Mann (21) tötet Vater: «In mir zerbrach etwas, ich war blind vor Wut»
Aktualisiert

Mann (21) tötet Vater«In mir zerbrach etwas, ich war blind vor Wut»

Ein heute 21-jähriger Mann erschoss im März 2015 seinen Vater. Der Tat in Pfäffikon ZH gingen jahrelange Streitereien voraus. Der Prozess läuft.

von
ann
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Der damals 19-jährige S. L.* aus Pfäffikon ZH hat sich noch am Tatabend,  Dienstag, 31. März 2015, bei der Polizei gemeldet und erklärt, dass er seinen Vater getötet habe.

Der damals 19-jährige S. L.* aus Pfäffikon ZH hat sich noch am Tatabend, Dienstag, 31. März 2015, bei der Polizei gemeldet und erklärt, dass er seinen Vater getötet habe.

S. L. war in der Nachbarschaft als freundlicher und sympathischer junger Mann bekannt. Gewalttätig sei er nie gewesen.

S. L. war in der Nachbarschaft als freundlicher und sympathischer junger Mann bekannt. Gewalttätig sei er nie gewesen.

Sein Vater B. L. wurde tot in der Wohnung gefunden, in der er mit seinem Sohn gewohnt hatte.

Sein Vater B. L. wurde tot in der Wohnung gefunden, in der er mit seinem Sohn gewohnt hatte.

Keystone

Es ist der 31. März 2015: Der 19-jährige S. L. geht nicht zur Arbeit, weil er sich unwohl fühlt. Der Grund: Er hat Angst vor der Lehrabschlussprüfung und reagiert mit psychosomatischen Beschwerden. Doch sein Vater B. L. (67) nimmt ihn nicht ernst. Er schlägt seinen Sohn. Lacht ihn aus. Beschimpft ihn. Auch über seine verstorbene Ehefrau lästert der Vater. Dem Sohn reicht es. Er ist verängstigt, enttäuscht und wütend. Da fasst er den Entschluss, seinen Vater zu töten.

Er holt dessen Pistole, setzt das Magazin ein, wickelt eine Decke um die Pistole und tritt ins Wohnzimmer. Sein Vater sitzt seelenruhig im Sessel vor dem Fernseher. Was er nicht ahnt: In wenigen Sekunden wird sein Sohn ihm in den Hinterkopf schiessen und er wird auf der Stelle tot sein. S. L. drückt ab. Anschliessend fährt der Sohn mit dem Velo zum lokalen Polizeiposten. Doch der ist bereits geschlossen, weshalb er die Kantonspolizei anruft und sich selbst stellt.

«Ich getraute mich nicht in ihr Zimmer»

Am Montag muss sich der heute 21-Jährige wegen Mordes vor dem Bezirksgericht Pfäffikon ZH verantworten. Staatsanwalt Markus Oertle qualifiziert die Tat in seiner Anklageschrift als «skrupellos und besonders verwerflich». Die Anklage lautet auf Mord.

Am Nachmittag wurde S.L. befragt. Er erzählte, wie schlimm er die Zeit nach der Trennung seiner Eltern erlebte. Damals war er erst zehn Jahre alt. Er wohnte fortan bei seiner Mutter, die schweren Alkoholprobleme hatte und sich nicht um ihn kümmerte. Sie sei teilweise tagelang nicht aufgestanden. «Ich getraute mich nicht ihr Zimmer, weil ich Angst hatte, sie sei tot», so der Angeklagte.

«Er hat mich nur beleidigt»

Als S. L. seinen 13. Geburtstag feierte, wurde seine Mutter ins Spital eingeliefert. Zwei Tage später war sie tot. S.L. weint im Gerichtssaal, als er davon erzählt. Auch im Publikum – am Prozess nehmen so viele Freunde von S. L. teil, dass er in einen zusätzlichen Raum übertragen werden muss – fliessen Tränen.

Danach zog S.L. mit seinem Vater zusammen. Doch es gab nur Streit. «Ich versuchte so zu sein, wie es Vater wollte. Ich konnte es ihm aber nie recht machen», erzählt S.L. Sie hätten kaum miteinander gesprochen, er sei immer nur beleidigt worden. «Er hat mich Arschloch, Missgeburt und grössten Fehler in meinem Leben genannt.» Immer wieder haber er auch Vergleiche zur toten Mutter gemacht, die auch zu nichts nutze gewesen sei. «Wenn er mich Hurensohn nannte, tat das tausendmal mehr weh, als alle Schläge.» Er fing an zu trinken und zu kiffen und habe ständig Selbstmordgedanken gehabt.

«Ich hoffte, dass er ein einziges Mal Vater sein würde»

Drei Tage vor der Tat schrieb er einen Abschiedsbrief. Er wollte sich das Leben nehmen. Am Tattag, an dem er sich das Leben nehmen wollte, blieb er wegen Magenschmerzen zu Hause. Der Vater habe ihn darum zum Arzt geschickt. «Der Hausarzt überzeugte mich davon, mit dem Vater zu reden, ihm alle Probleme zu schildern.»

Er sei naiv gewesen und habe gehofft, dass der Vater ihm nun endlich beistehe. «Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, um mit ihm zu reden hoffte, dass er nur ein einziges Mal mein Vater sein würde.» Der Vater habe ihn aber nur hämisch ausgelacht und als Weichei bezeichnet.

Zusammenbruch und blinde Wut

«In diesem Moment bin ich gebrochen.» Er habe noch nie so gefühlt, sei völlig am Ende gewesen. Über die Tat selbst zu reden fällt S.L. sichtlich schwer. Blind vor Wut und unendlich enttäuscht sei er gewesen. Nach der Tat sei er aber nicht erleichtert gewesen, sondern verwirrt.

Ihm selbst tut die Tat unendlich leid. «Ich zerfresse mich Tag für Tag deswegen.» Darum fordert er eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren für sich selbst.

Mord oder vorsätzliche Tötung?

Staatsanwalt Markus Oertle qualifiziert diese als Mord und attestiert dem damaligen Lehrling «eine absolute Geringschätzung gegenüber dem Leben». Es hätten ihm «ohne weiteres andere Möglichkeiten» zur Verfügung gestanden, um seine Probleme zu lösen. Er verlangt eine Freitheitsstrafe von 14 Jahren.

Anders sieht das S. L.s Verteidiger Valentin Landmann. Er weist die Mordqualifikation zurück und plädiert auf vorsätzliche Tötung. Die Tat weise keine typischen Mordelemente auf. Es handle sich um «eine Affekt-, eine Emotionstat».

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