Sexualdelikte in Basel: «In Schockstarre kannst du dich nicht wehren oder schreien»

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Sexualdelikte in Basel«In Schockstarre kannst du dich nicht wehren oder schreien»

Innerhalb einer Woche wurden in Basel zwei Sexualdelikte im öffentlichen Raum verübt. Wie ist es möglich, dass dies niemand mitbekommt? Ein Kriminologe geht von Schockstarre aus. 20 Minuten hat mit einer Traumaspezialistin über das Thema gesprochen.

von
Vanessa Travasci
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Am Freitag wurde eine 17-Jährige am Unteren Rheinweg angegriffen und Opfer eines Sexualdelikts. Sie wurde von einem jungen Mann unvermittelt angegriffen. Passanten fanden sie verstört auf. 

Am Freitag wurde eine 17-Jährige am Unteren Rheinweg angegriffen und Opfer eines Sexualdelikts. Sie wurde von einem jungen Mann unvermittelt angegriffen. Passanten fanden sie verstört auf. 

20 Minuten
Ebenfalls wurde am Sonntagabend der letzten Woche eine 18-Jährige bei der Ecke Klybeckstrasse/Kasernenstrasse Opfer eines Sexualdelikts. Zwei Männer griffen sie unvermittelt an. 

Ebenfalls wurde am Sonntagabend der letzten Woche eine 18-Jährige bei der Ecke Klybeckstrasse/Kasernenstrasse Opfer eines Sexualdelikts. Zwei Männer griffen sie unvermittelt an. 

20 Min/Steve Last
Eine mögliche Erklärung dafür, wie dies im öffentlichen Raum passieren konnte, ohne dass es jemand mitbekommt, ist das Phänomen der «Schockstarre». Darüber hat 20 Minuten mit einer Traumaspezialistin gesprochen.

Eine mögliche Erklärung dafür, wie dies im öffentlichen Raum passieren konnte, ohne dass es jemand mitbekommt, ist das Phänomen der «Schockstarre». Darüber hat 20 Minuten mit einer Traumaspezialistin gesprochen.

20min/Steve Last

Darum gehts

  • In Basel wurden zwei junge Frauen Opfer von Sexualdelikten im öffentlichen Raum. 

  • 20 Minuten hat mit der Traumaspezialistin Rosmarie Barwinski gesprochen.

  • Sie erklärt die Schockstarre, wie sie Opfer von Gewalt erleben können.

Eine 18-Jährige wurde am Sonntagabend vor einer Woche an der Ecke Klybeck- und Kasernenstrasse in Basel von zwei unbekannten Männern angegriffen. Knapp eine Woche später griff ein junger unbekannter Mann eine 17-Jährige am Unteren Rheinweg an. In beiden Fällen wird jetzt wegen eines Sexualdelikts ermittelt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Niemand scheint etwas mitbekommen zu haben, obwohl die Taten im öffentlichen Raum stattgefunden haben sollen. Kriminologe Dirk Baier kann sich dies unter anderem mit «Einfrieren» erklären, auch bekannt als «Schockstarre». 20 Minuten hat mit Rosmarie Barwinski gesprochen, Leiterin des Schweizer Instituts für Psychotraumatologie (SIPT).

Frau Barwinski, was ist eigentlich eine Schockstarre?

Die Schockstarre ist eine körperliche Reaktion, wenn akute Todesgefahr erlebt wird. Sie zeigt sich bei Tieren genauso wie beim Menschen und ist biologisch verankert. In einer Extremsituation, wie beispielsweise bei einer Vergewaltigung, reagiert unser Körper entweder mit Kämpfen, Flüchten oder Dissoziieren. Sind Flucht oder Kampf keine Option, kommt dieses Dissoziieren, auch bekannt als Erstarren, als Reaktion. Physisch ist der Körper da, der Mensch ist jedoch geistig weg. Es ist eine Schutzreaktion, um psychisch zu überleben. Selber steuern kann man es nicht.

Hat deshalb niemand die beiden Sexualdelikte bemerkt?

Das kann sein, ja. Beim Erstarren kann sich das Opfer nicht wehren, nicht schreien, nicht auf sich aufmerksam machen. Da kann es passieren, dass selbst an einem öffentlichen Ort niemand etwas mitbekommt. Vor ein paar Jahren wurde eine Frau beim Kölner Dom vergewaltigt. Niemand hat etwas gemerkt. Für die Frau war dies das Schlimmste am ganzen Verbrechen. Möglich ist auch, dass Passanten etwas sehen, jedoch nicht glauben können, dass sie gerade etwas wie eine Vergewaltigung beobachten, und weitergehen.

Erstarren kommt also bei Vergewaltigungen vor. Was macht so ein Verbrechen mit einer Frau?

Eine Vergewaltigung ist eine traumatische Erfahrung. Sie kommt in eine Situation, in welcher sie sich selber nicht helfen konnte und von aussen nicht geholfen wurde. Die Psyche wird massiv verletzt. Die Folgen können das eigene Leben stark negativ beeinflussen. Sie kämpft mit Depressionen, starkem Misstrauen gegenüber anderen und fühlt sich nicht in der Lage, zu arbeiten oder intime Beziehungen zu führen. Im Umfeld wird sie als launisch, aggressiv oder unberechenbar wahrgenommen. Oftmals versteht die Betroffene dabei selber nicht, was mit ihr los ist.

Wie kann das sein?

Bei einer Vergewaltigung wird die eigene Psyche zutiefst erschüttert. Man will selber nicht glauben, dass es passiert ist. Man beginnt, es runterzuspielen. Man fragt sich, ob es wirklich geschehen ist, und will sich einreden, dass es gar nicht so schlimm war. Auch möchte man sich nicht eingestehen, dass das Erlebte das eigene Leben beeinflusst. So wird die eigene Wahrnehmung verleugnet. Auch kommen Schuldgefühle hinzu. Die Frauen fragen sich, warum es genau ihnen widerfahren ist und was sie hätten tun können, um es zu verhindern.

Was ist wichtig im Prozess der Heilung?

Wichtig ist, dass die Frauen das Geschehene verarbeiten und richtig einordnen können. Oftmals haben sie durch die Schockstarre Gedächtnislücken. Können sie diese auffüllen, kann das Geschehene rational abgespeichert und ein gesunder Abstand zum traumatischen Erlebnis aufgebaut werden. Dieser Prozess braucht unterschiedlich lang und die eigenen Aussagen können sich in dieser Zeit ändern. Ich erlebe es noch immer, dass meine Patientinnen im Heilungsprozess Diskriminierung erleben. Erinnerungslücken sind normal und der Verarbeitungsprozess hat verschiedene Gesichter.

Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Polizei nach Kanton

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche

Frauenhäuser in der Schweiz und Liechtenstein

Zwüschehalt, Schutzhäuser für Männer

LGBT+ Helpline, Tel. 0800 133 133

Alter ohne Gewalt, Tel. 0848 00 13 13

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Beratungsstellen für gewaltausübende Personen

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