Aktualisiert 03.03.2019 07:49

Gefängnis LimmattalIn diesen Zellen soll sich niemand mehr umbringen

Im Gefängnis Limmattal in Dietikon ZH wurde eine neue Kriseninterventionsabteilung eröffnet. Suizidgefährdete Häftlinge sollen dort Hilfe bekommen.

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mon

Suizidgefährdete Häftlinge bekommen seit dem 11. Februar Hilfe in der Kriseninterventionsabteilung (KIA). Diese befindet sich im Gefängnis Limmattal in Dietikon ZH. (Video: 20 Minuten)

Gelber Boden und lichtdurchflutete Räume: In der am 11. Februar eröffneten Kriseninterventionsabteilung (KIA) im Gefängnis Limmttal in Dietikon ZH zeugt wenig vom düsteren Haftalltag. Gleich beim Eingang befindet sich ein Aufenthaltsraum mit zwei grossen Holztischen. Entlang des Gangs reihen sich die Zellen für die neun Insassen.

Die hellen vier Doppelzellen und eine Einzelzelle haben jeweils eine eigene Toilette und ein Lavabo. Auf dem Tisch beim Fenster steht ein Fernseher. Das gemeinsame Badezimmer ist grosszügig gestaltet. Nur die schweren Metalltüren, die karge Sicherheitszelle am Ende des Gangs und die Gitter vor den grossen Fenstern deuten auf ein Gefängnis hin.

«In der U-Haft gilt die Unschuldsvermutung»

Am Freitag durften erstmals Medien die neu renovierten Zellen der KIA besichtigen. Im dritten Stock des Limmattaler Gefängnisses wurde die Kriseninterventionsabteilung für eine Million Franken eingerichtet.

Der ausschlaggebende Grund für das Projekt war der Suizid einer Frau aus Flaach ZH. Die 27-Jährige hatte im Januar 2015 ihre beiden Kinder getötet. Einige Monate später nahm sie sich in der U-Haft das Leben.

Für Daniel Bosshart, Leiter des Gefängnisses Limmattal, ist die Einrichtung der KIA ein wichtiger Schritt: «Wir dürfen nicht vergessen, dass in der U-Haft die Unschuldsvermutung gilt.» Genau deshalb seien der Schutz und die Begleitung dieser Personen so wichtig: «Haftschock und Krisen sollten möglichst gut abgewendet oder aufgefangen werden. Wir müssen von Anfang an im Kopf haben, dass die Person früher oder später wieder in die Gesellschaft entlassen wird.»

«Personen, die in die U-Haft kommen, erleiden oft einen Schock»

In der KIA werden Häftlinge betreut, die unter akuten psychischen Krisen leiden: «Personen, die in die U-Haft kommen, erleiden oft einen Schock», erklärt Bosshart. «Suizidale Gedanken sind da keine Seltenheit.» Personen mit akuten Psychosen werden hingegen nicht in der KIA behandelt: «Diese erhalten eine stationäre Behandlung in einer Psychiatrie.»

Alle anderen können, sofern sie absprachefähig und nicht aggressiv gegenüber anderen sind, in die KIA aufgenommen werden. Bei der Aufnahme in die KIA werde nicht nach mutmasslichen Delikten unterschieden, so Bosshart.

«Im Durchschnitt bleiben die Insassen zwei bis drei Wochen hier. Danach kommen sie wieder in die normale U-Haft.» In dieser Zeit werden sie von einem Psychiater und vier Pflegefachpersonen betreut und geniessen neben der zusätzlichen Möglichkeit zu sozialem Austausch im Vergleich zur normalen U-Haft etwas mehr Bewegungsfreiheiten.

Tägliche Visite des Psychiaters

Eine tägliche Visite des Psychiaters und die individuellen Gespräche sollen den Betroffenen helfen. «Mit dem gemeinsamen Mittagessen, der Möglichkeit, Besuch zu erhalten, und dem Spaziergang im Hof will man sie auf andere Gedanken bringen», so Bosshart. Zudem können sie Arbeiten aus dem Werkbetrieb erledigen oder ihre Deutschkenntnisse verbessern: «Es geht darum, sie zu beschäftigen.»

Auch das Erlernen von autogenen Skills ist möglich: «Das ist ein wichtiger Aspekt, den wir ihnen beibringen möchten.» Dabei sollen die Häftlinge lernen, sich selber wieder zu regulieren, so der Gefängnisleiter: «Zum Beispiel in Situationen, wo sie merken, dass sie nervös werden oder in eine Krise kommen.»

Überwachungskamera in der Sicherheitszelle

Sollte sich bei einem Insassen die Krise akut verschlechtern und die Gefahr einer Selbstverletzung oder eines Suizidversuches bestehen, kann er zu seinem Schutz in einer Sicherheitszelle untergebracht werden. In der Zwischenzeit bemüht sich der Psychiater um einen stationären Platz in der Psychiatrie.

Wie Bosshart erklärt, ist die Sicherheitszelle mit einem Schaumgummibett und einem schwer entflammbaren Kunststoffbezug ausgestattet: «Zudem gibt es – wie in psychiatrischen Einrichtungen üblich – eine Überwachungskamera zum Schutz des Angeschuldigten.»

Auf einen Schlag aus dem Alltag gerissen

Laut Bosshart sind die Verhaftung und die Untersuchungshaft ein einschneidendes Ereignis für den Betroffenen. Dies könne dementsprechend Folgen auf die Psyche haben: «Die verhaftete Person wird auf einen Schlag aus ihrem Alltag gerissen. Es folgen eine soziale Isolation sowie eine massive Einschränkung. Zudem erlebt sie eine Ungewissheit, wie lange die Haft dauern wird.»

Vor allem in der ersten Phase, der sogenannten vorläufigen Festnahme, erleben die Verhafteten einen Haftschock: «Während der vorläufigen Festnahme, die maximal 72 Stunden dauert, sind die verhafteten Personen 23 Stunden in einer Zelle und müssen zahlreiche Einvernahmetermine wahrnehmen.» Kontakt nach aussen ist komplett untersagt, so Bosshart.

Besuche nur mit Trennscheibe

Erst in der zweiten Phase, wenn das Zwangsmassnahmengericht über den weiteren Verlauf entschieden hat, wird die verhaftete Person entweder freigelassen oder es folgt eine Versetzung in die U-Haft. «In der U-Haft Standard dürfen sich die Häftlinge sieben Stunden ausserhalb der Zelle aufhalten.»

Besuche sind aber nur mit einer Trennscheibe möglich. Erst wenn keine Kollusionsgefahr mehr besteht, kommt die dritte Phase: «Da dürfen die Häftlinge Besuche ohne Trennscheibe erhalten sowie telefonieren.»

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Suizidgefährdete Häftlinge bekommen seit dem 11. Februar Hilfe in der Kriseninterventionsabteilung (KIA). Diese befindet sich im Gefängnis Limmattal in Dietikon ZH.

Suizidgefährdete Häftlinge bekommen seit dem 11. Februar Hilfe in der Kriseninterventionsabteilung (KIA). Diese befindet sich im Gefängnis Limmattal in Dietikon ZH.

Amt für Justizvollzug Zürich
Im dritten Stock des Limmattaler Gefängnisses wurde die Kriseninterventionsabteilung für eine Million Franken eingerichtet.

Im dritten Stock des Limmattaler Gefängnisses wurde die Kriseninterventionsabteilung für eine Million Franken eingerichtet.

Amt für Justizvollzug Zürich
Der ausschlaggebende Grund für das Projekt war der Suizid einer Frau aus Flaach ZH. Die 27-Jährige hatte im Januar 2015 ihre beiden Kinder getötet. Einige Monate später nahm sie sich in der U-Haft das Leben.

Der ausschlaggebende Grund für das Projekt war der Suizid einer Frau aus Flaach ZH. Die 27-Jährige hatte im Januar 2015 ihre beiden Kinder getötet. Einige Monate später nahm sie sich in der U-Haft das Leben.

Amt für Justizvollzug Zürich

Suizidgedanken? Hier finden Sie Hilfe

Beratung:

Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)

Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)

Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);

Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);

Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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