Aktualisiert 27.10.2008 14:19

Müllkrise

In Neapel stinkt es noch immer zum Himmel

Die Müllkrise in Neapel und Umgebung ist derzeit nicht mehr in den Schlagzeilen. Eine nachhaltige Lösung des Problems ist dennoch nicht absehbar, wie eine diesem Thema gewidmete Webseite dokumentiert.

Seit 1994 wird der Grossraum Neapel mit erschreckender Regelmässigkeit von Müllkrisen heimgesucht. Mannshohe Haufen von Plastiksäcken aller Farben türmen sich dann an den Strassenrändern auf. Teilweise müssen die Autos Slalom um sie herum fahren, weil sie sogar auf der Fahrbahn liegen. Als die Müllabfuhr im Dezember 2007 zu streiken begann, versuchten die Bürger, das Problem auf eigene Faust zu lösen: Sie zündeten den Müll einfach an. Damit machten sie die Situation aber nur noch schlimmer, denn bei der Verbrennung werden Gifte wie Dioxin freigesetzt, die in höchstem Mass gesundheitsgefährdend sind.

Kein geschlossener Müllkreislauf

Was sind die Ursachen für diese Missstände? In Neapel zahlt man höhere Abfallgebühren als im restlichen Italien, nicht weniger als 20 000 Müllmänner sind im Einsatz (sofern sie nicht gerade streiken), dennoch muss regelmässig der Notstand ausgerufen werden. Das liegt einerseits daran, dass es keinen geschlossenen Müllkreislauf gibt: Nur wenige Kleinstädte praktizieren konsequente Mülltrennung, Verbrennungsanlagen existieren nicht. Jahrelang versuchte man die Krise durch neue Mülldeponien zu lösen, die aber immer wieder am Protest der Anwohner scheiterten.

Die Camorra verdient mit

Vor allem aber hat das in Kampanien, der Region um Neapel, sehr einflussreiche organisierte Verbrechen seine Hände im Spiel. Die Camorra, die regionale Variante der Mafia, ist an vielen illegalen Deponien beteiligt, von denen es in Italien 4000 gibt. Über Scheinfirmen gewinnt sie oft die Ausschreibungen für die Entsorgung des Mülls der Grossindustrie, da ihre Angebote um bis zu 90 Prozent günstiger sind als diejenigen der legalen Konkurrenz. Hochgiftige Substanzen werden dann einfach in der Erde vergraben. Um die Gesundheit der Anwohner scheren sich die Mafiosi keinen Deut. Kein Wunder, dass die Raten von Lungen- und Leberkrebs sowie von Missbildungen bei Neugeborenen wesentlich höher liegen als im Rest Italiens. Der Autor Roberto Saviano, der diese Missstände in seinem Buch «Gomorra», einer Mischung aus journalistischer Reportage und Roman, detailliert beschrieben hat, benötigt seit 2006 Personenschutz. Da ein Kronzeuge behauptet, es existiere ein Plan zu seiner Ermordung, spielt er nun sogar mit dem Gedanken, das Land zu verlassen.

Symbolische Politik Berlusconis

Nach seinem Wahlsieg hielt Ministerpräsident Silvio Berlusconi am 21. Mai 2008 die erste Kabinettssitzung medienwirksam in Neapel ab. Dabei wurde beschlossen, dass vier Verbrennungsanlagen und zehn neue Deponien errichtet werden sollen. Den Ende des Ausnahmezustandes kündigte der Premier für Ende 2009 an.

«Land der Feuer»

Der Müll ist inzwischen von den Strassen verschwunden, doch nach wie vor brennen jeden Tag hunderte kleiner Feuer, die Müll vernichten - auch giftigen. Roberto Saviano hat die Region um Neapel daher «terra dei fuochi» («Land der Feuer») genannt. Besorgte Bürger haben nun eine Internetseite aufgeschaltet, die sich ebenso nennt (www.laterradeifuochi.it). Die illegalen Praktiken werden dort auf zahlreichen Videos eindrücklich dokumentiert.

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