Bis zu 4300 Franken weniger: In diesen Branchen verdienen Frauen viel weniger als Männer
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Bis zu 4300 Franken wenigerIn diesen Branchen verdienen Frauen viel weniger als Männer

Der monatliche Bruttolohn bei Frauen ist im Schnitt immer noch wesentlich tiefer als bei Männern. Je nach Branche sind es im Schnitt bis zu 4300 Franken. Ein grosser Teil davon ist nicht objektiv erklärbar.

von
Raphael Knecht
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Eine Frau hat in der Schweiz einen durchschnittlichen Bruttolohn von 6456 Franken – 1512 Franken weniger als ein Mann.

Eine Frau hat in der Schweiz einen durchschnittlichen Bruttolohn von 6456 Franken – 1512 Franken weniger als ein Mann.

20min/Marco Zangger
Insgesamt erhalten Frauen 19 Prozent weniger Lohn. Fast die Hälfte davon lässt sich nicht objektiv erklären. In der Bildstrecke siehst du, wie es in den einzelnen Branchen aussieht.

Insgesamt erhalten Frauen 19 Prozent weniger Lohn. Fast die Hälfte davon lässt sich nicht objektiv erklären. In der Bildstrecke siehst du, wie es in den einzelnen Branchen aussieht.

BFS
Lohndifferenz Frauen und Männer: 402 Franken (48,7 Prozent unerklärt)
Gastgewerbe, Beherbergung, Gastronomie

Lohndifferenz Frauen und Männer: 402 Franken (48,7 Prozent unerklärt)

Pixabay

Darum gehts

  • Frauen erhalten im Schnitt 19 Prozent weniger Lohn als Männer.

  • Rund die Hälfte des Unterschieds lässt sich nicht mit Faktoren wie Position oder Dienstalter erklären.

  • Es dürfte sich um Lohndiskriminierung handeln.

  • Je nach Branche und Kaderstufe sind die Unterschiede besonders gross.

Die Lohnschere zwischen Mann und Frau schliesst sich nicht: Frauen verdienen im Schnitt 19 Prozent weniger als Männer, wie eine neue Auswertung des Bundesamts für Statistik zeigt. Laut der aktuellen Lohnstrukturerhebung haben Männer 2018 durchschnittlich 7968 Franken pro Monat verdient. Frauen hatten hingegen einen Bruttolohn von 6456 Franken. Das ist eine Differenz von 1512 Franken.

Ein Teil dieser Lohnunterschiede lässt sich mit objektiven Faktoren wie beruflicher Stellung, Ausbildung und Branche erklären. Mit 45,5 Prozent bleibt aber immer noch fast die Hälfte des Defizits unerklärt – Frauen erhalten also ohne Begründung im Schnitt 686 Franken weniger Lohn im Monat.

Diskriminierung als einziger Grund

Diese nicht erklärbare Lohndifferenz gilt als potenzielle Diskriminierung: «Damit bleibt nur noch die Geschlechtsvariable übrig, die den immer grösser werdenden Unterschied erklärt», sagt Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellung bei Travailsuisse, zu 20 Minuten. Die Differenz ist innert zwei Jahren von 18,1 auf 19 Prozent gestiegen.

Selbst in Branchen mit eher niedrigen Durchschnittslöhnen kommen Frauen teils auf über 600 Franken unerklärtes Lohndefizit. Im Detailhandel etwa sind es 624 Franken, weil der Anteil an der unerklärbaren Lohndifferenzen bei 57,4 Prozent liegt.

Arbeitest du selbst im Detailhandel? Verrate uns, wie viel du verdienst! Glaubst du, dass du als Mann beziehungsweise Frau mehr oder weniger bekommst als deine Mitarbeitenden?

Ebenfalls besonders gross ist der unerklärte Lohnunterschied im privaten Sektor bei der Herstellung von chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen (84,1 Prozent) sowie von Nahrungsmitteln und Tabakerzeugnissen (63 Prozent). Die grösste absolute Lohnschere verzeichnen die Finanz- und Versicherungsdienstleister mit durchschnittlich 4300 Franken. Wie gross die Lohnschere in den verschiedenen Branchen ist, siehst du in der Bildstrecke oben.

Männliche Chefs verdienen mehr

Die Lohnunterschiede nehmen mit steigender Kaderstufe zu: Der Bruttolohn für Männer im oberen Kader beträgt im Schnitt 12’924 Franken pro Monat. Frauen erhalten auf dieser Stufe mit 9639 Franken 20,6 Prozent weniger. Dieser Unterschied auf den höheren Kaderstufen lässt sich jedoch besser mit strukturellen Faktoren wie Bildungsniveau und Anzahl Dienstjahre erklären als auf niedrigen Stufen.

Bei Jobs ohne Kaderfunktion liegt der Unterschied zwar im Schnitt bei 5,5 Prozent. Davon sind 75,9 Prozent allerdings nicht objektiv zu erklären.

Kathrin Ziltener von der Unia gibt zu bedenken, dass Diskriminierung auch der Grund hinter erklärbaren Faktoren für Lohnungleichheit sein kann: «Bei der Entscheidung, wer befördert wird, kann beispielsweise auch Diskriminierung im Spiel sein», sagt die Gewerkschafterin zu 20 Minuten. Sie geht darum davon aus, dass auch die erklärbare Lohnschere zumindest teilweise ein Resultat der Benachteiligung von Frauen ist.

Unternehmen müssen mehr tun

Bösen Willen wollen die Gewerkschaften den Schweizer Arbeitgebern nicht pauschal unterstellen, wenn es um die Lohnschere geht. Allerdings werde auf Unternehmensseite oft zu wenig dagegen unternommen, sagt Kathrin Ziltener von der Unia: «Die Firmen müssen jetzt dahintergehen.» Würden Arbeitgeber konsequenter Lohnanalysen durchführen, klare Kategorien für die Lohneinstufung machen und Transparenz schaffen, wäre es möglich, die Ungleichheit rasch zu reduzieren. Das sollte auch im Interesse der Unternehmen sein, so Ziltener: «Schliesslich ist es von Vorteil für die Firmenkultur, wenn sich alle fair behandelt fühlen.»

Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund sind selbst die erklärbaren Lohnunterschiede ebenfalls alarmierend. Sie zeigen laut einer Mitteilung, dass Frauen oft in Berufen arbeiten, die nicht ihrem Wert entsprechend entlöhnt sind und wo der Karriereaufstieg kaum möglich ist.

Zudem übernähmen Frauen bei der Familiengründung oft den Grossteil der neu anfallenden, unbezahlten Arbeiten und riskierten so einen tieferen Lohn. Die öffentliche Hand müsse Strukturen und Betreuungsangebote finanzieren, die eine faire Verteilung dieser Aufgaben auf Männer und Frauen ermögliche.

Sanktionen und Kontrollen gefordert

Sandoz von Travailsuisse sieht ebenfalls das Parlament in der Pflicht. Denn die jüngste Revision des Gleichstellungsgesetzes verlange von Unternehmen mit mehr als 100 Angestellten zwar eine Lohngleichheitsanalyse – es gebe aber weder Kontrollen noch Sanktionen.

Sandoz hofft, dass entweder auf nationaler oder auf Kantonsebene solche Massnahmen eingeführt werden, damit das Gleichstellungsgesetz seine Wirkung zeigt. Ausserdem müsse die sogenannte Sunset-Klausel abgeschafft werden. Sie besagt, dass die Bestimmungen zur Lohngleichheit 2032 automatisch wieder ausser Kraft treten.

Schweizerische Lohnstrukturerhebung

Die Schweizerische Lohnstrukturerhebung wird alle zwei Jahre vom Bundesamt für Statistik (BFS) durchgeführt. Sie bezieht 1,2 Millionen Arbeitnehmende von 36’000 Unternehmen mit ein und ist laut den Autoren ein repräsentativer Überblick über die Lohnsituation in der Schweiz. Die vorliegenden Werte sind standardisierte Bruttolöhne. Das BFS rechnet mit dem Vollzeitäquivalent von 4,3 Wochen zu 40 Arbeitsstunden. Der Bruttolohn beinhaltet Beiträge an die Sozialversicherung, Naturalleistungen, regelmässige Prämien-, Umsatz- oder Provisionsanteile, Entschädigungen für Schicht-, Nacht- und Sonntagsarbeit und ein Zwölftel des 13. Monatslohns sowie der jährlichen Sonderzahlungen. Bei den in diesem Artikel genannten Zahlen handelt es sich um das arithmetische Mittel.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, aufgrund des Geschlechts diskriminiert?

Hier findest du Hilfe:

Logib, Lohngleichheits-Analyse des Bundes

Gleichstellungsgesetz.ch, Datenbank der Fälle aus Deutschschweizer Kantonen

Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann

Deine Meinung

839 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Ragei

23.02.2021, 23:17

Wenn Gleichstellung, dann richtig. Zum Beispiel auch Dienstpflicht für beide Geschlechter und gleiches Rentenalter. Wenn das einmal gegeben ist, kann man über die angebliche Benachteiligung von Frauen beim Lohn reden. Prinzipiell ist ein Privatunternehmen aber frei in der Entscheidung, wem es welchen Lohn zahlt. In der Marktwirtschaft hat niemand etwas zu verschenken. Ich frage mich darum: Würde ein Unternehmer wirklich freiwillig Männern mehr zahlen, wenn sich dieser Kostenaufschlag nicht betriebswirtschaftlich rechtfertigt? Oder kann es sein, dass Männer bei der Gehaltsverhandlung tendenziell mehr herausholen können und Frauen sich (auch wegen ausgeprägterem Sicherheitsdenken) eher mit weniger zufrieden geben? Selbstverständlich kann dann keinesfalls von Diskriminierung gesprochen werden.

Marko333

23.02.2021, 23:04

Krass Krass

Gleichberechtigung für Frau und Mann

23.02.2021, 22:28

Gleichberechtigung für Frau und Mann! Lohngleichheit, Chancengleichheit auch für Eltern im Teilzeitpensum (Jobsharing), Eltern teilen Erziehung und Haushalt zu 50/50% mit Arbeitspensen 50-60% bis Kind(er) in Schule. Pensionskasde/AHV für beide Eltern zu 100% auch wenn im Teilzeitpensum (!), Militär für beide vorausgesetzt, dass anderes Elternteil Kinderbetreuung/Haushalt übernehmen kann, Sorgerecht ist bereits geregelt wird aber von vielen Väter nicht umgesetzt da zu anstrengend (!), Pensionierung für beide gleich. Wenn wir das umsetzten klnnten sind wir einen Schritt zur Gleichberechtigung näher gekommen!