf minus 20 Grad fallen, im Haus ist es jedoch konstant mindestens 18 Grad warm. Und das ohne Solarzelllen, Heizung oder Cheminée. Das geht. Der Beweis steht im Simmental auf knapp 1000 Metern Höhe. Dort wurde noch nie geheizt.

Isoliereigenschaften wie ein Baum

«Das ist wirklich so», bestätigt der Sprecher von Thoma Holzbau, einer kleinen Firma im österreichischen Goldegg, von der die massiven Holzbauelemente stammen: «Eine zusätzliche Wärmequelle braucht das Haus nicht.» Der Architekt Sascha Schär und die Bauingenieurin Regula Trachsel, die den hölzernen Turm geplant haben, darin wohnen und arbeiten, bestätigen das. Schär und Trachsel wollten aufzeigen, dass nachhaltig und müllfrei Bauen auch günstig geht.

Ein Grund für das konstante Innenklima: Das 2014 erbaute fünfstöckige Gebäude ist eigentlich ein modernes Blockhaus. Die Wände, die Thoma gebaut hat, bestehen zwar nicht aus ganzen Baumstämmen, jedoch aus Holzplatten. Massive Bretter werden dazu kreuzweise aufeinandergeschichtet und verbunden. Die fertige Platte ist wie ein massiver Baum und hat sehr gute Isoliereigenschaften. Gefertigt wurden die Fichtenholzbauteile in Lahr im Schwarzwald – ein echtes D-A-CH-Projekt also. Als Fassadenverkleidung diente günstiges Schwartenholz.

Nachhaltig und müllfrei bauen

Ganz durchschnittlich sind die Wände nicht. Erwin Thoma, der Gründer von Thoma Holzbau, ist eine Koryphäe des Massivholzbaus. Seine Vollholzgebäude stehen auf der ganzen Welt. Unter anderem deshalb, weil er nachhaltig und schadstofffrei baut. Das Bauelement ist komplett frei von Zusatzstoffen, die Bretter werden mit Holzdübeln verbunden, statt wie üblich mit Leim. Eine Brandschutzbehandlung gibt es nicht. Auf zusätzliche Plastikfolien oder Steinwolle zur Abdichtung und Isolierung wird beim Bau auch verzichtet, weil sich die Bretter kaum noch verziehen. Holz kann dazu so viel Feuchtigkeit aufnehmen, dass eine Lüftung nicht notwendig ist.

In der Szene galt Thoma lange als Sonderling. Er schrieb Bücher wie «Haus mit Seele» und «Die geheime Sprache der Bäume» und schwört auf sogenanntes Mondholz, das im Winter bei abnehmendem Mond geschlagen wird. Dabei bezieht er sich gerne auf uraltes Wissen der Alpenbewohner. Vielen Architekten und Bauingenieuren ist das doch etwas zu viel.

Brandschutztest erfolgreich

Die Massivholzbauteile von Thoma, patentiert unter «Holz100», haben jedenfalls etliche ganz unesoterische Tests bestanden, unter anderem den wichtigen Brandschutztest: Die unbehandelte Massivholzwand hielt bei 1000 Grad drei Stunden durch, bevor sie zusammenbrach. Das ist sehr gut.

Auch in Wärmeleitungstests schnitt sie erstaunlich gut ab. Ein Haus ganz ohne Heizung ist aber auch für Thoma Holzbau aussergewöhnlich. «Es ist wirklich eines unserer Vorzeigegebäude», sagt die Sekretärin von Thoma Holzbau stolz. Jedes Detail ist mit grossem Aufwand so gestaltet, dass im Haus ein möglichst ausgeglichenes Klima herrscht.

Höchstens drei Tage schlechtes Wetter

So beobachteten Schär und Trachsel ein Jahr lang penibel den Sonnenstand, um die Fenster optimal anzuordnen. Das Kunststück daran: die Fenster müssen im Winter Wärme sammeln, im Sommer dürfen sie das Haus nicht zu sehr aufheizen. «Schwierig sind neblige Wintertage, die es hier aber selten gibt», sagt Schär.

Im Durchschnitt gibt es höchstens drei Tage Schlechtwetter am Stück, das kann das Haus überbrücken. Details wie dunkle Stampflehmböden, dicke Wände und Böden speichern im Winter zusätzlich Wärme und halten die Temperatur im Sommer konstant. Alles eine Frage der Trägheit also. Diese wiederum hängt von der Masse ab: je dicker Wände und Böden sind, desto länger hält sich die Temperatur. Laut Schär und Trachsel war es im Gebäude noch nie weniger als 18 und mehr als 25 Grad warm.

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