Allein oder Hotel Mama: «In einer WG kann man kein Chaos veranstalten»
Aktualisiert

Allein oder Hotel Mama«In einer WG kann man kein Chaos veranstalten»

WGs sind zusehends unbeliebt. Erziehungsberater Jürgen Feigel sieht den Grund im geringen Vertrauen der Eltern in die Kinder.

von
B. Zanni
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Eltern, die an ihren Kindern keine Ämtchen verteilen, bekommen dies später zu spüren: Laut Erziehungsberater Jürgen Feigel ist eine Generation unselbständiger Kinder die Folge.

Eltern, die an ihren Kindern keine Ämtchen verteilen, bekommen dies später zu spüren: Laut Erziehungsberater Jürgen Feigel ist eine Generation unselbständiger Kinder die Folge.

Erwin Wodicka
Zimmer in Studentenwohnheimen sind begehrt. «In den letzten Jahren haben wir rund 50 Prozent mehr Anfragen für Einzelzimmer erhalten», sagt etwa Roland Künzler, Co-Hausleiter des Zürcher Studentenwohnheims Maximilianeum.

Zimmer in Studentenwohnheimen sind begehrt. «In den letzten Jahren haben wir rund 50 Prozent mehr Anfragen für Einzelzimmer erhalten», sagt etwa Roland Künzler, Co-Hausleiter des Zürcher Studentenwohnheims Maximilianeum.

zvg
Terrasse im Wohnheim Maximilianeum. Die Bewohner müssen nur ihre Zimmer putzen.

Terrasse im Wohnheim Maximilianeum. Die Bewohner müssen nur ihre Zimmer putzen.

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Herr Feigel, lange konnten es junge Menschen kaum abwarten, in eine WG zu ziehen. Heute aber wohnen sie lieber im Elternhaus oder allein. Was hat sich verändert?

Die jungen Menschen sind teilweise sehr viele Freiheiten gewohnt. Diese können sie am besten weiterhin leben, wenn sie im Elternhaus bleiben oder allein in eine Wohnung ziehen. In einer WG hingegen müssen sie sich auf Pflichten und Verantwortung gefasst machen. Dort können sie kein Chaos veranstalten, eine schmutzige Küche hinterlassen oder so laut Musik hören, wie es ihnen passt.

Werden sie nicht darauf vorbereitet, sich in einer Wohngemeinschaft anzupassen?

Eltern tun das zur zum Teil. Manche erziehen ihre Kinder mit vielen Freiheiten und wenigen Grenzen. Gewissermassen wächst deshalb eine Generation unselbständiger Kinder heran. Weil Töchter und Söhne im Haushalt kaum mehr einen Finger krümmen müssen, sind sie zusehends hilflos, wenn sie auf eigenen Beinen stehen sollen.

Wie zeigt sich das?

Nicht selten rufen Kinder, die ausgezogen sind, zu Hause an und klagen bei ihren Eltern über die viele Arbeit im Studium oder im Beruf. Gleichzeitig machen sie klar, dass sie auch noch in den Ausgang und das Leben geniessen wollen. Dann kann es sein, dass die Mutter oder der Vater bei ihnen zu Hause putzt, für sie einkauft, die Wäsche macht und vielleicht sogar das Essen vorbei bringt.

Warum lassen sich die Eltern das gefallen?

Früher hatten die Eltern ein grösseres Vertrauen in ihre Kinder. Waren sie ausgezogen, hiess es: «Jetzt musst du selber für dich schauen.» Heute hingegen begleitet ein ständiger Sicherheitsgedanke die Eltern. Das führt dazu, dass Eltern ständig Zweifel haben wie: Wird sich mein Kind richtig ernähren? Geht es zu lang in den Ausgang? Kommt es am Morgen pünktlich zur Arbeit?

Woher kommt dieses überbehütende Verhalten?

Die Eltern verwöhnen ihre Kinder, weil sie das Gefühl haben, ihnen alles ermöglichen zu müssen. Auch wollen sie von ihren Kindern alles fernhalten, was sie davon abhalten könnte, sich ganz auf sich selbst und ihre Träume zu konzentrieren. Beispielsweise gehört dazu auch die Mithilfe im elterlichen Haushalt.

Werden aus diesen Menschen jemals richtige Erwachsene?

Ich sehe diese Entwicklung nicht allzu düster. Junge Erwachsene wachsen in die Verantwortung, die ein selbständiger Mensch trägt, automatisch hinein. Ein Problem ist, wenn Eltern nicht loslassen können oder sich dauernd Sorgen machen um ihre Kinder. Je besser es den Eltern gelingt, die Kinder zu befähigen, Verantwortung zu übernehmen, desto stärker können Kinder werden, desto erfolgreicher werden sie.

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