Aktualisiert 05.07.2020 06:24

Schweiz kurz davor

In einem Land ist die zweite Welle schon da, in 10 anderen rollt sie an


Während die einen bezweifeln, dass es überhaupt eine erste Welle gab, befürchten andere, die zweite schwappe bereits um die Welt. Die Angst ist nicht ganz unbegründet.

von
Fee Anabelle Riebeling
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In Daejeon  in Südkorea desinfizieren Soldaten eine Zugstation.

In Daejeon in Südkorea desinfizieren Soldaten eine Zugstation.

KEYSTONE
Laut einer britischen Analyse steuert neben neun anderen Ländern auch die Schweiz direkt auf eine zweite Pandemiewelle zu. Ist sie da, müssen neue Massnahmen ergriffen werden.

Laut einer britischen Analyse steuert neben neun anderen Ländern auch die Schweiz direkt auf eine zweite Pandemiewelle zu. Ist sie da, müssen neue Massnahmen ergriffen werden.

Foto: Keystone
Die wissenschaftliche Taskforce des Bunds empfiehlt das Maskenobligatorium auch für Supermärkte.

Die wissenschaftliche Taskforce des Bunds empfiehlt das Maskenobligatorium auch für Supermärkte.

Foto: Keystone

Darum gehts

  • Die Warnungen vor einer zweiten Pandemiewelle häufen sich.
  • Offiziell hat eine solche jedoch erst ein Land erreicht.
  • Laut einer Analyse aus Grossbritannien steuern derzeit zehn Länder auf eine zweite Welle zu – darunter auch die Schweiz.

Die vielen Lockerungen der vergangenen Wochen waren trügerisch: Die Pandemie wird uns noch lange beschäftigen. «Die harte Realität ist, dass es noch nicht einmal annähernd vorbei ist», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus erst am Montag. Seine Aussage bestätigt ein Blick auf die Fallzahlen weltweit: Nach einer kurzen Verschnaufpause steigen sie vielerorts wieder an – auch in der Schweiz.

Doch nur in einem Land ist das laut Experten schon die berüchtigte zweite Welle (siehe Box). Zehn Staaten scheinen laut einer Analyse des «Guardian», die sich auf Zahlen der University of Oxford stützt, direkt darauf zuzusteuern.

Was genau ist eine Pandemiewelle?

Grundsätzlich kann man es sich wie die Wellen eines Meeres vorstellen: Mal steigt die Zahl der Infektionen, mal geht sie wieder zurück. Wann die eine Welle aufhört und wann eine nächste beginnt, ist nicht festgelegt: «Es gibt keine eindeutigen wissenschaftlichen Kriterien», so Mike Tildesley von der University of Warwick zur BBC. Einige beschreiben jeden Anstieg der Infektionen als eine neue Welle, für andere ist es bloss eine weitere Episode einer oft holprig verlaufenden ersten Welle.

Aus Sicht vieler Experten ist die erste Welle beendet, wenn die Zahl der Fälle deutlich zurückgegangen ist. Eine zweite beginnt dann, wenn es nach einer Pause zu einem anhaltenden Anstieg von Infektionen kommt.

Vom Vorbild zum ersten Land mit zweiter Welle

Lange galt Südkorea als vorbildlich im Kampf gegen Covid-19, weil es die erste Virusausbreitung ohne Ausgangssperren in den Griff bekam. Stattdessen kam eine Kombination von Abstandsregeln, konsequenter Fallverfolgung und Testung zum Einsatz.

Nun ist das asiatische Land das erste, das laut den nationalen Behörden offiziell von einer zweiten Welle heimgesucht wird. Im Schnitt werden täglich 35 bis 50 Neuansteckungen gemeldet. Gemäss einem Sprecher des südkoreanischen Zentrums für Krankheitskontrolle und Prävention (KCDC) gehen Experten davon aus, dass die erneute Ausbreitung von Sars-CoV-2 mit den Lockerungen der Kontaktbeschränkungen und den Ferien im Mai begonnen hat. Seither kam es in Nachtclubs und Kirchen immer wieder zu Neuinfektionen. Ein Ausbruch mit 65 Infizierten nahm seinen Anfang in einem Zumba-Kurs.

Schon zweite oder doch noch erste Welle?

Aber nicht nur in Südkorea haben Lockerungen der Massnahmen einen erneuten Anstieg der Infektionen zur Folge. Auch im Iran und in den USA sprechen die kontinuierlich steigenden Zahlen Bände.

Iran

Über den Iran hiess es bereits, das Land kämpfe schon mit der zweiten Welle. «Darauf deutet alles hin», erklärte unter anderen Lothar Wieler vom Robert-Koch-Institut an einer Pressekonferenz. Denn nachdem der Staat die Pandemie mithilfe strenger Ausgangsbeschränkungen Mitte Mai erfolgreich eingedämmt hatte, schnellen jetzt die Zahlen wieder nach oben.

Die Regierung in Teheran will davon trotz täglich 2000 bis 3000 bestätigter Neuinfektionen nichts wissen. Man befände sich noch mitten in der ersten Welle, so Sima Sadat Lari, Sprecherin des Gesundheitsministeriums, zur Nachrichtenagentur Irna.

Die Begründung: «Aktuell erreicht das Coronavirus einen Höchststand in den Grenzregionen und Städten, in denen es in den ersten Monaten nicht aufgetreten ist.» Erst wenn es in Regionen, in denen es bereits einen «bedeutenden Höhepunkt» an Infektionen gegeben habe, zu einem merklichen Anstieg komme, könne man von einer zweiten Welle sprechen.

USA

Mit derselben Begründung sehe man sich auch in den USA immer noch inmitten der ersten Welle, die nun wieder Fahrt aufnehme, zitiert Faz.net Anthony Fauci, den Chefepidemiologen der Regierung. So sei im Frühjahr 2020 mit New York und New Jersey vor allem die Ostküste betroffen gewesen, nun seien die Bundesstaaten Florida, Texas, Arizona, Georgia und Kalifornien am stärksten betroffen.

Angesichts von am Mittwoch erstmals über 50’000 Ansteckungen an einem Tag, einem Präsidenten, der noch immer behauptet, das Virus würde wieder von allein verschwinden, Corona-Partys feiernden Studenten und mit Blick auf den Nationalfeiertag am 4. Juli, der für ein hohes Reiseaufkommen sorgen dürfte, zeigen sich Gesundheitsexperten besorgt. Es könne sich «ein perfekter Sturm» zusammenbrauen, sagte Joshua Barocas, Spezialist für Infektionskrankheiten am Boston Medical Center, gemäss Cnn.com. Den hält auch Fauci für nicht abwegig. Er warnte, die Zahl der täglichen Neuinfektionen in den USA könne auf täglich 100’000 ansteigen.

Vizepräsident Mike Pence hält indes die Ängste vor einer zweiten Welle für «aufgebauscht», wie Faz.net schreibt: Die Medien würden mit «finsteren Vorhersagen» den Amerikanern Angst einjagen.

Drei mögliche Pandemie-Szenarien

Wie wird sich die Covid-19-Pandemie weiterentwickeln? Dieser Frage sind Forscher um Marc Lipsitch von der T.H. Chan School of Public Health der Harvard University in Boston nachgegangen. Im Fachjournal «Science» berichten sie von drei möglichen Szenarien:

1. Szenario: Nach einer ersten Welle flackert die Pandemie über viele Monate immer wieder auf, die Spitzen der Wellen werden langsam kleiner, weil die Zahl der Immunen nach durchgemachter Krankheit zunimmt. Abhängig von der Höhe der Wellenspitzen wären immer wieder zeitweise Beschränkungen des öffentlichen Lebens nötig.

2. Szenario: Dieses Szenario orientiert sich am Verlauf der Spanischen Grippe in den Jahren 1918/19. Demnach folgt auf einen ersten Gipfel ein weit höherer in den folgenden Herbst- oder Wintermonaten. In diesem Fall wären spätestens im Herbst wieder strenge Regeln nötig, um eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu vermeiden.

3. Szenario: Hier folgt auf den ersten Ausbruch eine lange unruhige Phase mit einem wiederholten Aufflackern der Epidemie, das aber nie wieder das initiale Hoch erreicht.

Zehn Ländern droht die zweite Welle

Weniger streitbar als die Meinungen der iranischen und amerikanischen Vertreter sind die Zahlen, welche Forscher mit dem «Guardian» ausgewertet haben. Die Daten basieren auf dem «Coronavirus Government Response Tracker» der University of Oxford, die zeigen, wie sich das Infektionsgeschehen in verschiedenen Ländern in Bezug auf die Massnahmen entwickelt.

Für die Analyse, deren Ergebnis am 25. Juni 2020 publiziert wurde, war vor allem der sogenannte Stringenzindex relevant, der die Entwicklung der Fallzahlen in Bezug auf Lockerungsmassnahmen eines Staates untersucht. Liegt der – bei einer Skala von 0 bis 100 – unter 70, wird die Lage im jeweiligen Land als «entspannt» eingestuft. Steigt der Wert über diese Marke, drohen erneute Massnahmen bis hin zum Lockdown. Auch eine zweite Welle könnte dann möglich sein, so die Autoren.

Demgemäss steuern neben dem Iran (52,8) und den USA (69,0) auch Deutschland (73,0), die Ukraine (64,3), Bangladesh (63,0), Frankreich (65,7), Schweden (46,3), Indonesien (68,0) und Saudiarabien (69,9) direkt auf die zweite Pandemiewelle zu. Auch die Schweiz zählt mit einem Stringenzwert von 39,0 dazu.

Schweiz bestätigt Fazit der Forscher

Zwar sei die Situation gemäss Stringenzwert in allen Ländern noch entspannt, allerdings stiegen in allen zehn die Fallzahlen aktuell im Vergleich zur Vorwoche wieder signifikant, heisst es auf Theguardian.com. Weitere Gemeinsamkeit der Länder: Allen Anstiegen waren jeweils deutliche Lockerungen vorausgegangen: «Jedes dieser Länder sieht sich mit der Aussicht auf eine zweite Infektionswelle konfrontiert, wobei die geringere Stringenz ihrer Pandemiereaktion es ermöglicht, dass sich die Fälle Woche für Woche häufen.»

Der Blick auf die Schweiz bestätigt das Fazit der Autoren: Waren zum Zeitpunkt der Auswertung 31’249 Covid-19-Fälle registriert, sind es etwas mehr als eine Woche später bereits 32’101 (Stand: 3. Juli 2020, 15.30 Uhr). Die täglichen Infektionszahlen sind mittlerweile dreistellig. Ausserdem wurden mehrere Corona-Fälle in Clubs und Bars bekannt.

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634 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Phil

06.07.2020, 11:31

"Es gibt keinen Beweis, dass Masken einen erhöhten Schutzeffekt erzeugen. Sie lösen das Problem nicht." (Daniel Koch 02.04.20) «Wir werden keine allgemeine Maskentragepflicht einführen» (Berset 22.04.20) Was hat sich bisher geändert? Wusste man es damals einfach nicht, oder war es schlicht unmöglich die Menschen mit Masken auszurüsten da es einfach keine gab? Ich glaube letzteres hat die Regierung dazu bewogen die Menschen bewusst dem Risiko auszusetzen um ihre diesbezügliche Unfähigkeit und Versagen nicht offen zugeben zu müssen. Wieso sollte man einer Regierung vertrauen schenken, deren Krisenmanagement derart desolat ist, dass man einfachste Produkte wie Atemschutzmasken nicht vorrätig hat?

Motzki

06.07.2020, 06:48

Still und leise haben die Politiker und Medien vom Angstszenario "Todesfälle" zum Angstszenario "Ansteckung" gewechselt. Als ob die Ansteckung mit Todesfall gleichzusetzen wäre! Es gibt immer wieder Leute, die mal eine Woche krank sind. Das hat es immer gegeben und wird es immer geben. Deshalb: keine Pank.

Savoy göttingen

06.07.2020, 06:41

China Thailand die beiden haben aktiv Chemikalien eingesetzt und Flächen desinfizieren, desinfizieren kleinen geländeflächen Bankomaten und vieles mehr in der Schweiz Händewaschen und Händedesinfektion und ab heute eine Einweg Gebrauchs Maske schaut mal die Todeszahlen von Thailand an nur mal so als Beispiel die haben im Griff