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In Indien gibt es keine Robin Hoods mehr

Bahadur Singh hat schon bessere Zeiten erlebt. Früher versteckte er sich tagsüber in einer tiefen Schlucht, nachts raubte er die Landsitze reicher indischer Grundherren aus.

«Ich war das Gesetz», sagt er, während er auf seinem selbst gebauten Bett in einer strohgedeckten Lehmhütte sitzt. Damals, so erinnert sich Singh, hatten Gesetzlose noch Prinzipien und einen Ehrenkodex, und ein Mann konnte sich noch voller Stolz «Bandit» nennen.

Für heutige Kriminelle hat er nur Verachtung übrig: «Diese Kerle denken nicht daran, Gutes zu tun, sie schlagen sich nur die Bäuche voll.» Niemand würde glauben, dass der Mann mit den guten Manieren, der schätzt, dass er etwa 60 Jahre alt ist, ein Leben voller Gewalt führte. Bei den Armen wurde er zum Helden, als er einen verhassten Geldleiher umbrachte. Heute ist Singh so arm, dass er Besuchern nicht einmal einen Tee anbieten kann. «Früher war er hoch geachtet, sogar gefürchtet. Jetzt zählt er weniger als ein Hund», sagt ein Nachbar.

Leute wie Singh waren früher keine Seltenheit in Indien. Die Einheimischen erzählen sich seit Generationen Mythen über Männer, die wie Robin Hood die Reichen bestahlen, um den Armen zu geben und die Wehrlose vor den Feudalherren beschützten.

«Damals fassten Banditen keine Frau an, sie liessen die Armen in Ruhe», bestätigt Rajesh Gupta, ein Polizist, dessen Wache etwa hundert Kilometer südlich der Hauptstadt Neu-Delhi liegt. Heutzutage entführen Verbrecher selbst hochverschuldete Bauern, um Lösegelder zu erpressen. Vergewaltigung gehört zunehmend zur Tagesordnung. Viele Gangs stecken mit korrupten Politikern unter einer Decke, die diese als ihre Vollstrecker bei allen möglichen Aufgaben und zur Sicherung von Wählerstimmen einsetzen, wie Gupta erläutert. «Das sind wahrlich keine Robin Hoods mehr», ergänzt der Polizist.

In den 60er Jahren zerfielen die Banden, die manchmal Jahrhunderte alten Traditionen folgten. Der Fahndungsdruck der Polizei nahm zu, sie spürte dank moderner Technik Banditen auch in abgelegensten Regionen auf. Mehr als 600 Banditen legten für das Versprechen einer milden Strafe und häufig im Gegenzug für ein Stück Land ihre Waffen nieder.

Eine Verbrecherin brachte es sogar zu Weltruhm: Phoolan Devi, die Tochter eines armen Bauern, wurde zur «Königin der Banditen». Sie führte zehn Jahre lang eine blutige Rebellion in Zentralindien, nachdem sie von Angehörigen einer höheren Kaste vergewaltigt worden war. Verehrt in unzähligen Büchern und Filmen ergab sie sich Mitte der 80er Jahre, 1994 kam sie aus dem Gefängnis frei. Zwei Jahre später wurde sie ins Parlament gewählt. Im Jahr 2001 wurde sie umgebracht - wahrscheinlich ein später Racheakt für ein Massaker, das sie zwei Jahrzehnte zuvor angeordnet haben soll.

Roop Singh kann von Phoolan Devis Ruhm nur träumen. Früher befehligte er viele Männer, ordnete Morde an und verbreitete unter den Reichen Angst und Schrecken. Jetzt ist er 86 Jahre alt, geht am Stock und beschwert sich: «Keiner beachtet mich». Doch seine Würde flammt wieder auf, wenn er beim Essen durch eine Frage gestört wird. Dann befiehlt er: «Ruhe!». Und bevor er sich fotografieren lässt, zwirbelt er erst mal die Spitzen seines Bartes zurecht. Zum Abschied bricht die Melancholie wieder durch, als er sagt: «Vergiss mich nicht.» (dapd)

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