Anders auftanken : In dieser Bäckerei gibt es neben Brot auch Benzin

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Anders auftanken In dieser Bäckerei gibt es neben Brot auch Benzin

Schweizer Bäcker geben Vollgas: Mit neuen Verkaufsideen wollen sie sich gegen Tankstellen und Supermärkte behaupten.

von
Isabel Strassheim
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Hier sitzt schweizweit der erste Bäcker in einer Tankstelle: Fleischli in Rümlang...

Hier sitzt schweizweit der erste Bäcker in einer Tankstelle: Fleischli in Rümlang...

... dort bezahlen die Kunden ihre Tankfüllung beim Bäcker.

... dort bezahlen die Kunden ihre Tankfüllung beim Bäcker.

Statt dass der Tankstellen-Betreiber auch Brot und Brötchen verkauft, ist es in Rümlang andersrum: Dort bietet der Bäcker auch Benzin an.

Statt dass der Tankstellen-Betreiber auch Brot und Brötchen verkauft, ist es in Rümlang andersrum: Dort bietet der Bäcker auch Benzin an.

Brot ist das beliebteste Lebensmittel der Schweizer. Extra zum Bäcker geht jedoch nur gut ein Drittel, denn die Mehrheit greift ins Brotregal des Supermarkts, Bahnhof-Shops oder der Tankstelle. Das wollen die Bäcker ändern. Sie haben vergangene Woche nicht nur die Kampagne «Gutes besser in meiner Beck»lanciert (siehe Box), sondern sie bringen ihre Ware zum Teil mit einem komplett anderen Konzept unter die Leute. Ein Beispiel: Die Bäckerei Fleischli im zürcherischen Rümlang verkauft ausser Brot nun auch Benzin. Und sie gilt damit in ihrer Branche als Vorbild.

«Die Kunden sind auf der Strasse, also müssen wir auch dorthin», sagt Geschäftsführer Konrad Pfister zu 20 Minuten. Deshalb kneten und backen seine Bäcker in Rümlang nun in der Tankstelle. Der Umsatz des Benzins und der operative Betrieb der Zapfsäulen liegt zwar nach wie vor bei Avia, aber wer seinen Sprit bezahlen will, tut das seit letztem Oktober bei Fleischli. Er betreibt den Tankstellen-Shop. «Alle Tankstellenshops sehen gleich aus, das wollten wir ändern», sagt Pfister. In der Tat unterscheidet er sich nicht nur durch sein anderes Backwaren-Angebot und das Café, sondern auch durch die offene Backstube, wo nicht nur Teiglinge aufgebacken, sondern bis kurz vor Ladenschluss wirklich hergestellt werden.

Für den Brotverkauf ist jeder Ort denkbar

Das neue Konzept könnte Schule machen: «Früher ist der Kunde zum Bäcker gekommen, heute muss der Bäcker zum Kunden», sagt Beat Kläy vom Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verband. Es sei auch nicht ausgeschlossen, dass Brot einmal in Schuhläden verkauft werde. «Denn der Brotkauf passiert heute dort, wo man sich wohl fühlt oder der Standort dazu verleitet.»

Der Markt ist so umkämpft, weil Backwaren auch für Detailhändler ein wichtiges Marketinginstrument geworden sind: «Weil Brot frisch sein soll und täglich gekauft wird, ist es für Supermärkte als Frequenzbringer begehrt», erklärt Kläy. Detailhändler nutzen Backwaren, um Kunden möglichst oft in ihre Läden zu ziehen. So sind die Bäcker in Zugzwang geraten.

Weniger Bäcker beliefern mehr Filialen

Dennoch: Es sind täglich noch 1,5 Millionen Kunden, die ihr Brot beim Bäcker kaufen, wie der Verband schätzt. Die Zahl der 3000 Geschäfte bleibt dabei konstant. Allerdings gibt es einen Konzentrationsprozess: Es sind immer weniger produzierende Betriebe, die mehr Filialen beliefern.

Ob die Bäckerei Fleischli mit ihrem Tankstellen-Konzept expandiert, ist noch unklar. «Dafür ist es noch zu früh», sagt Geschäftsführer Pfister. Aber: Der Shop ist sehr gut angelaufen. Und der Verband wertet die Idee als vorbildlich und hat ihm gerade die Auszeichnung «Bäcker-Krone» verliehen.

Frisches Brot muss noch warm sein

Die Konsumenten sind generell anspruchsvoller geworden: «Frisch bedeutet heute, dass das Brot noch warm sein muss», sagt Kläy. Und die Kunden wollen auch noch wenige Minuten vor Ladenschluss aus dem kompletten Sortiment auswählen können. Ausverkaufte Sorten darf es nicht mehr geben. Nicht nur die Supermärkte, auch die Bäcker backen deswegen bis kurz vor Ladenschluss. Dennoch wird nur sechs Prozent der Ware nicht verkauft.

100 Millionen Tonnen landen im Abfall

Von den über 400 Millionen Kilogramm Backwaren werden pro Jahr in der Schweiz laut Bäckerverband 100 Millionen Kilogramm nicht gegessen und landen im Abfall. Rund 80 Millionen Kilogramm oder knapp 20 Prozent der Backwaren werden nämlich zuhause weggeworfen. ish

Schräger Slogan

Die Bäckereien werben mit dem Spruch "In meiner Beck". Laut Professorin Elvira Glaser von der Universität Zürich ist "die Beck" im Schweizerdeutschen Wörterbuch nur historisch (als Hausname) für 'Bäckerei' verzeichnet. Die Sprachwissenschaftlerin erklärt: "Beck wird üblicherweise maskulin (der Beck) gebraucht, im Sinne von 'Bäcker'. Dann macht aber 'in meiner Beck' keinen Sinn, sondern es müsste 'bei meinem Beck' heissen."

Lanciert hat die Kampagne mit Pistor die Einkaufsgenossenschaft der Bäcker und Konditoren: "Der Slogan ist absichtlich so", betont Hubert Koch, Marketingchef bei Pistor. Die Sprachfehler bringen nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch eine noch freie Website-Adresse meinebeck.ch. Und: "Wir wollten auch einen eher jugendlichen Slang", sagt Koch. Für die Plakate der Kampagne wurden in einem Bäcker-Casting drei Personen ausgewählt: "Wr wollten keine Models, sondern die Authentizität rüberbringen", sagt Koch. ish

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