10.04.2018 05:53

Privatschule Dandelion

In dieser Schule sind die Schüler Könige

Die Privatschule Dandelion unterrichtet ihre Schüler nach dem Lustprinzip. Nicht alle können der Freilern-Methode Gutes abgewinnen.

von
qll/the
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An der offiziell bewilligten Zürcher Privatschule Dandelion mit ihren rund 20 Schülern regiert offensichtlich das Lustprinzip.

An der offiziell bewilligten Zürcher Privatschule Dandelion mit ihren rund 20 Schülern regiert offensichtlich das Lustprinzip.

Dondelion / Facebook
Hier gibt es keinen Stundenplan, keine Hausaufgaben und keine Prüfungen.

Hier gibt es keinen Stundenplan, keine Hausaufgaben und keine Prüfungen.

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Die Schüler lernen auf freiwilliger Basis.

Die Schüler lernen auf freiwilliger Basis.

Dondelion / Facebook

Statt Aufgaben zu machen, möchte eine Schülerin der Privatschule Dandelion lieber rausgehen, malen oder einfach nichts tun. Statt wie seine Kollegen zu lernen, geht ein Oberstufenschüler in der Schule herum und springt auf ein Regal. Es sei ihm zu still, er müsse sich austoben – auch in der Schule. Ein anderer Schüler lässt den Lehrer mit seiner Frage links liegen, um lieber einen toten Frosch zu begutachten – an der offiziell bewilligten Zürcher Privatschule mit ihren rund 20 Schülern regiert offensichtlich das Lustprinzip.

An der in der SRF-Sendung «Arena/Reporter» vorgestellten Freilern-Schule gibt es keinen Stundenplan, keine Hausaufgaben und keine Prüfungen – ausser auf Wunsch der Kinder. Die Ziele des Lehrplans sollen spielerisch erreicht werden. Das Ehepaar Angela Joerg und Michael Korner hat die Schule zusammen mit Freunden vor rund einem Jahr gegründet, nachdem ihr Sohn im öffentlichen Kindergarten nicht den Anforderungen entsprach.

Gezeigte Szenen entsprechen nicht der Realität

Die Diskussion über die Freilern-Methode im Stile der Privatschule Dandelion und dem klassischen Unterricht war nicht nur in der «Arena»-Sendung hitzig. Sie verlagerte sich auf Twitter, wo die Entrüstung gross gewesen sei, so Schulleiterin Angela Joerg. Es sei nicht das erste Mal, dass ihre Lehrmethoden für Wirbel sorgten.

Die gezeigten Szenen würden jedoch nur einen Teil des Schulalltags zeigen: «Es geht bei uns nicht darum, dass die Schüler keinen Schulstoff lernen. Unsere Schüler lernen auch – einfach freiwillig. Dass Kinder von sich aus lernen wollen, ist für viele Leute unfassbar. Kinder wollen lernen. Das erleben wir Tag für Tag», erklärt Joerg. «Sollte ein Kind oder Jugendlicher auf Dauer dem Schulstoff ausweichen, sitzen wir zusammen und gehen der Ursache auf den Grund.»

Dass ihr System funktioniert, würden auch Tests wie der Klassencockpit beweisen, die die Schüler ab der 5. Klasse freiwillig lösen können: «Anhand des Cockpit-Test können sich unsere Schüler auch mit anderen Schülern im Kanton vergleichen. Keiner unserer Schüler war ungenügend.»

«Das ist ein Traummodell»

Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer bezeichnet das Konzept des individuellen Unterrichts als «Traummodell»: «Ich war so ein schlechter Schüler und wäre gerne in eine solche Schule gegangen. Dadurch hätte ich die Möglichkeit gehabt, mich auf Sachen zu konzentrieren, die mich wirklich interessiert haben.» In seinem Fall vor allem praktische Fächer wie Schreinern und Zeichnen. Der Berner ist überzeugt: «Das Modell des individuellen Unterrichts hat Zukunft.» Kinder lernten zehnmal schneller, wenn sie an etwas interessiert sind.

Trotzdem weist Aebischer darauf hin, dass die Schüler solcher Schulen später vielleicht im Berufsleben auf Schwierigkeiten stossen könnten: «Sie werden einmal verstehen müssen, dass sie nicht immer individuell abgeholt werden können und dass das Leben nicht immer gerecht ist. Viele kommen auf die Welt, wenn sie nicht immer im Zentrum stehen.» Eigentlich wäre das individuelle Lernen auch an öffentlichen Schulen ideal: «Das wäre aber mit hohen Kosten verbunden. Denn auf eine Lehrperson kommen hier 20 Schüler und nicht nur fünf.»

Schule für ein «bestimmtes Klientel»

Gemäss Michael Ruloff, Dozent für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule FHNW sowie Schwyz, sind die Ideen von Freilern-Schulen nicht neu, jedoch immer noch aktuell: «Montessori, Summerhill oder Rudolf Steiner dienen nach wie vor als Identifikationspunkte für alternative Lern- und Erziehungsmethoden.» Aber: «Freilern-Modelle funktionieren eher an Privatschulen. Diese haben mehr gestalterische Freiheiten und somit wohl auch mehr Erfahrungen.»

Ob es funktioniert, kommt stark auf den Hintergrund und die Sozialisation eines Schülers an. An solchen Freilern-Schulen werde ein ganz bestimmtes Klientel angezogen. Ruloff: «Ausserdem kommen vor allem Eltern auf solche Schulen, die ihr Kind auch sonst anders erziehen oder weitere spezifische Bedürfnisse haben. Und auch durch die hohen Gebühren entsteht bereits eine Art Selbstselektion.»

Kein Modell für öffentliche Schulen

Für die öffentliche Schule wäre der Ansatz der Dandelion-Schule zu einseitig, denn nicht jeder Schüler komme mit den Freiheiten klar, sagt auch Samuel Zingg vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz. «Ich merke es bei meinen eigenen Schülern: Es gibt solche, die sehr frei lernen und sich selbst organisieren können, und solche, die Struktur und Anleitung explizit wollen und mich alle fünf Minuten fragen, was sie nun machen sollen.» Da die öffentliche Schule für alle Kinder offen sein müsse, brauche es einen gesunden Mix von Methoden.

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