Aktualisiert 31.08.2016 13:53

Ex-Lidl-Manager

«In Führungspositionen gibts viele Psychopathen»

Vorgesetzte beschimpfen Mitarbeiter als «dicke Salami» und drohen mit «Tritten in die Eier»: Ex-Manager Michael Fischer erzählt vom Alltag bei Discountern.

von
Ann Guenter
Ex-Manager Michael Fischer: In der Nacht bis zu zwei Flaschen Wodka, am Morgen Tabletten, um zu funktionieren.

Ex-Manager Michael Fischer: In der Nacht bis zu zwei Flaschen Wodka, am Morgen Tabletten, um zu funktionieren.

Michael Fischer (49) arbeitete 13 Jahre lang als Manager in der Welt der Lebensmitteldiscounter – zum Beispiel bei der deutschen Penny-Markt-Kette oder bei Lidl. Über diese Jahre, die aus Fischers Sicht von Demütigungen, Kontrolle, Angst und Alkoholsucht geprägt waren, hat er unter einem Pseudonym ein Buch geschrieben. 20 Minuten hat mit dem Ex-Manager gesprochen.

Herr Fischer, haben Sie dieses Buch aus therapeutischen Gründen geschrieben oder ist es eine Abrechnung mit der Discounterbranche?

Keines von beiden. Ich wurde nie entlassen, bin also kein Frustrierter, der sich an seinen Chefs rächen will. Und um meine Alkohol- und Medikamentensucht geht es in dem Buch zwar auch, denn ich will zeigen, wie man den Weg da raus tatsächlich schaffen kann. Denn ich bin der lebende Beweis dafür, dass es keine hoffnungslosen Fälle gibt. Vor allem wollte ich mit dem Buch einfach ehrlich sein nach all den Jahren der Maskerade als toller Manager.

Können Sie das ausführen?

Entscheidend war für mich die Erkenntnis, dass ich merkte, dass ich mit meinen Schilderungen über die Discounterbranche etwas verändern kann. Das Buch dürfte die Branche schon etwas ins Schwitzen bringen, denn Discounter haben wahnsinnige Angst vor der Öffentlichkeit. Nur aus dieser Angst heraus, und nicht etwa aus Überzeugung, dass sich etwas ändern muss, werden sich die Zustände verbessern.

Sie haben von einem Tag auf den anderen Ihre Stelle als Leiter eines Warenverteilzentrums bei Lidl Schweiz gekündigt. Das kann sich nicht jeder leisten.

Ja, ich habe hervorragend verdient. Aber ich hätte auch mit weniger Lohn gekündigt, denn ich hatte überhaupt keine Wahl mehr. Ich hätte es nicht überlebt, so weiterzumachen.

Wie denn weitermachen?

Ich habe pro Woche zwischen achtzig und hundert Stunden in einem vollkommen kranken System gearbeitet. In der Nacht habe ich bis zu zwei Flaschen Wodka getrunken, am Morgen dann Psychopharmaka eingeschmissen, um wieder zu funktionieren. Irgendwann bin ich zusammengebrochen. Auf dem Heimweg habe ich eines Abends nur noch geweint und ich wusste: Ich muss kündigen, jetzt und sofort.

Sie beschreiben im Buch eine Kultur des Fertigmachens unter den Managern, berichten von Überwachung und Kontrolle.

Ja. Es gibt wirklich viele Psychopathen in Führungsposition, also wirklich psychisch kranke Menschen, die sich dort ausleben. Der Landeschef der deutschen Penny-Kette schrie seine Führungskräfte gern an, bezeichnete sie als Vogelscheuchen oder Vollidioten. Leute, die er als zu dick empfand, nannte er «Presswurst» oder «dicke Salami». War mein direkter Vorgesetzter nicht zufrieden, brüllte er: «Ich trete dir in die Eier – und wenn du schreist, trete ich nochmals zu!» Die privaten Facebook-Accounts wurden kontrolliert. War man krank, kam jemand mit einem Strauss billiger Blumen zu dir nach Hause, um sich zu vergewissern, dass du wirklich krank bist. Und bis der Kamera-Skandal bei Lidl in Deutschland aufflog, gab es auch bei allen Discountern Überwachungskameras, und zwar überall.

Wie lief es bei Lidl in der Schweiz?

Mein damaliger Chef hat zwar nie geschrien, er hat stets sehr leise gesprochen. Für ihn war Lidl immer nur «die Organisation». Er sagte Sachen wie: «Die Organisation wünscht das nicht. Die Organisation will das nicht!» – es erinnerte an eine Sekte. Der Mann war komplett überarbeitet. Einmal gab es in einer Zeitung einen kritischen Bericht mit Aussagen eines anonymen Informanten. Er kam mit seinen ewig blutunterlaufenen Augen zur Sitzung, knallte die Zeitung auf den Tisch und sagte mit seiner leisen, bedrohlichen Stimme: «Wir haben eine Zecke in der Organisation. Die hat sich festgebissen. Und diese Zecke sitzt hier und sie saugt Blut. Aber ich schwöre Ihnen: Die Organisation lässt das niemals zu und ich werde diese Zecke gnadenlos entfernen.» Das war unheimlich und einschüchternd, aber auf eine andere Art, als ich sie in Deutschland erlebt habe. Die Überzeugung des Chefs war grundsätzlich: Zwischen den Führungskräften muss immer eine Spannung herrschen, damit sie produktiv bleiben. Die Leute wurden gegeneinander ausgespielt. Das war wie ein Dauerkrieg.

Und doch: Viel Arbeit für viel Geld – das ist der Preis, den man zu zahlen gewillt ist.

Ja. Aber wie hoch dieser Preis ist, merkt man erst nach Jahren im Durchlauferhitzer. Aber natürlich: Es wird toll bezahlt, man hat einen tollen Firmenwagen, kann sich vieles leisten. Das blendet natürlich. Ich will nicht jammern und die böse Welt anklagen. Ich will die Wahrheit sagen, und die ist: Die Führungskräfte werden bis zum letzten Tropfen ausgelutscht, die Mitarbeiter wurden vor allem bei den genannten beiden Discountern regelrecht fertiggemacht.

Die Wahrheit ist aber auch, dass die Manager sich wegen des Geldes vieles gefallen lassen.

Das ist richtig. Ich habe auch kein Mitleid, verstehen Sie mich richtig. Ich hätte ja auch jederzeit aussteigen können und jede andere Führungskraft kann das auch.

Wieso sind Sie nicht früher ausgestiegen?

Ich habe viel Geld verdient, war erfolgreich, habe nichts in Frage gestellt. Ich war mit 30 Jahren der jüngste Verkaufsleiter in der Firmengeschichte. Ich habe mich widerstandslos mittreiben lassen, und es kam mir in all den Jahren nie in den Sinn zu sagen, dass ich in diesem System nicht zurechtkomme. Aber am Schluss erkannte ich, dass viele Mitarbeiter, nicht nur ich, zerstört, ja kaputt waren. Das ist nicht in Ordnung.

Haben Sie Ihre Mitarbeiter auch schlecht behandelt?

Ich würde sagen: nein. Ehemalige Mitarbeiter haben mir das auch immer bestätigt. Mein erster Chef sagte mir immer: «Du musst die Peitsche auspacken! Es muss knallen! Es muss wehtun! Du bist zu weich!» Mich hat das wenig beeindruckt, ich hatte keine Angst vor meinen Vorgesetzten. Das war entscheidend. Wenn die Vorgesetzten Angst witterten, machten sie die Leute fertig. Bedingt durch meine Suchterkrankung war ich aber relativ relaxed, denn wenn man über viele Jahre mit dem Tod Hand in Hand geht, beeindruckt das einen nicht wirklich.

Sie schreiben, dass die Mitarbeiter im Discount sehr viel stahlen – auch bei Lidl Schweiz?

In meinem Bereich schon, in sehr hohem Ausmass, doch es war sehr schwierig, die Diebe zu überführen.

Also blieben die Diebstähle ohne Folgen?

Der damalige Landesleiter beschloss, zur Abschreckung vier Mitarbeiter herauszupicken und sie fristlos zu entlassen.

Ohne Beweise?

Ja. Vermutet hat man es aber. Das war das erste Mal, dass ich jemanden entlassen musste, ohne wirklich etwas gegen diese Person in der Hand zu haben.

Wieso gingen diese Mitarbeiter nicht vor das Arbeitsgericht?

Drei haben tatsächlich zugegeben, etwas geklaut zu haben. Der Vierte stritt das vehement ab. Er wurde nicht entlassen.

Sie leben als Deutscher seit Jahren in der Schweiz. Wo sehen Sie Mentalitätsunterschiede?

Deutsche sind sehr direkt. Die Schweizer sind in der Führung gelassener, geduldiger, nicht so laut, nicht so hart. Die Schweiz ist für mich menschenfreundlicher, wenn man das so sagen kann.

Ihr aktueller Arbeitgeber ist ein internationaler Konsumgüterhersteller. Ist da die Welt in Ordnung im Vergleich zur Discountbranche?

Ja, absolut. Es ist quasi der Garten Eden im Vergleich. Das liegt wohl auch daran, dass es dort eine richtige, gewachsene Firmenkultur gibt.

Michael Fischer arbeitete bei Discountern wie Penny, Norma und zuletzt bei Lidl Schweiz. 2011 kündigte er bei Lidl und schrieb danach über seine Erfahrungen unter dem Pseudonym Casimir Brown den Titel: «Der Sinn des Lebens», AAVAA Verlag, Berlin. Im Fachhandel ist das Buch ab 14 Franken erhältlich.

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