31.01.2017 19:12

Intellektuelle BallungszentrenIn Städten sind Studierte bald in der Mehrheit

Zürich oder Genf verzeichnen einen hohen Anstieg von Hochschulabsolventen. Dies wirke sich auf Freizeit und Schule aus.

von
B. Zanni
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Laut Sascha Neumann, Professor für Bildungsforschung an der Universität Freiburg, verändert das Akademikermilieu das Konsum- und Freizeitangebot in den Städten. «Bio- und Veganer-Läden lösen etwa Billig-Anbieter ab und anstatt des volkstümlichen Theaters werden vielleicht avantgardistische Darbietungen aufgeführt.»

Laut Sascha Neumann, Professor für Bildungsforschung an der Universität Freiburg, verändert das Akademikermilieu das Konsum- und Freizeitangebot in den Städten. «Bio- und Veganer-Läden lösen etwa Billig-Anbieter ab und anstatt des volkstümlichen Theaters werden vielleicht avantgardistische Darbietungen aufgeführt.»

Keystone/Christian Beutler
Neumann macht in erster Linie den guten Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Arbeitskräfte verantwortlich. «Zürich ist mit Frankfurt und London vergleichbar.»

Neumann macht in erster Linie den guten Arbeitsmarkt für hochqualifizierte Arbeitskräfte verantwortlich. «Zürich ist mit Frankfurt und London vergleichbar.»

zvg
Die renommierte Universität Zürich und die ETH würden zudem viele Menschen anziehen.

Die renommierte Universität Zürich und die ETH würden zudem viele Menschen anziehen.

Keystone/Martin Ruetschi

Die Stadt Zürich entwickelt sich zunehmend zu einem intellektuellen Ballungszentrum. Fast die Hälfte aller Bewohner hat einen Hochschulabschluss. Aktuell ist der Anteil laut der Stadt Zürich auf 47 Prozent gestiegen. Dicht dahinter folgen Genf (44 Prozent), Bern (43 Prozent), Basel (38 Prozent) und St. Gallen (31 Prozent). Von den 25- bis 34-Jährigen haben sogar rund 68 Prozent einen Fach- oder Hochschulabschluss in der Tasche.

Laut Politgeograf Michael Hermann ist das Leben in der Stadt in den letzten 20 Jahren «hip» geworden. «Vor allem das kulturelle Angebot, das intensive öffentliche Leben und die Multikulturalität sprechen viele junge gebildete Menschen an.» Attraktiv seien Städte wie Zürich für diese Gruppe auch wegen ihrer rot-grünen Politik. «Das hat zur Folge, dass der Graben zwischen Stadt und Land bei Wahlen und Abstimmungen immer grösser wird.»

«Progressives Bürgertum»

Hermann geht aber auch davon aus, dass sich in den Städten zunehmend Filterbubbles entwickeln. «Da die gut gebildeten Leute ihre eigenen Milieus schaffen, entstehen neue Quartiere.» Dadurch werde eine allmähliche Verdrängung von Nicht-Akademikern in die Agglomeration stattfinden. Einem progressiven Bürgertum in den Städten stehe so nichts mehr im Wege. Hermann rechnet deshalb auch damit, dass die Mietpreise im mittleren Segment weiter ansteigen. «Die klassische Oberschicht der Topverdiener zieht hingegen weiterhin in Steueroasen wie Wollerau.»

Sascha Neumann, Professor für Bildungsforschung an der Universität Freiburg, macht dafür in erster Linie den guten Arbeitsmarkt für hoch qualifizierte Arbeitskräfte verantwortlich. «Zürich ist mit Frankfurt und London vergleichbar.» Die renommierte Universität Zürich und die ETH würden zudem viele Menschen anziehen.

«Ehrgeizige Eltern»

Auch an den Schulen soll der Trend nicht spurlos vorbeigehen. Neumann glaubt, dass sich die Maturandenquote in den Städten erhöhen könnte. «Da Akademiker in der Regel ihren Kindern einen hohen Abschluss ermöglichen wollen, nimmt der Bildungsehrgeiz in den Schulen zu.»

Laut Neumann verändert das Akademikermilieu zudem das Konsum- und Freizeitangebot in den Städten. «Bio- und Veganer-Läden lösen etwa Billig-Anbieter ab und anstatt des volkstümlichen Theaters werden vielleicht avantgardistische Darbietungen aufgeführt.» Für Leute mit weniger hohen Abschlüssen und Salären werde es in Zukunft immer schwieriger, sich das Leben in Städten leisten zu können.

«Komplizierte Abstimmungsvorlagen»

Dass sich die Schweizer Städte zu Hotspots der Eliten entwickeln, befürchtet Kulturkenner und Schriftsteller Pedro Lenz jedoch nicht. «Elitismus ist nicht sehr schweizerisch», sagt Lenz. Zwei Verliebte fragten sich hierzulande auch nicht etwa: «Bist du Akademiker?» Zudem genössen Hochschulabsolventen hierzulande kein höheres Ansehen. «Denn viele Akademiker haben nicht unbedingt grössere Berufschancen und sind auch nicht reicher.» Laut Lenz befinden sich unter den Hochschulabsolventen auch viele Menschen, die nach einer Lehre einen akademischen Weg eingeschlagen hätten.

In Bezug auf die Demokratie hat Lenz aber Vorbehalte. «Es besteht die Gefahr, dass die Abstimmungsvorlagen so kompliziert werden, dass sie nur noch Gebildete verstehen.» Das berge die Gefahr, dass Populisten mit vermeintlich einfachen Lösungen Aufwind erhielten. Es sei deshalb wichtig, bereits den Primarschülern zu vermitteln, dass «jeder Büezer» in der Politik mitreden könne.

Gebildete Ausländer

Im Schnitt verfügen verfügen 29 Prozent der Schweizer über eine tertiäre Schulbildung. Männer und Frauen in der Kategorie der 25- bis 34-Jährigen haben in etwa gleich häufig eine höhere Schulbildung. Laut dem statistischen Amt der Stadt Zürich verfügen Zuzüger aus dem Ausland besonders häufig über eine tertiäre Bildung. Zwischen 2010 und 2015 stieg der Anteil von 73 auf 81 Prozent.

6,7 Prozent der Bewohner der Stadt Zürich im Alter von über 15 Jahren haben dagegen keine Schulbildung oder höchstens sieben Jahre Unterricht besucht. Der Anteil der Menschen mit geringer Schulbildung hat sich seit 2010 kaum verändert.

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