Aktualisiert 20.07.2015 09:26

Bauern verzweifelt

In Döttingen ist es so trocken wie in der Wüste

Seit dem 14. Juni hat es in Döttingen AG nicht mehr geregnet. Die Gemeinde ist der trockenste Fleck in der Schweiz.

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In Döttingen AG hat es seit dem 14. Juni nicht mehr richtig geregnet. Die Wiese von Landwirt Rolf Knecht sieht eher wie eine Steppe aus.

In Döttingen AG hat es seit dem 14. Juni nicht mehr richtig geregnet. Die Wiese von Landwirt Rolf Knecht sieht eher wie eine Steppe aus.

Tanja Bircher
Auch die Kartoffeln von Otto Zimmermann leiden.

Auch die Kartoffeln von Otto Zimmermann leiden.

Tanja Bircher
Die Bewässerungsanlage läuft deshalb auch tagsüber, die Kartoffeln würden sonst nicht überleben.

Die Bewässerungsanlage läuft deshalb auch tagsüber, die Kartoffeln würden sonst nicht überleben.

Tanja Bircher

Die Sonnenblumen lassen den Kopf hängen, der Mais ist hellbraun und hat sich hingelegt, die Wiesen erkennt man kaum wieder – die Gräser kurz und gräulich. Die Pflanzen scheinen den Geist aufgegeben zu haben.

In Beznau in der Gemeinde Döttingen AG hat es seit Anfang Juli genau 0,2 Millimeter geregnet. Weniger als irgendwo sonst in der Schweiz. «Die Gewitterwolken ziehen einfach an uns vorbei, sie lassen uns aus», sagt Christian Urech, Wirt der Ochsen-Bar in Döttingen. Er ist einer der wenigen, der sich über die heissen Temperaturen freut: «Die Gäste haben Durst und trinken viel.»

Sieben Liter Wasser verdunsten täglich

Die meisten seiner Stammgäste murren aber nur noch in den letzten Wochen. «Vor allem die Bauern, die haben es nicht einfach im Moment», sagt Urech. Sie sitzen am Tresen, eine Stange in der Hand und blicken mürrisch drein. «Wänn rägnäts endli wieder?», fragen sie.

Einer von ihnen ist Meinrad Keller, Rebbauer. «Meine jungen Pflanzen sind in einer Stresssituation, sic haben keine Power mehr, wachsen kaum, viele Ranken sind bereits gelb.» Deswegen muss er wässern, wässern, wässern. 20'000 Liter täglich, 30 Liter pro Stock. «Das ist übermässig viel», so Keller. Vor allem wenn man bedenkt, dass bei den konstant herrschenden 30 Grad rund sieben Liter am Tag verdunsten.

Im Aargau darf aus Flüssen und Bächen kein Wasser entnommen werden. Keller kauft seines bei der Gemeinde für 90 Rappen pro Kubik. Wenn es so weiter geht, wird es auch für ihn teuer. «Am 14. Juni hat es hier zuletzt geregnet. Das ist mehr als einen Monat her.» Und er glaube nicht, dass sich das in den nächsten Wochen ändere. Das Schlimmste, was Keller nun noch passieren könnte, wäre ein Gewitter mit Hagel, «dann hätte auch die ganze Wässer-Aktion nichts gebracht».

«Wir hätten das Ganze auch sein lassen können»

Auch Kartoffelbauer Otto Zimmermann ist unzufrieden: «Die ideale Temperatur für die Härdöpfel wären 20 Grad, wir haben seit Wochen rund 10 Grad mehr.» Die Folge ist eine Qualitätseinbusse, die Kartoffel wächst nicht mehr, sondern bildet eine zweite Generation, alles unbrauchbar.

Für Zimmermann ist dies speziell kritisch, weil er für die Industrie anbaut. Seine Kartoffeln werden zu Chips und Pommes frites verarbeitet – dafür muss ihre Qualität besonders gut sein und die Kartoffeln besonders gross.

Auch er wässert die Pflanzen darum mit 120 Litern pro Quadratmeter. Normalerweise braucht er dafür nur 40 Liter. «Bis jetzt hab ich bereits rund 15'000 Kubik rausgelassen, das summiert sich», sagt Zimmermann. Dazu kommen noch die Kosten für den Diesel und natürlich der Arbeitsaufwand. «Dieses Jahr hätten wir das Ganze auch grad sein lassen können, am Ende kommen wir wohl finanziell gerade auf null.» Nur hätte er dann noch einige Tonnen Kartoffeln, die er entsorgen müsste.

Immerhin gilt in Döttingen noch kein Giessverbot wie im Kanton Freiburg – dank dem hohen Grundwasserspiegel im Aaretal. «Das Wasser kann uns zum Glück nicht ausgehen – man muss es sich einfach leisten können», so Zimmermann.

Trotzdem: Er sei dankbar. «Könnte ich nicht wässern, wäre die Hälfte meiner Ernte ruiniert». So ergehe es vielen Bauern in der Nachbarschaft.

«Die Surb führt nur noch drei Zentimeter Wasser»

Der Landwirt Rolf Knecht wartet ebenfalls sehnsüchtig auf den Regen. Sein Mais hat bereits eine Höhe erreicht, bei der Wässern keinen Sinn mehr ergibt. Die Pflanzen sind gelb und liegen an manchen Orten im Feld praktisch flach am Boden. «Da kann ich nichts mehr machen, das gibt sowieso einen schlechten Ertrag.»

Zwei Enten waten durch die Surb, den Fluss, der südlich des Dorfs in die Aare mündet. Das Wasser reicht ihnen nicht einmal zum Bauch. Schwimmen ist unmöglich. «Die Surb führt normalerweise etwa 70 Zentimeter Wasser, jetzt sind es vielleicht noch drei», sagt Jörg Eichenberger.

Er züchtet Schildkröten in seinem Garten und verflucht die Trockenheit ebenfalls. «Ich habe drei Eier draussen liegen lassen, weil ich sonst einfach keinen Platz im Terrarium hätte, um die Tiere zu überwintern.» Wenn es aber weiter keinen Regen gebe und die Temperaturen bei 30 Grad blieben, müsse er damit rechnen, dass die Schildkröten auf natürliche Weise schlüpften. «Dann hab ich ein Problem.»

Die Mäuse verdursten und sind einfache Beute für Katzen

Elisabeth Huber vom Huber Gartenbau und Regenwassernutzung sagt: «Wir spüren es arg.» Viele Leute meldeten sich täglich und reklamierten: Die Pflanzen sterben ab, der Rasen ist kaputt, der Ertrag vom Garten miserabel. Aber ohne Regenwasser könnten auch sie nicht viel tun. Spritzen nütze kaum etwas, weil das Wasser sofort wieder verdunste.

Ihre Katze bringe ausserdem eine Maus nach der anderen nach Hause. «Die Nager verdursten, weil sie kein Wasser finden, sie sind schwach und eine einfache Beute für die Katzen», sagt Huber.

«Jetzt ist es Zeit für Regen»

Izabela Grzybek, Kellnerin in der Ochsen-Bar, hat auch zwei Katzen, die bleiben aber im Haus. «Ich muss ihnen jeden Tag ein Wasserbecken hinstellen, damit sie sich abkühlen können», sagt sie. Obwohl von Natur aus wasserscheu, gingen ihre beiden freiwillig ins Nass.

Mittlerweile sind im Coop in Döttingen auch die Ventilatoren ausgegangen. «Ich mach kaum ein Auge zu in der Nacht, ich hab echt die Nase voll, jetzt ist es Zeit für Regen», sagt auch Kellnerin Amanda Schneider.

Die trockensten Orte seit Anfang Juli*

Beznau AG: 0,2 Millimeter

Schwarzenegg BE: 0,5 Millimeter

Wittnau AG: 0,7 Millimeter

Zervreilasee GR: 0.9 Millimeter

Pully VD: 0,9 Millimeter

Lugano TI: 1,1 Millimeter

Kloten ZH: 1,3 Millimeter

* Quelle: MeteoSchweiz

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