In einer Woche zum Rockstar
Aktualisiert

In einer Woche zum Rockstar

Unser Autor tauscht die Rolle mit seinem ­Forschungsobjekt, ­reflektiert seine musikalische Karriere, ­entwirft dann einen Plan und fängt an, akkordisch zu denken.

von
Adrian Schräder
1 / 6
Mit der Erfahrung eines einzigen Konzerts: Der Fender-Jazz-Bass unseres Autors. Alle Fotos: Adrian Schräder

Mit der Erfahrung eines einzigen Konzerts: Der Fender-Jazz-Bass unseres Autors. Alle Fotos: Adrian Schräder

kein Anbieter
Der andere ist Gary Clark Jr.

Der andere ist Gary Clark Jr.

kein Anbieter
Vorbild James Jamerson, Motown-Bassist.

Vorbild James Jamerson, Motown-Bassist.

kein Anbieter

Schwer zu sagen, wann und wo dieses Ferienprojekt genau begonnen hat. War es am 25. April 1978 um 14.36 Uhr im Evangelischen Krankenhaus in Bergisch Gladbach (immerhin der Ort, an dem auch Heidi Klum das Licht der Welt ­erblickte)? Irgendwann in den 90er-­Jahren, als ich den violetten Flügel von Prince Roger Nelson über die Bühne des Zürcher Hallenstadions schob? ­Zwischen 2007 und 2009 mit meiner Band Les Profiteroles? Oder wuchs der Wunsch, ein Rockstar zu werden und die Welt zu erobern, doch erst am Freitag, in einer Garderobe des KKL in ­Luzern, bei einem Gespräch mit dem amerikanischen Sänger und Gitarristen Gary Clark Jr. (siehe Bild rechts oben), jenem Mann, den viele als die Zukunft des Blues feiern?

Im Ernst: Nichts von alledem trifft zu. Ich schreibe seit vierzehn Jahren mehr oder weniger regelmässig über Popmusik und ihre kulturellen Schleifspuren und bin ausgesprochen happy damit. Die Rolle des Zuhörers und Beobachters genügt mir vollauf. Mehr noch: Sie erfüllt mich und stellt mich immer wieder vor neue Herausforderungen. Musikalische Ambitionen habe ich nie gehegt, besonderes Talent nie aufgewiesen. Mit meinem Klavierlehrer an der Kanti Stadelhofen hatte ich einen Deal: Ich klärte ihn über Hip-Hop auf, er ­erzählte mir von den neusten Kinder­instrumenten, die er erfunden hatte. Ins Zeugnis trug er stets eine 4,5 ein.

Meine Singmatur im Jahr 1999 kann dann sogar als veritables Desaster bezeichnet werden: Note 2,5. Meinem Kumpel Thomas Mantei – er sei hier ­namentlich verdankt –, der mich damals bei der Interpretation des Stückes «Auf einer Burg» am Klavier begleitete, gebührt lebenslanges Beileid. Die Katze meiner Freundin hat auch im komplett ausgehungerten und von Zuneigungs­defiziten geplagten Zustand noch nie Töne von solcher Kläglichkeit von sich gegeben wie ich damals.

Trotzdem stellt man sich als Musikjournalist natürlich immer mal wieder die Frage, wie das so wäre da oben auf der Bühne. Wie sich das anfühlt und was es überhaupt alles braucht, um es so weit zu schaffen, dass Typen wie ich über einen berichten und dabei ins Schwärmen geraten. Und deshalb habe ich mir den Rollentausch für mein diesjähriges Ferienprojekt zur Aufgabe gestellt. Ich will mit meinem E-Bass die Welt erobern wie Lemmy Kilmister, wie Paul McCartney, wie Sting. Ich will Rockstar werden, ein Rockstarleben führen. Oder zumindest eine Idee davon kriegen.

Dafür habe ich mir einen veritablen Schlachtplan zurechtgelegt: In den nächsten Tagen werde ich unter anderem eine Band an einen Auftritt begleiten, Backstage abhängen, Tourbus fahren, Musikunterricht nehmen, einen ­PR-Berater und einen hocherfahrenen Musikkritiker konsultieren, in die Hauptstadt der Musik reisen, eine Zürcher Musikerin von Weltrang treffen, ihr meine Unfähigkeit gestehen, trotzdem versuchen, sie zu einem gemeinsamen Auftritt zu bewegen, Lampenfieber erleben, schweissnasse Hände kriegen, auf der Bühne stehen und schliesslich den Namen Adrian Matthias Schräder in grossen Lettern an den Londoner Nachthimmel nageln.

Vielleicht wird dort dann auch etwas Kürzeres, Prägnanteres, Cooleres stehen. Gut möglich, dass mir mein ­PR-Berater einen Künstlernamen verpassen wird. Schliesslich kennt den Bassisten der Red Hot Chili Peppers ja auch niemand unter dem Namen Michael Balzary, sondern nur unter Flea. Reto Claudio Caffuri, den Mann, der seit Jahren für Marco «Bligg» Bliggensdorfer die vier Stahlsaiten bearbeitet und der mich diese Woche als Basslehrer begleiten wird, nennen alle einfach Fu.

Ich treffe Fu am Samstag um halb drei auf ein Bier. Das trinken Bassisten auch nachmittags, dachte ich. Doch Fu bestellt zwei doppelte Espresso und ein grosses Wasser. Ihm steckt die Nacht ­zuvor in den Gliedern: Eine Studio­session mit dem Zürcher Produzenten Lexx stand an. Das anschliessende Vorgespräch in Fus Studio tief, tief unter dem Albisriederplatz hat vor allem eines gezeigt: Es gibt viel, viel zu lernen. Statt den Amp gleich bis zur Position «Are You Nuts???» aufzudrehen und eine coole Pose einzunehmen, muss ich erst wieder repetieren, was grosse und kleine Terzen sind und wie man «akkordisch» denkt. Wir sehen uns heute wieder. Bis dann muss ich zum Takt des Metronoms Terzen, Quinten, Oktaven und Septen greifen lernen.

Der erste Dialog zwischen dem Lehrer und seinem neuen Schüler ging dann übrigens so:

Lehrer: «Hast du eine Idee, womit wir anfangen könnten?»

Schüler: «Nein.»

Lehrer: «Sehr gut! Als Bassist musst du keine Ideen haben.»

Ach ja, ich hatte es eingangs kurz erwähnt: Es gab da mal diese Band. Ein Trio mit meinen beiden besten Freunden namens Les Profiteroles. Nur dafür habe ich damals, vor acht Jahren, zum ­E-Bass gegriffen und sechs, sieben Stunden genommen. Unsere kleinen Songs über Freunde und ihre Fehler, über das Ausbrechen am Wochenende und trotziges Herzeleid hatten durchaus ihren Charme, wurden aber nie fertig. Irgendwie kamen sich alle im Dreieck immer wieder in die Haare. Der eine hatte keine Lust, der andere wollte seinen Kopf durchsetzen, der dritte andere Musik machen. Und jeder war mal jeder dieser drei. Wir spielten ein Konzert. Vor etwa zwölf Freunden in unserem Übungsraum. Kurz danach fiel die Band auseinander und mein Fender-Jazz-Bass fristete ein stromloses Dasein.

Gestern nahm ich übrigens noch Anschauungsunterricht bei einer Band, die schon viel, viel weiter ist: Der Zürcher Produzent und Reggaesänger Dodo nimmt mich mit in seinem «Hippiebus». Eine kleine Kopie davon habe ich mir zur Einstimmung an einer italienischen Autobahnraststätte gekauft. Der Kommentar des Verkäufers: «Sie sind noch ein Kind.» Hoffentlich keine schlechte Voraussetzung für einen Rockstar.

Deine Meinung