Aktualisiert 13.01.2015 12:33

Informeller UmgangIn Schweizer Firmen herrscht neu Duz-Zwang

Nach angelsächsischem Vorbild verbreitet sich in Schweizer Unternehmen die Duz-Kultur. Der Abbau von Distanz im Arbeitsalltag hat aber nicht nur Vorteile.

von
Valeska Blank
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Teil der Firmenkultur: Bei der Swisscom sind alle Mitarbeitenden per Du.

Teil der Firmenkultur: Bei der Swisscom sind alle Mitarbeitenden per Du.

Keystone/Georgios Kefalas
Auch CEO Urs Schaeppi darf geduzt werden.

Auch CEO Urs Schaeppi darf geduzt werden.

Keystone/Steffen Schmidt
Grosser Verfechter der Du-Kultur war der mittlerweile verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter.

Grosser Verfechter der Du-Kultur war der mittlerweile verstorbene Swisscom-Chef Carsten Schloter.

Keystone/Walter Bieri

In den USA ist es ganz normal: Der Chef ist schlicht John oder die Chefin Jane. Doch auch in der Schweiz wird die Anrede mit dem Vornamen und das Duzen im Job immer gebräuchlicher. Manche Unternehmen machen potenzielle Mitarbeiter sogar schon auf ihrer Website darauf aufmerksam, dass geduzt wird. «Alle Mitarbeitenden sind per Du. Vom Lernenden bis zur Top-Managerin begegnen wir uns auf Augenhöhe», schreibt etwa die Swisscom. Ähnlich tönt es beim Schweizer Ableger des Beratungsunternehmens PWC auf seiner Website für Studierende und Absolventen: «Du bist überrascht, dass wir dich duzen? Nun, das ist Teil unserer Firmenkultur: Wir duzen uns alle – vom Lernenden bis zum CEO.»

Diese Philosophie verfolgen viele international tätige Firmen mit Schweizer Sitz. Mit jedem Mitarbeiter per Du – egal, ob Lehrling oder oberster Chef – ist man beispielsweise bei Microsoft oder Ikea. «Duzen ist bei uns so selbstverständlich, dass auch Firmengründer Ingvar Kamprad einfach mit Ingvar angesprochen wird – ohne dass man sich Gedanken darüber macht», sagt eine Schweizer Ikea-Sprecherin zu 20 Minuten.

Mit allen per Du – auch mit dem Chef

Doch auch bei vielen urschweizerischen Firmen hat sich die Duz-Kultur etabliert. Bei der Swisscom duzt man sich schon seit mehreren Jahren. Der mittlerweile verstorbene CEO Carsten Schloter soll das Du sogar per Hausordnung vorgeschrieben haben. Ähnlich läuft es bei Konkurrentin Sunrise: Dort duzt jeder jeden – auch die Vorgesetzten.

Dass man den obersten Chef Hansruedi Köng einfach mit Hansruedi anspricht, ist auch bei der PostFinance ganz normal. «Bei uns treten Geschäftsleitung, Vorgesetzte und Mitarbeitende unkompliziert miteinander in Kontakt», erklärt PostFinance-Sprecher Johannes Möri. Ausgenommen von der Duz-Kultur sei einzig der Verwaltungsrat.

SBB pirscht sich ans Du heran

Erst langsam auf dem Vormarsch ist die informelle Anrede bei der SBB. Im vergangenen Sommer hat der Staatsbetrieb eine Umfrage durchgeführt, bei der sich die grosse Mehrheit der Teilnehmenden für ein generelles Duzis im Unternehmen ausgesprochen hat. Ihre Argumente: Das Du erleichtere die Zusammenarbeit und fördere das Wir-Gefühl.

Unternehmensweit verordnen will die SBB das Du aber nicht. «Wir wollen nichts erzwingen», sagt Mediensprecherin Lea Meyer, «müssten sich alle Mitarbeitenden von heute auf morgen duzen, wären sicher etliche überfordert.» Dennoch will die SBB-Konzernleitung die Hemmungen vor dem Du deutlich verringern. Gefragt ist dabei die Initiative der Vorgesetzten, die ermuntert werden, die informelle Anrede zu benutzen. Helfen dabei sollen etwa die hierarchiefreie Büros in Zürich-Altstetten und Bern-Wankdorf oder gleiches Mobiliar für alle Mitarbeitenden.

Negative Folgen

Begeistert von der grassierenden Duz-Kultur sind aber nicht alle. Kritiker befürchten, dass der Umgang in der Firma zu kumpelhaft werden könnte oder dass die notwendige Distanz zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten verschwinde. Personalexperte Matthias Mölleney sieht vor allem Probleme, wenn das Du unternehmensweit diktiert wird: «Es kann sich negativ auswirken, wenn eine allgemeine Du-Kultur auch die Mitarbeitenden zum Du zwingt, die eigentlich das Sie bevorzugen würden.»

Viele Unternehmen pochen unterdessen auf die Vorteile der informelle Anrede. «Die Kommunikation ist schlanker und direkter», sagt Barbara Josef von Microsoft Schweiz. «Wenn man ein Anliegen hat von einer Person, die man nicht kennt, muss man sich nicht zuerst umständlich vorstellen.»

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