Bär verletzt Bärin tödlich: «In freier Wildbahn wäre ein solcher Vorfall nicht passiert»
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Bär verletzt Bärin tödlich«In freier Wildbahn wäre ein solcher Vorfall nicht passiert»

Ein Vorfall im Natur- und Tierpark Goldau endete für Bärin Laila (31) tödlich. Der Tierpark nennt das Verhalten des Angreifers «natürlich». Reno Sommerhalder erklärt, wieso dies in der freien Wildbahn nicht passiert wäre.

von
Nathan Keusch
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Bärin Laila (31) musste nach einem Zwischenfall im Natur- und Tierpark Goldau am Donnerstag eingeschläfert werden.

Bärin Laila (31) musste nach einem Zwischenfall im Natur- und Tierpark Goldau am Donnerstag eingeschläfert werden.

Natur- und Tierpark Goldau
 Wegen eines offenen Schiebers gerieten Bär Takis (14) und Laila aneinander. Alle Versuche, die Tiere zu trennen, schlugen fehl. Laila musste aufgrund ihrer Verletzungen eingeschläfert werden.

 Wegen eines offenen Schiebers gerieten Bär Takis (14) und Laila aneinander. Alle Versuche, die Tiere zu trennen, schlugen fehl. Laila musste aufgrund ihrer Verletzungen eingeschläfert werden.

Natur- und Tierpark Goldau
Nun wird Kritik an der Bärenhaltung laut:  «Bären in Gefangenschaft zu halten, kann nie artgerecht sein. Egal wie gewissenhaft man es versucht», sagt Bärenforscher Reno Sommerhalder.

Nun wird Kritik an der Bärenhaltung laut: «Bären in Gefangenschaft zu halten, kann nie artgerecht sein. Egal wie gewissenhaft man es versucht», sagt Bärenforscher Reno Sommerhalder.

Natur- und Tierpark Goldau

Darum geht’s:

Nachdem im Natur- und Tierpark Goldau die schwer verletzte Bärin Laila (31) eingeschläfert werden musste, wird nun Kritik an der Bärenhaltung laut. «In freier Wildbahn wäre das so nicht passiert», ist sich Bärenexperte Reno Sommerhalder sicher.

Am vergangenen Donnerstag kam es im Stall während der Fütterung zu einem Zwischenfall. Aufgrund eines offenen Schiebers traf der 14-jährige männliche Syrische Braunbär Takis auf die Bärin Laila und verletzte sie so schwer, dass sie eingeschläfert werden musste.

Eine unnatürliche Situation

Reno Sommerhalder beobachtet Bären seit 35 Jahren in freier Wildbahn. Ihn stört es, dass der Natur- und Tierpark Takis Verhalten als «natürlich» bezeichnet. In der Natur werde eine alte Bärin, die nicht mehr fortpflanzungsfähig ist und damit der Arterhaltung nicht mehr dient, von ihren Artgenossen angegriffen, um jüngeren Tieren Platz zu machen, erklärte der Tierpark den Zwischenfall. «Dass Weibchen, weil sie nicht länger paarungsbereit sind, von den Männchen getötet werden, stimmt absolut nicht», widerspricht Sommerhalder. Dazu gebe es auch keine fundierten wissenschaftlichen Belege.

Viel mehr habe er in der Wildnis schon beobachtet, dass dominantere Tiere den älteren gegenüber mit viel Respekt begegnen. «Klar verletzten sich Bären ab und zu auch in freier Wildbahn», führt Naturschützer Sommerhalder aus. «Doch solch aggressive Zwischenfälle sind in der Wildnis selten.» Denn der unterlegene Bär habe in der Wildnis stets die Möglichkeit zur Flucht, im Stall oder im Gehege jedoch nicht.

Zur Person

Gehege kann Natur nicht ersetzen

Für Sommerhalder ist der Vorfall das Resultat einer unnatürlichen Situation. «Bären in Gefangenschaft zu halten, kann nie artgerecht sein. Egal, wie gewissenhaft man es versucht», sagt er. Denn ein Gehege könne die biologischen Bedürfnisse der Tiere schlicht nicht abdecken. Braunbären sind laut Sommerhalder hochintelligente Tiere mit ausgeprägtem sozialen Verhalten. In der Natur leben sie als Einzelgänger in einem Revier von bis zu mehreren Tausend Quadratkilometern. «In Zoos und Tierparks sind die Gehege zu klein dafür», sagt er. Dies führe zu Verhaltensstörungen bei den Tieren.

«Die Zoos in Europa sind ohnehin mit Braunbären überfüllt», sagt der Bärenforscher. Er hält es für sinnvoller, die Energie und die finanziellen Ressourcen, die in Tierparks gesteckt werden, in die Aufwertung der Ökosysteme und in die Zukunft der wild lebenden Bären zu investieren.

Das sagt der Tierpark

Für Martin Wehrle geht diese Kritik zu weit. Er ist Tierarzt beim Natur- und Tierpark Goldau und sagt: «Für uns sind Arterhalt und Naturschutz sehr wichtig. Über diese Themen werden unsere Besucher und Besucherinnen auch informiert und aufgeklärt.» Dass es trotz vieler Sicherheitsvorkehrungen überhaupt zum Zwischenfall kommen konnte, sei ein verhängnisvoller menschlicher Fehler gewesen. «Wir setzen alles daran, dass sich so etwas nicht wiederholt», sagt Wehrle. Zusätzliche Sicherheitsmassnahmen seien bereits in Kraft.

Zwar räumt Wehrle ein, dass ein solcher Vorfall in der Natur kaum vorkommen kann. «Das liegt jedoch am hohen Alter von Laila.» In freier Wildbahn wäre die Bärin keine 31 Jahre alt geworden.

Du weisst von einem Tier in Not?

Hier findest du Hilfe:

Feuerwehr, Tel. 118 (Tierrettung)

Polizei, Tel. 117 (bei Wildtieren)

Tierrettungsdienst, Tel. 044 211 22 22 (bei Notfällen)

Schweizerische Tiermeldezentrale, wenn ein Tier entlaufen/zugelaufen ist

Stiftung für das Tier im Recht, für rechtliche Fragen

GTRD, Grosstier-Rettungsdienst, Tel.  079 700 70 70 (Notruf)

Schweizerische Vogelwarte Sempach, für Fragen zu Wildvögeln, Tel. 041 462 97 00


Tierquälerei:

Meldung beim kantonalen Veterinäramt oder beim Schweizer Tierschutz (anonym möglich)

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