Aktualisiert 07.05.2015 09:50

Indien-BlogIn Gandhis Fussstapfen

Anstatt Steine zu werfen, demonstrieren die Adivasi friedlich mit einem mehrtägigen Fussmarsch. Unsereins würde wohl zusammenbrechen.

von
David Torcasso
7.5.2015
Die Adivasi sind sich gewohnt, täglich Kilometer zu gehen. Deshalb ist der Fussmarsch als politisches Druckmittel wirksam.

Die Adivasi sind sich gewohnt, täglich Kilometer zu gehen. Deshalb ist der Fussmarsch als politisches Druckmittel wirksam.

Akansha Damini Joshi
Um sich Gehör zu verschaffen und die Marschierenden bei Laune zu halten, singen und musizieren die Adivasi während des Gehens.

Um sich Gehör zu verschaffen und die Marschierenden bei Laune zu halten, singen und musizieren die Adivasi während des Gehens.

Akansha Damini Joshi
Die Demonstrierenden tragen ihr Hab und Gut stets mit sich - meistens auf dem Kopf in einer beachtlichen Balance.

Die Demonstrierenden tragen ihr Hab und Gut stets mit sich - meistens auf dem Kopf in einer beachtlichen Balance.

Akansha Damini Joshi

Sie schlafen nachts neben der Strasse. Wenn sich der Sommertag in eine Winternacht verwandelt. Weil sie zu wenige Decken haben, erkälten sich die Menschen. Eine Mahlzeit pro Tag muss reichen. Diese Protestierenden gehen, singen, tanzen, essen und beten zusammen. Ein beispielloser Akt des gewaltlosen Widerstands. Seit drei Tagen laufen über 5000 Adivasi und Dalits – die Ureinwohner sowie die Land- und Kastenlosen Indiens – auf die Hauptstadt Delhi zu. Sie fordern eine neue Landrechtsreform.

Für das Recht gehen

Die Adivasi, die mir bereits in Tilda durch ihre bescheidene Persönlichkeit ans Herz gewachsen sind, gehen diszipliniert in Zweierreihen auf der Strasse. Auf der anderen Fahrbahn staut sich der Verkehr. Leute steigen aus und bestaunen die friedliche Menge. Für den Einsatz und den Mut, hier für ihr Recht einzu-stehen. Wir verlassen das Auto und schiessen ein paar Selfies. Ich stelle mich neben die Leute und lächle in die Kamera. Wie ein Tourist. Ich muss, denn die Polizisten beäugen mich kritisch. Die Demonstranten freuen sich, dass ich einige Worte Hindi mit ihnen wechsle. Je mehr Menschen zu uns kommen, desto mehr Polizisten rücken auf. Bevor ich abgeführt werde, gehe ich zum Auto zurück und wir fahren weiter.

Ich wäre gerne geblieben und mit diesen Menschen marschiert. Hätte mit ihnen gesprochen und vielleicht auch unter Betonbrücken übernachtet. Wobei diese Vorstellungen eines aus Solidarität handelnden Europäers in der Realität schwer umzusetzen sind: Ich hätte einen Übersetzter benötigt, um mit den Adivasi zu kommunizieren, und einen Schlafsack hätte ich auch nicht dabeigehabt. Ich setze mich im Hotel in den Frühstücksraum und beginne zu schreiben. Ich führe Telefoninterviews und publiziere Berichte über den Marsch auf den Websites meiner Organisation und Social Media.

Weg von den Maschinen, hin zum Land

Als ich das Licht im Hotelzimmer ausknipse, denke ich an die Adivasi, die jetzt neben der Strasse ein Lager für die Nacht aufschlagen. Sie schlafen auf einfachen Tüchern, während ich die Decke über mich lege. Können sie einschlafen? Ich kann es nicht, denke nach: So viele Füsse, die die Erde berühren. Erde, die ihnen gehören sollte. Die Adivasi sind ein Kontrast zum Leben in der Grossstadt. Wir sitzen im Zug, ärgern uns über eine Verspätung, während diese Menschen tagelang laufen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die Welt dreht sich hin zu den Industrien und dem Konsum. Weg von der Erde. Diese Marschierenden bewegen sich weg von den Maschinen, weg vom Materialismus hin zum Land.

Eines Tages werden wir ihnen vielleicht dankbar sein, dass sie um unsere Erde und unser Essen gekämpft haben. Jetzt haben wir aber nicht die Geduld, den Boden wachsen zu lassen. Dieser Marsch ist aber nicht nur eine physische Bewegung. So einfach ist es nicht. Die Schritte gehen nicht nach rechts und nicht nach links, sondern nur vorwärts. Wir können noch so lachen. Aber ein Stück Land ist wohl die ehrlichste Forderung der Welt. Die armen und einfachen Menschen sind stark. Diese starke Botschaft nehme ich mit für mich.

David Torcasso ist Autor, Mediencoach und Blogger. Nach seinem Journalismus-Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW arbeitete er für Tages-Anzeiger und 20 Minuten, danach als freiberuflicher Journalist für Das Magazin, NZZ, Die Zeit oder Monocle. David pendelt zwischen Zürich und Berlin. Zurzeit weilt er in Bhopal, Indien, wo er seinen Zivildienst bei der Entwicklungsorganisation Ekta Parishad absolviert.

Auf seinem Blog Dal-by-Dal und auf 20 Minuten berichtet er von seinen Erlebnissen.

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